Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 22 (2.6.1899)
- Article
- Petersburg
- Date
- 1899-06-02
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 12 „Die x£ Welt44 Frage der Unterrichtssprache im jüdischen Cheder. Dieselbe sprach sich für die Beibehaltung des Hebräischen beim Religions- und Bibelunterrichte aus, für den Talmud unterricht erachtet sie die russische Sprache als entsprechender. — Der russische „Syn Otieez“ berichtet: Die Jahrmarktcomites schritten beim Ministerium des Innern um Bewilligung eines zeitweiligen Aufenthaltes der jüdischen Krämer ausserhalb der sogenannten Judenrayons ein. -- Was sagen die Schöpfer der Ausnahmsgesetze dazu? — Aus Lodz schreibt man: Auf Initiative des Dr. W. Pinkus wurde hier eine Rettungsgesellschaft organisiert. — Anlässlich des 70jährigen Geschäftsjubiläums spendete der Fabriksinhaber Geyer 10.000 Rubel für Errichtung einer Talmud-Thora- Schule. Allerlei Nachrichten Am Nachmittage des 6. Mai schwebte das neue Gebäude der Ahlem er Erziehungsanstalt in grosser Feuersgefahr. Heidekraut, das sich auf dem platten Dache befindet, war in Brand gerathen. Das Feuer wurde sofort bemerkt und konnte von den Zöglingen und Beamten noch rechtzeitig gelöscht werden. * Die Frequenz der in Posen bestehenden Gymnasien und Realschulen per 1898/99 belief sich auf 1840 Schüler, wovon 372 oder 20% jüdische. Von den Lehrern gehören nur 2 der jüdischen Confession an. * Der soeben veröffentlichte Bericht des Königlichen Schiilinspectorates der Londoner Schulen spricht sich über die grosse jüdische Freischule wiederum sehr lobend aus. Namentlich wird dem verstorbenen Schulleiter Moses Angel hohes Lob gespendet. Der Bericht hat auch anerkennende Worte für die Disciplin der Schüler. * Aus dem 64. Bande der Statistik des Deutschen Reiches ergibt sich, dass bei allen Hauptgruppen von Delicten die Juden sehr bedeutend unter dem Percentsatze der anderen Confessionen geblieben sind. Für je 100.000 Protestanten, Katholiken, und Juden ist das Verhältnis: bei Verbrechen und Vergehen gegen die Person 384, 514, 338; bei solchen gegen das Vermögen 496, 546, 360 und bei solchen gegen Staat. Religion und öffentliche Ordnung 127, 126 und 98. * Der Budapester israelitische Frauen verein, bekanntlich der grösste der österreichisch-ungarischen Monarchie, wählte für die im vorigen Jahre verstorbene Frau Johanna v. Bischitz Frau Marie Herzl zur Präsinentin. Um den Sitz der Vicepräsidentin ist ein „Kampf4 entbrannt, so dass eine Stichwahl demnächst vorgenommen werden muss. Es wurden im abgelaufenen Jahre 34.500 fl. Unterstützungen vertheilt, für 155 Waisenkinder 35.500 fl. verausgabt und in der Volksküche 174.000 Personen gespeist, davon 21.200 gratis. Die Gesammtausgaben beliefen sich auf 95.000 fl. In Bad N a u h e i m wurde der Prachtbau der israelitischen Kinderheilstätte, der von der Frau Baronin Rothschild errichtet ist, seiner Bestimmung übergeben. 30 Kinder fanden vorläufig Aufnahme. * Einer der besten amerikanischen Jugendschriftsteller, John Bonner, starb vor wenigen Wochen. Er war sehr thätig in der Tagespresse. Namentlich seine Schilderungen der verschiedenen Völker und Länder erfreuen sich grosser Beliebtheit. Dass in Deutschland der Antisemitismus durchaus nicht im Schwinden begriffen ist, wie gewisse Optimisten so gerne behaupten wollen, dafür liegt uns ein beweiskräftiges Beispiel vor. In einer der grössten rheinischen Fabriksstädte existieren zwei Chemikervereine: ein grosser, in den nur arische Chemiker aufgenommen werden, und ein kleiner, in den gezwungenermassen ausschliesslich Juden ein treten Jene remitieren sich — wie jemand bemerkte — aus solchen „Strebern“, die den Frühschoppen und die Abendkneipe dem Colleg und dem Privatunterrichte vorziehen und dadurch im Wettbewerbe hinter ihren jüdischen Coli egen in der Regel Zurückbleiben. Sie nennen das Bestreben der letzteren, etwas Tüchtiges zu leisten — unlauteren Wettbewerb. * Nr. 22 Der Vorsitzende des Hamburger Comites für die russischen Juden, GemeindevorsteherHinrichsen, feierte am Mittwoch vor 14 Tagen seinen 70. Geburtstag. In Gothenburg (Schweden) ist an Stelle des in den wohlverdienten Ruhestand tretenden Oberrabbiners Dr. Wolff Herr Dr. Koch aus Bremen gewählt worden. Es waren 50 Bewerbungen eingelaufen, aber nur drei Bewerber wurden zur engeren Wahl zugelassen. Die „Israelitisch - ungarische Literatur - Gesellschaft“ hatte ein Werk des Dr. Adolf Kecskemeti subventioniert, woraufhin Oberrabbiner Dr. Sam. Kolm seine Entlassung als Präsident des Ausschusses gegeben. Trotzdem der Verfasser das Werk zurückgezogen, hat Dr. Kohn seine Demission aufrechterhalten und wurde nunmehr Dr. F. Wein wurm zum ersten und Dr. Wilhelm Bacher zum zweiten Vorsitzenden gewählt. In Berlin wurde der Privatdocent an der medicinischen Facultät Dr. M. Mendelsohn zum ordentlichen Professor ernannt. Die zionistische Bewegung Spenden für zionistische Zwecke, sowie Schekelzahlungen sind an das Bureau des Zionistencongresses, Wien, IX., Türkenstrasse 9, Schekelblocks, sowie -Juxten an das Bureau des Zionistencongresses, Basel, zu senden. - Das Actfons=Comite. Budapest. Am jüngst vergangenen Vorabende des Schewuotfesteswar hier in dem Bethause desChinuch-Neorim- Vereines eine ziemlich grosse Anzahl Andächtiger versammelt, um nach altem Brauche in frommer Andacht die niyiDtt? Nacht zu durchwachen. Unter den Andächtigen befand sich auch Herr Julius Gabel aus Budapest, der einen sehr interessanten Vortrag zugunsten der zionistischen Bewegung hielt. Dieser wurde auch mit grossem Beifälle aufgenommen, worauf alle Anwesenden sich bereit erklärten, dem Zionistenverbande' als Mitglieder beizutreten. — Der Chinuch-Neorim-Verein befindet sich Terez-körüt 4, ebener Erde. Kanzlei: Terez-körüt 2, II. emelet 1. Brody, den 22. Mai. Trotz der starken Gegenagitation unseres Cultusvorstandes gelang es uns doch, in der hiesigen Synagoge wie noch anderen Bethäusern einige zionistische Versammlungen einzuberüfen, in denen Herr Schriftsteller Lubecki unter grossem Beifalle die Tenderizrede hielt. Ais besonders erfreuliche Thatsache muss constatiert werden, dass auch zahlreiche Damen durch diese Rede angeregt wurden, und jetzt sehr eifrig für die Gründung eines F lauen Vereines" agitiert wird. Regen Antheil nimmt daran Röza Mizis. Jassy (Rumänien). Der Verein „Benoth Zion" berie* seine Mitglieder auf den 21. Mai zu einer Generalversammlung, um die vom alten Comite übergebene Bilanz zu verificieren. Bei dieser Gelegenheit wurden mehrere Reden gehalten von den Herren Dr. Nacht, Dr. Niemerower und Rokoach. Ferner sprachen unter grossem Beifalle Fräulein Anna Brenner über das Thema: „Warum sollen wir müssig stehen?", und Fräulein Pepi Adler. Herr F r i p t u sprach in einem prachtvollen Rumänisch über die von einer hiesigen Zeitung verbreitete Nachricht von der demnächst stattfindenden Taufe eines Juden, des Dr. M e d i e. Der Verein der studierenden Jugend „Dr. Gaster" feierte gestern die Einweihung seines neuen Locales. Die Feier schloss mit einem Hoch auf Dr. Herzl, Dr. Nord au und Dr. Gaster. Ein neuer Mädchen-Zions verein unter dem Namen „Bessulath B ath Zion" ist auf Anregung des Fräuleins Idelovici gegründet worden. Derselbe zählt schon über 60 Mitglieder. Vorigen Sonntag hielt ihnen Herr R o k e a c h einen Vortrag. Nadwörna. Sonntag, den 25. Mai a. c. hielt der Verein „Zion“ auf Veranlassung der Herren M. Hübner, Ch. Kleininann und L. Förster im Beth-Hamidrasch eine Volksversammlung, welche von einem zahlreichen Publicum besucht war. Der unermüdliche zionistische Agitator Herr Jos. M. P r ö s e s, der Vorsteher der israelitischen Cultusgemeinde. begrüsste die Versammelten und citierte eine Stelle des dieswöchentliehen Bibelabschnittes worauf Herr L. Taubes aus Kolomeä einen1 Vortrag über die Jüdische Colonialbank hielt, welcher mit dem grössten Beifalle aufgenommen wurde. — Die Herren Josef Mehr, L. Taubes. N. Petrower und D. Basseches begaben sich am 22. d. M. nach unserem Nachbarstädtchen Delatyn behufs Abhaltung einer Volksversammlung und Gründung eines Zionvereines.