Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 22 (2.6.1899)
- Article
- Paris
- Date
- 1899-06-02
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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„Die A Welt“ Heite 11 Nr. 22 Setzungen eines Revisionsverfahrens und stellte die These auf, dass eine hinreichende Vermuthung eines Irrthunis, sowie ernste Zweifel genügen, um eine Revision herbeizuführen. Paris, 30. Mai. (Die Revision.) Referent Ballot- Beaupre beendigt heute sein Referat und stellt folgenden Schlussantrag: Die Lösung, welche ich beantragen will, sagt der Referent, würde aller Welt natürlich erscheinen, wenn diese klägliche Affaire nicht zu einem so leidenschaftlichen Hader Veranlassung gegeben hätte. Die Revisionssache hatte gefährliche Verfechter, welche sie durch ihre Angriffe auf die Armee gefährdeten, sie hatte aber auch starrköpfige Gegner, welche den Richterstand gröblich beschimpften. Die Armee steht hier ausserhalb der Sache. Die Ehre der Armee ist über diesen Streit erhaben, Die Ehre der Armee erfordert es nicht, dass ein Unschuldiger auf der Teufelsinsel zurückgehalten werde. Ich verlange nicht von Ihnen, die Unschuld Dreyfus’ auszusprechen, aber ich verlange von Ihnen das Erkenntnis, durch welches er verurtheilt wurde, zu cassieren und ihn vor ein neues Kriegsgericht zu verweisen. Ich thue dies nach bestem Wissen und Gewissen, mit fester. Ueberzeugung und mit dem vollen Bewusstsein meiner Pflicht und der ganzen Verantwortlichkeit meines Amtes. Mein Referat ist zu Ende. (Lebhafte Bewegung, vereinzelte Bravorufe.) Rumänien. Bukarest. (Das neue rumänische Cabinet und die Juden.) Nach übereinstimmenden Meldungen rumänischer Blätter geht das dortige neue conservative Ministerium mit dem Gedanken um, einen Gesetzentwurf in der Kammer einzubringen, der strenge Massregeln gegen fremde politische Verbrecher und — gegen Fremde überhaupt, enthält. Was der Ausdruck „Fremder“ in der krausen Terminologie der rumänischen Rechtssprache bedeutet, braucht nicht erst gesagt zu werden. Ein rumänischjüdisches Blatt meint ironisch, dass der Entwurf von der Kammer zweifelsohne angenommen werden wird, da der Regierung eine starke conservative Majorität zur Seite steht und sie überdies auch von der liberalen Minorität unterstützt wird. Holde Eintracht ... Jassy, 29. Mai. Nach einer von antisemitischen Studenten veranstalteten Versammlung begaben sich die Theilnehmer derselben, nachdem sich ihnen Passanten angeschlossen hatten, gegen das Juden viertel. Fenster und Thüren einiger Läden wurden zertrümmert. Polizei und Militär stellte die Ordnung wieder her. Einige Agenten der Sicherheitswache und mehrere Demonstranten wurden verletzt, doch sind die Verletzungen keine schweren. Es wurden zahlreiche Verhaftungen vorgenommen und die Untersuchung ein geleitet. Jassy, 29. Mai. (Tel. der „Welt“.) Heute haben hier mittelalterliche Judenexcesse stattgefanden. Misshandlungen, Plünderungen, schaudererregende Verwüstungen. Die Stadt bietet einen trostlosen Anblick. Unter den Jaden besteht Angst und Sorge. Man fürchtet für die nächsten Tage Wiederholungen. Wir stehen alle unter dem Eindrücke der schrecklichen Ereignisse. Constanata. Am 19. v. M. erschien vor Gericht als Angeklagter ein Schankwirt namens Marcu Butnar unter der schweren Beschuldigung, einen Mordversuch für rituelle Zwecke gegen ein siebenjähriges Kind verübt zu haben* Als Kläger fungierten ein Bauer namens Tabacaru, der allgemein als Alkoholiker bekannt ist, und das vermeintliche Opfer, ein siebenjähriger Knabe, der grosse Augen machte und absolut nicht begreifen konnte, was dieses Schauspiel eigentlich zu bedeuten hatte. Nach Vornahme der üblichen Formalitäten schritt man zum Verhöre der Zeugen, die natürlich nichts anderes von der Sache wussten, als was allgemein bekannt war, dass der Kläger sich zur kritischen Zeit in berauschtem Zustande befunden und auch dem Kinde fortwährend geistige Getränke verabreichte. Desgleichen bestätigte die Mutter, dass ihr das Kind vom Vater in betrunkenem Zustande nachhause gebracht wurde. Nun wurde das Wort dem Staatsanwalte zur Formulierung seiner Anklage ertheilt. Die geehrten Leser werden gewiss vermuthen, dass der öffentliche Ankläger empört und in gerechtem Zorne über diese seheusslichen Ausstreuungen des Aberglaubens den Stab brechen und solche verworfene Subjecte brandmarken würde. Aber da hätten sie sich gewaltig getäuscht, denn — unser Staatsanwalt empörte sich zwar und gerieth in Zorn und bekämpfte den Fanatismus, aber den — jüdischen, die jüdische Religion, die solche Vampyre schuf etc., und um den Herren Richtern die U eh erzeug an g beizubringen, dass die Juden wirklich solche Ungeheuer und Scheusale seien, citierte er einige Stellen aus dem berühmten Werke (sic!) des genialen Schriftstellers Drumont: „La France juive“, wo mit Namen und Daten alle im Laufe der Jahrhunderte vorgekommenen Ritualmorde klar verzeichnet sind. Und zur Bekräftigung brachte er noch andere Citate aus dem Werke eines getauften Rabbiners. Natürlich schloss er mit dem Anträge, eine strenge Strafe über diesen jüdischen Ritualmörder zu verhängen, damit er für die anderen Juden als warnendes Exempel diene. Nun erhielt der Vertheidiger das Wort, der, wahrscheinlich durch die triftigen Argumente des Staatsanwalts und die Citate aus dem Werke Drumonts besiegt, gewissermassen zu gab, dass zwar in früheren Zeiten solche barbarische Gebräuche bei den Juden geherrscht hätten; aber im Contacte mit der Civilisation hätten sie diese verwerflichen Sitten abgestreift, und übrigens zähle sein Client nicht zu den Anhängern dieser blutdürstigen Secte, wie ja die Zeugenaussagen bewiesen. — Ans Mangel an Beweisen fällte der Gerichtshof ein freisprechendes Urtheil, und so schloss diese denkwürdige Verhandlung. — Als Moral davon bleibt uns die Lehre, .dass Rumänien doch den ersten Rang im Wettkampfe des Antisemitismus beanspruchen kann; denn nirgends würde der Vertreter des öffentlichen Rechtes die Lehren Drumonts vom Podium eines Gerichtshofes zu verkünden wagen. Russland. Petersburg. (Die V e r mögen s Verhältnisse der Juden in P o d o 1 i e n.) /Ln Russland gibt es bekanntlich eine ganze Reihe von speeiellen Judensteuern, sogenannten Taxen, als Koscherfleisch-, Sabbathlichttaxe etc., deren Erträgnis de jure jüdischen Institutionen zugute kommen sollte, thatsächlich jedoch auch für andere Zwecke verwendet wird. Im Gouvernement Po doli eu nun müssen die jüdischen Gemeinden 35.000 Rubel jährlich an Lichttaxe entrichten, konnten aber in den letzten zwei Jahren infolge der Immermehr überhand nehmenden Verarmung diese grosse Summe nicht aufbringen und blieben mit 48.872 Rubel, also fast mit zwei Dritteln im Rückstände. Der Gouverneur entsendete infolgedessen eine Specialcommission, um Nachforschungen anzustellen, ob die ökonomische Lage der Juden thatsächlich derart ungünstig ist, dass sich daraus ein solch grosser Rückstand erklären Hesse. Nach eingehenden Studien erstattete die Commission einen umfassenden Bericht, in dem sie zu folgenden Conclusionen gelangt: „Die an verschiedenen Orten vorgenommene Untersuchung überzeugte uns, dass es in Podolien nur eine ganz kleine Anzahl wohlhabender Juden gibt. Im allgemeinen herrscht unter den Juden des Gouvernements eine schreckliche Armut, welche die Angaben der Gemeindeverwaltungen, wonach die Einnahmsquellen der „Lichttaxe“ in jüngster Zeit versiegt seien, im Lichte der Wahrheit erscheinen lässt.“ Petersburg. Petersburger Blätter melden: Das Unterrichtsministerium ernannte eine 'Specialcommission für die