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Die Welt · 1899-06-02 · 22 (2.6.1899) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
22 (2.6.1899)
Article
Lemberg
Date
1899-06-02
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Sette iO „Die H Welt“ Nr. 22 Hauptsächlich in den letzten 7 Jahren, also seitdem Papst Leo XIII. die bekannte Encyclica „Herum novarum“ erlassen, nahm diese Bewegung einen autoritativen uni sogenannten wissenschaftlichen Charakter an, obwohl die praktischen Politiker der Partei sich nicht scheuen, die ärgsten demagogischen Mittel anzuwenden. Und in keiner anderen Frage herrscht bei dem Volke, welches das parlamentarische „Veto" einführte, eine solche Stimmeneinhelligkeit, wie bei der Behandlung der Juden frage. Einen neuerlichen Beweis dafür liefert der letzte Katholikentag. Fast die Hälfte der christlichen Bevölkerung Lembergs, darunter nebst Repräsentanten aller inofficiellen Stände auch die Vertreter des Staates, des Landes, und der Stadt, kamen zusammen, um für die Sonntagsruhe und Sonntagsheiligung zu plaidieren. Es handelte sich dabei wieder nur darum, den jüdischen Kaufleuten der Hauptstadt die Existenz noch unmöglicher zu machen. Wer die galizischen Zustände kennt, weiss, dass fast alle Juden nicht nur einen Tag in der Woche ruhen, sondern gegenwärtig schon circa zwei, denn nebst Freitag nachmittags und Samstag, seit der staatlichen Einführung der Sonntagsruhe, noch Sonntag von 12 Uhr mittags an. Das alles scheint aber noch wenig zu sein. Offenbar ist es im Interesse des Landes, die Juden schon ganz concurrenzunfähig zu machen, „Wir sollen jetzt den ganzen Sonntag ruhen, da wir doch in einem christlichen Staate leben," heisst es im Munde aller dieser Kämpfer. Um dieses zu erreichen, wurde eine Riesendemonstration insceniert, welche den Staat darauf aufmerksam machen sollte, dass eine diesbezügliche Aenderung des Gesetzes nöthig sei. Alle Anwesenden stimmten ganz einhellig den Brandreden eines Jesuitenpaters bei, und ohne Widerspruch wurden die Resolutionen für die weitere „Thätigkeit" angenommen. Den Stoff zu ihren Reden holten sich die Agitatoren nur aus dem alten Testamente, offenbar wollten sie uns mit unseren eigenen Waffen schlagen! Lemberg. Das Schicksal der Boryslawer Arbeiter und Kleinunternehmer ist aus den Tageszeitungen gewiss hinlänglich bekannt. Jedermann weiss, dass das Elend von circa 1000 Familien infolge der letzten „socialpolitischen" Gesetze und Verordnungen jeder Beschreibung spottet. Es kam so weit, dass die sonst so ruhigen und demüthigen KLeinunfcernehmer zu lauten Unwillenskundgebungen ihre Zuflucht nahmen. Es sollte nun die Pflicht aller berufenen Kreise im Lande sein, für diese ärmsten Proletarier irgendwie zu sorgen. Die polnische Presse aber ist ganz anderer Meinung, ihrer Ansicht nach ist an allem Unglücke nur der Jude schuld. Auch jetzt gehe es in Boryslaw gar nicht so arg zu: „bloss die wenigen (!) jüdischen Kleinunternehmer können sich nicht mehr erhalten, da sie die christlichen Arbeiter nicht mehr ausnützen können." Wie viel Perfidie in diesen Enunciationen sogar „demokratischer" Organe liegt, wird man nur begreifen können, wenn man die „Socialpolitiker" hierzulande kennt. Bei uns Juden sind die Ausbeuter, und bei der Gesellschaft, wo sich fast täglich Jemand infolge gewisser „Unregelmässigkeiten" im Führen des Amtes selbstmordet, ist alles in der besten Ordnung. Lemberg. Der Präsident der hiesigen Cultusgemeinde, Reieh^rathsab geordneter Herr Dr. Emil Byk hat am 13. d. M. eine Notabienversammlung hiesiger israelitischer Gemeindemitglieder einberufen zur Einleitung einer Hilfsaction für die brodlosen Boryslawer Arbeiter. Nachdem der Vorsitzende Herr Dr. B y k das Elend der Boryslawer an der Hand des von den Schriftstellern Herren Feldmann und Hochfeld mitgetheilten ausführlichen Berichtes auseinandergesetzt, wurde eitrComite in2Sectionen für Arbeit, Geldsammlungen, Goncerte und Festveranstaltungen gewählt, und alsExecutiv- Comite die Landtags- und Reichsraths-Abgeordneten Herren Dr. ß y k, Dr. R a p p a p o r t-P ar ade, Dr. Goldmann, Dr. L ö vv e n s t e i n, Dr. Rosenstock, Dr. Trachtmann nominiert, die beim Polenclub und der Regierung Fürsprache einlegen werden. Von Herrn Dr.Rappaport- Parade wurden Herrn Dr. Byk für Boryslaw 1500 fl., von anderer Seite 500 fl., und auf Beschluss der Versammlung durch den Delegierten Feldmann 300 fl. für die Feiertage den Arbeitern vorderhand zugewiesen. Der vom Ahawas Zion, Tarnow, durch den Vizepräsidenten Julius Hochfeld gestellte Antrag auf Verschickung von 100 Familien als Arbeiter in die Colonien „Machnajim", „Pessach Tikwe", zu welcher Verschickung der „Esra"-Verein eine ansehnliche Unterstützung zugesagt hatte, wurde demComit6 zur begutachtenden Berathung übertragen. Von der „Neuen Freien Presse" erhielt das Hilfscomite die Anfrage, ob ein Hilfscomite gebildet sei, in diesem Falle werde die Redaction der „N. F. P." die bereits gesammelten Gelder deip galizischen Comite ein senden. Frankreich. Paris. Sonntag, den 21. Mai, fand in Paris, einberufen von dem Verwaltungscouncil Jewish Colonisation Association, die Jahres-Generalversammlung der Gesellschaft statt. Die Versammlung tagte in dem Bureau, das bis zum November vorigen Jahres im Palais Her Baronin Hirsch der Rue de l’Elysee untergebracht, nunmehr in die Rue Pasquier transferiert worden ist. Die Generalversammlung ist die statutarische Zusammenkunft der Sharesinhaber, denn die Association stellt eine englische Compagnie vor, die von Paris aus verwaltet wird. Doch giebt es nur wenige (zumeist in England lebende) Inhaber von Einzelshares (1 Share — 100 Pf. St.). Es vertreten daher in dieser Versammlung Mitglieder des Council (Directoren) sowohl die gewöhnlichen Sharesinhaber, als auch die Gemeinden und Gesellschaften, die im Besitze des Hauptstockes der Actien sich befinden, d. h. die Anglo-Jewish Association, die Alliance. Israelite Universelle und die jüdischen Gemeinden von Berlin, Frankfurt und Brüssel. Dies sind nämlich die Körperschaften, an welche Baron Hirsch den Actien besitz aufgetheilt hat. — M. Narcisse Leven, der in seiner Person die Ehrenstellen eines Präsidenten der Ica, der Alliance Israelite Universelle und des Central comite der Chovevi Zion vereinigt, führte den Vorsitz der Versammlung, an welcher auch Mr. Claude G. M o n t e f i o r e, M. Zadoc Kahn, M. Sal. R e i n a c h. und als respective Vertreter der Gemeinden von Brüssel, Berlin und Frankfurt a. M. die Herren Consul Philli.pso n. Dr. E. Lachmann, J. P1 o ske theilnahmen. Der Jahresbericht. der weit umfangreicher ist, als in früheren Jahren, wurde genehmigt. Er bespricht die Thätigkeit der Gesellschaft in Argentinien, den Vereinigten Staaten, Canada, Palästina. Cypern, Russland. Rumänien, in Ahlem (Hannover), und England. Paris. Am 29. begann um 12 Uhr 5 Minuten die Verhandlung über die Revision des Processes Dreyfus. Der Gerichtshof besteht aus 46 Richtern in rothen Talaren. Den Vorsitz führt Maze au, als öffentlicher Anwalt füngiert Manau, unterstützt von drei Generaladvocaten. Der Vertreter des Revisionsgesuches der Frau Dreyfus ist Maitre Mornard. Berichterstatter Ballot-Beau pre verliest unter lautloser Stille seinen Bericht und das Protokoll über die Verhöre mit D reyfus und gibt eine Darstellung der bekannten Dictierscenen im Cabinet du Paty de Clam im Kriegsministerium. Nach Verlesung dieser Berichte geht Bällot-Beaupre zur juridischen Besprechung der Thatsachen über und sagt, von einer Annullierung des Urtheil.es könne aus zwei Gründen keine Rede sein; erstens, weil nur der Justizminister eine solche verlangen kann, zweitens, weil das Gesetz nicht die vereinigten Kammern, sondern nur die Strafkammer ermächtigt, hierüber zu erkennen. Es könne sich also nur um die Revision handeln. Der Berichterstatter erörtert sodann juristisch die Voraus-

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