Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 22 (2.6.1899)
- Article
- Amerika, Du hast es besser!
- Date
- 1899-06-02
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 „Die H Welt44 Nr. 22 Senke die Fackel, Genius Neu-Zions! Oder erhebe sie vielmehr und lasse ein Schlaglicht fallen auf dein vielbewundertes Reich . . . Ein gähnender Abgrund thut sich mit einemmale vor uns auf. Und gleichwie Jeremias die Völker angesichts der Trümmer Jerusalems thun lässt, schlagen auch wir die Hände zusammen und brechen in den Ruf aus: „Ist dies die Stadt, von der man sagt, sie sei die Krone der Schönheit, die Wonne der ganzen Erde?“ — Als käme sie aus dem abgelegensten, gottverlassensten Winkel Russlands oder Rumäniens, so muthet uns die Nachricht an, die wir aus Brooklyn, der aufstrebenden Grossstadt, in der unmittelbaren Nachbarschaft New-Yorks* erhalten Man höre und entsetze sich: Namens der jüdischen Einwohnerschaft von Brooklyn richtete die „Hebrew Eigne of Brooklyn“ in Gemeinschaft mit 13 anderen Vereinen unterm 20. April d. J. an die Redaction des „Jüdischen Tageblattes“ in New-York folgendes Schreiben: Werter Herr Redacteur des „Jüdischen Tageblattes“ I Die gesammte Judengemein de vonBrooklyn richtet an Sie eine inständige Bitte. Wir Brooklyner Juden sind der Verfolgungen des antisemitischen, deutschen und irischen Strassenpöbels, der jeden Juden, welcher durch seine Physiognomie als solcher kenntlich ist, thätlich insultiert, gründlich überdrüssig. Kein Jude kann hier auf die Strasse gehen, ohne dass er der Gefahr ausgesetzt wäre, erbarmungslos durchgeprügelt zu werden. Viele von uns sind zu Krüppeln gemacht worden, viele lagen auch infolge der Misshandlungen monatelang im Krankenhause darnieder. Die packtragenden Hausierer kommen oft um ihre Gesundheit und obendrein um ihre Habe, da die Banditen ihnen ihre Ware zugrunde richten. Der Jude ist in Brooklyn schon so billig geworden, dass man bei hei lichtem Tage und in den belebtesten Strassen ungestraft auf ihn losschlagen darf. Intelligente Menschen rotten sich zusammen und schauen den Misshandlungen lachend zu, der Polizei aber fällt es gar nicht ein, sich ins Mittel zu legen. Auch in den Strassenb ahn wagen wird nach den Juden mit Steinen und Knüppeln gehauen, und die Schaffner setzen diesem rohen, unmenschlichen Treiben nicht nur kein Ende, sondern machen sich noch darüber lustig. Sie selber zausen einzelne Juden gelegentlich beim Barte. Weshalb wir vogelfrei sind, wissen wir nicht. Man sollte doch denken, dass wir ebensolche Bürger sind, wie jedermann in diesem Lande. Unsere Kinder sind wie die aller anderen Bürger auf dem Schlachtfelde gefallen, und wir entrichten unsere Abgaben wie jeder andere. Die Leiden, die wir erdulden, haben uns ungefähr vor drei Monaten bewogen, einen Verein zu gründen, der den Namen „American Hebrew Ligue of Brooklyn“ führt. Der Zweck dieses Vereines ist, Vorkehrungen zu treffen gegen die Gewaltthaten des Strassenpöbels. Wir haben bereits einige Massenversammlungen abgehalten und den Beschluss gefasst, uns an das beliebte und hochgeschätzte Organ für das Gesammtjudenthum, welches alle jüdischen Interessen vertheidigt, zu wenden, damit sich das „Tageblatt“ unser annehme und uns in unserer schweren Noth beistehe. Das Ungemach der Brooklyner Juden fühlen auch diejenigen von New-York, die in geschäftlichen Angelegenheiten öder zum Besuche ihrer Freunde herüberkommen. Darum bitten wir Sie flehentlich, den Einfluss des „Jüdischen Tageblattes“ beim City-Mayor geltend zu machen, damit dieser die Brooklyner Polizei anweise, ihre Pflicht zu erfüllen und friedliche Bürger vor Gewaltthätigkeiten zu schützen. Wir hoffen zuversichtlich, dass das geehrte und mächtige „Jüdische Tageblatt“ uns aus unserer schrecklichen Nothlage befreien wird.“ M. Z—1. Weltchronik. Archäologische Forschungen in Palästina. Während die englische Gesellschaft „Palästina Exploration Fund“ die alte Philisterstadt G a t h aus dem Schutte von Jahrtausenden ausgräbt, ist es einer französischen Commission von Alterthumsforschern vor kurzem gelungen, den Ort ausfindig zu machen, an dem sich einst die Stadt G e s e r befand, eine der Städte, die Josua dem Stamme der Priester zutheilte. Die Commission stiess bei ihren Ausgrabungen auf Thontafeln aus der Makkabäerzeit mit der Inschrift „Gewul Geser“ (Grenze von Geser) in althebräischen Charakteren. Die fransösische Akademie der Inschriften hat den berühmten Archäologen Dr. L a g r a n g e beauftragt, sich nach Palästina an den Fundort zu begeben, um die Ausgrabungsarbeiten zu leiten. Bubenstreich. In Harburg a. d. Elbe wurden in der Nacht zum 20. Mai 20 Leichensteine auf dem jüdischen Friedhofe umgeworfen und zum Theile demoliert. Der Thäter konnte nicht eruiert werden. In die „Abschiebung“ ausländischer Juden aus den preussischen Provinzen scheint man jetzt „System“ bringen zu wollen. Sie soll sich hauptsächlich auf die östlichen Landestheile beschränken und zwar auf Juden polnischer, mährischer und czechischer „Abstammun g“. Einweihung. In Kopenhagen fand am 2. d. M. die Einweihung des FränkeFschen Waisenhauses statt. In Caracas, der Hauptstadt von Venezuela, wurde jüngst die erste jüdische Gemeinde durch Marokkanische Juden gegründet. Die von ihnen benutzte und aus der Heimat stammende Serferfcora ist die erste, welche je nach Venezuela gekommen. Eine jüdische Ackerbauschule. Die im vorigen Jahre von Dr. Kraus köpf in Doylestown gegründete Ackerbauschule macht, wie die Berichte amerikanischer Blätter melden, erfreuliche Fortschritte. Vom Tubereulosencongresse. Anlässlich des in Berlin tagenden Congresses zur „Bekämpfung der Tuberculose“ wurde auch „eine Ausstellung für Krankenpflege“ eröffnet, an welcher sich der „Verein für jüdische Krankenpflegerinnen“ mit der Ausstellung eines Unterrichtszimmers für Krankenpflege-Schülerinnen in bemerkenswerter Weise betheiligte. Der erst wenige Jahre bestehende Verein hat bereits viel geleistet und das Wirken der Oberin Frl. Rosa Blau findet allseitige Anerkennung. Frl. Blau hat eine Darstellung der Unterrichtsmethode ausgearbeitet, aus welcher der Gang der Ausbildung der Lehrschwestern klar ersichtlich ist. In New-York erscheinen jetzt täglich 10 jüdisch-deutschenglische Blätter, ein Beweis für den Bildungstrieb der eingewanderten russischen Bevölkerung, deren Zahl auf über eine halbe Million geschätzt wird. Die jüdischen Schulen sind wahre Musterschulen, und die daran beschäftigten christlichen Lehrer sagen, dass es eine wahre Freude sei, da zu unterrichten. Diesen Thatsachen verschliessen sich die tonangebenden Kreise keineswegs, und jeder Wunsch, die genannten, den russischen Einwanderern zugute kommenden Institutionen zu verbessern oder, wo es noththut, neue zu begründen, wird unweigerlich und in generösester Weise erfüllt. Einweihung. In London wurde unter grossen Feierlichkeiten das neue Gebäude der jüdischen Taubstummen- Anstalt eröffnet. Bei den Schotten. In Budapest gibt es noch eine Anzahl Familien, deren Kinder die Volksschule der schottischen Religionsgemeinde besuchen und auch dort den Religionsunterricht gemessen. Um diesen Brauch zu beseitigen, übt die Cultusgemeinde einen Zwang in der Weise aus, dass die betreffenden Schüler die Noten „ungenügend“ oder überhaupt keine Censur erhalten und dadurch nicht „aufsteigen“. Auf die Beschwerde einiger Eltern entschied der Cultusminister, dass der Religionsunterricht das autonome Recht der Cultusgemeinde sei, und dass sich die Eltern den Verfügungen der Cultusgemeinde zu fügen hätten. Menelik von Abessinien ist unter die Radfahrer gegangen. Se. dunkelhäutige Majestät hat sich eine Anzahl Räder kommen lassen und tummelt, umgeben von seinen Ras, die Teufelsmaschinen in Adua, wo er augenblicklich sein Hoflager hält. Deutsche Landwirte. In einer am 14. Mai in Teplitz- Schönau ab gehaltenen Versammlung des antisemitischen Bundes deutscher Landwirte in Böhmen wurde in heftiger