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Die Welt · 1899-06-02 · 22 (2.6.1899) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
22 (2.6.1899)
Article
Die Stärkung des Volksbewusstseins
Date
1899-06-02
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 22 „Die & Welt« Seite 7 die Macht unserer Feinde ausserhalb des Judenthums, uns nicht so sehr schaden konnte, als die Entmnthigung in unseren Reihen. Manches schwache Element besitzt nicht Zähigkeit genug auszuharren und desertiert schimpflich. Der Uebertritt als solcher ist — die Erfahrung lehrt es — nicht als Ausfluss schlechter Zeiten zu betrachten, denn diese Gefahr besteht immer, auch in den Tagen der Freiheit und „Toleranz“. In friedlichen Zeitläufen bewirkt die erleichterte Assimilierung den Abfall, denn wenn wir auch vom liberalen Standpunkte das Princip der Civil-Ehe hoch halten wollen, so ist es eigentlich nichts anderes, als ein moderner Versenkungsapparat zum geräusch- und schmerzlosen Verschwindenmachen unseres angestammten Glaubens, unserer Rasse. Bei Betrachtung der Strömungen und Bewegungen aller Zeiten werden wir finden, dass diese sich vorwiegend dreier Mittel bedienten, um die Herzen und Geister der Massen zu gewinnen. Es sind dies: Das Lied, das Bild, das Wort resp. die Schrift. Das Lied! Mit der Aufführung einiger Lieder lässt sich z. B. der Zeitraum vom Ausbruche der grossen französischen Revolution bis auf den heutigen Tag charakterisieren u. zw. „Die Marseillaise“, „Wo ist des Deutschen Vaterland“, „Das deutsche Lied“, „Das Arbeiterlied“ bis hinab auf den Luegermarsch, ja den banalen Luegermarsch, unserer Christlichsocialen! Wir denken aber an kein Kampflied, weil wir keine Eroberungen machen, sondern uns in wohlangebrachter Defensive haltend, nur unseren arg bedrängten Besitzstand wahren wollen. Wir denken an das Kinderlied und fragen : „Wie steht es denn mit unserem Kinderliede?“ Da man vom Feinde lernen soll und kann, so hören wir einmal, was das Christenkind singt: „O schöne, glückliche Weihnachtszeit“, „Christus ward geboren“ etc. Was können wir dem gegen üb erstellen? „Oz joschir Moscheh“, „Schir Zion“, sind für den Kindersinn nicht fassbar, ob aber „El Bene“ oder die „Chadgadja“ imstande wären, in unseren Kindern die Liebe zu unserem Glauben in edlerem Sinne zu heben, sei dahingestellt. Unseres Wissens singen die meisten Judenkinder mit Vorliebe „O Tannenbaum, wie schön sind Deine Blätter“!!! Hier müsste der Hebel angesetzt werden! Wie wäre es denn, wenn einer der unter uns lebenden Kenner unserer Sprache ein Liedchen in lapidarischer Kürze construieren würde, das beiläufig folgenden Gedanken zum Ausdruck brächte: „Ich bin als Jude geboren.“ „Ich will einst als Jude sterben.“ Diesem Liedchen müsste eine Uebersetzung in der betreffenden Landessprache und eine leichtfassliche, einfache Melodie unterlegt werden, so dass das Kind Lied und Text gleichzeitig in sich aufnehmen würde. Dieses Lied sollte allen Cultusgemeinden der Welt nach Abhaltung einer Preisconcurrenz übermittelt werden, es sollte von Grönland bis in die Capcolonie, von Shangai bis Buenos-Ayres erklingen. Wie prächtig wäre es, wenn unsere Kleinen es sängen, es wäre damit ein nachhaltiger Eindruck für alle Zeiten erreicht; sind es doch Jugenderinnerungen, die uns durch das ganze Leben begleiten. Eine Frage an unsere Rabbinen: „Dürfte es auch im Tempel gesungen werden?“ Das Bild! Da dasselbe unseren Gesetzen und Gebräuchen widerläuft, hätte es auch seine Wirkung nicht zu erproben. Doch sei es uns gestattet, nur anzudeuten, dass das religiöse Bild im Hause des Katholiken von eminent erziehlicher Bedeutung ist, denn ihm zeigt es stündlich „seinen“ Gott und wirkt demnach unaufhörlich. Also kein Bild! Aber an etwas anderes denken wir. Jedermann kennt den sogenannten „göttlichen Haussegen“, der da lautet: „Wo Glaube da Liebe“, „Wo Liebe da Friede“ etc. Wie wäre es, wenn wir an die Wand unseres besten Zimmers in Form von Druck, Stickerei und Zeichnung das oberwähnte, preisgekrönte Lied als Devise anbringen würden. So mancher Christ würde unser Heim mit erhöhter Achtung verlassen; uns jedoch würde schon der Anblick dieser Devise stärken und erheben. Doch auch bis in die weiteste Ferne kann dessen Zauber wirken! Es rückt die Zeit heran, wo ein theueres in unserem Glauben erzogenes Kind, veranlasst durch Verhältnisse oder eigenen Drang, zum Wanderstabe greift. Wir geben ihm unseren Segen schweren Herzens auf den Weg und vergessen am ehesten ihm einzuschärfen, da wir es gar nicht für möglich halten, dem Väterglauben, ja nicht untreu zu werden. Nun spannt sich der mächtige Öcean zwischen Eltern und Kind : es ist unserem, dem bestgemeinten Rathe entzogen; ausgesetzt den Lockungen von Abenteurern beiderlei Geschlechtes, zugänglich den Einflüsterungen elender Renegaten, meidet unser Kind den Tempel und ist nahe daran, uns, das Elternhaus, alles, alles zu vergessen. Der gesellschaftliche oder geschäftliche Verkehr führt unseren Sohn in ein Judenhaus. Was sieht er dort an jener Wand prangen? Dieselben wohlbekannten Schriftzeichen, dieselben Worte, die er als junges Kind gelallt und gesungen: „Ich bin als Jude geboren“, „Ich will einst als Jude sterben.“ Mit einemmale sieht sein Geist das gute jüdische Vaterhaus, den braven Alten, die fromme Mutter, unser Sohn erinnert sich an die schöne, goldene Jugendzeit . . . ein Ruck, und Israel hat seinen fast verlorenen Sohn wiedergefunden. Wenn wir unter 100 angehenden Täuflingen nur zehn retten, dann hat dieses unschuldige „Bild“ seine Schuldigkeit vollauf gethan. Die Schrift! Was dieses Gebiet betrifft, so leiden wir keine Noth. Unsere jüdischen Zeitschriften — ich lasse hier keine Ausnahme gelten — befleissen sich eines hochmodernen Stiles und sind von einer Reichhaltigkeit, die die grösste Anerkennung verdient. Aber für wen schreiben diese Blätter? Für gereifte Männer! Unsere Wochenschriften sollten halbmonatlich eine Kinderzeitung als Beilage bringen, enthaltend Sagen und Legenden, in welchen die Tugenden unserer Ahnen leicht fasslich geschildert werden. Auch primitive Illustrationen sollten nicht fehlen. Diese Legenden und Sagen bilden ein Nationaleigenthum und sollten nicht in den Köpfen und Bibliotheken unserer Gelehrten verbleiben. Also heraus mit diesen Schätzen! Gewinnen wir die Herzen Jung-Israels, es ist wahrlich höchste Zeit, diesen Feuerbrand zu entzünden! Lassen wir Lied, Bild und Schrift auf unsere Kinder einwirken, umgaukeln wir den Kindersinn mit den Bildern Josephs, Josuas, Davids. Simson soll Hercules, die Makkabäer Leonidas Kämpfer ersetzen. Begeistern wir unsere Kinder für Israels Ruhm und Ehre, ziehen wir durch unsere sagenumsponnenen Gestalten die Kinder an uns heran. Dieser Satz ist ein politischpädagogisches Programm und die Hauptstütze des Christenthums geworden. Erzählen wir unseren Kindern von des Reiches vergangener Pracht und zeigen wir uns ihnen als Abkömmlinge eines grossen Culturvolkes, das wohl gebeugt, aber nicht niedergerungen werden kann. Was thun denn unsere vielgeschmähten dermalen? Wenn man die Phrase von ihren sich nach den Kindern streckenden „Krallen“ liest, so bekömmt man förmlich Angst, und doch haben sie nur Hände wie wir. Menschenhände! Die dermalen sind gute Christen. Man wird mir zurufen: „und Beten?“ Ja, beten sollen unsere Kinder auch, es ist Judenpflicht, sie zu guten Juden heranzuziehen, doch ist es in des Lebens schwierigem Kampfe nicht jedem Vater möglich, theils fehlt es ihm an Intelligenz, die Bildung der Kinder persönlich in die Hand zu nehmen, und deshalb, glaube ich, sind die angeführten Hilfsmittel nicht rundweg zu verachten. „Bete und arbeite“ ist ein schöner Satz. Also beten wir zu dem Gotte Israels, damit er uns helfe, die unverdient auf uns lastende Schmach abzuschütteln, gehen wir aber auch ernstlich daran, die Breschen unserer Schanzen zu verstopfen. Arbeiten wir an unserer Wiedergeburt, und der Sieg, den wir 19 Jahrhunderte sehnlichst erwarteten, wird unser sein. Hilf Dir, und Gott wird Dir helfen! Hoch ach tun gs vol L Heinrich Fleisch m. an n. Amerika, Du hast es besser! Ein Idyll. Gemeiniglich gesellt man dem Begriffe der Europamüdigkeit innig verschwistert die Vorstellung der Amerikasehnsucht bei. Weil das Schlechte so nah liegt, schweife das Auge lüstern in die’dämmerig schimmernde Ferne. Amerika! Bei dem Zauberklange dieses Wortes nimmt die „beste aller Welten“ der Optimisten greifbare Gestalt und rosige Lebensfärbe an . . . Insonderheit unsere verschmelzungsbrünstigen Stammesgenossen, die um alle Völkerschaften der Welt auf Freiersfüssen herumschleichen und deren verächtliche, unversch—iichterte Liebeswerbung allenthalben hohnlachender Zurückweisung begegnet, blicken zur neuen Yankeewelt' als zu dem messianischen: Reiche der Assimilation, dem Dorado der Freiheit, die sie meinen, in verzückter Anbetung empor. Nicht minder rufen die salbungs- und gehaltvollen Protestleierer auf den amerikanischen Kanzeln selbstbewusst in alle Welt hinaus: „Amerika ist unser Zion, Washington unser Jerusalem,“

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