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Die Welt · 1899-06-02 · 22 (2.6.1899) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
22 (2.6.1899)
Article
Ein dreissigjähriger Krieg
Date
1899-06-02
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite 6 Nr. 22 „Die Hr Welt" Diese patriotischen und conservativ-intelligenten Juden erhalten ihre Gemeinden mit den grössten Opfern, da sie, ausserhalb jeder Organisation stehend, von keiner Seite irgendwelche Hilfe erhalten; in ihre internen Angelegenheiten hat der gestrenge Herr Stuhlrichter odergar sein Diener mehr Recht hineinzureden, als der „Rosch Hakohol“; sie sind der Willkür der Comitatsbehörden ausgesetzt. Während die Orthodoxen und Neologen, die Zunge schnalzend, sich an den Fleischtöpfen des Schulfonds und anderer staatlichen Unterstützungen breitmachen und sich — diesbezüglich — mit einander ganz gut verständigen, können die status quo-Gemeinden, deren Institutionen die vornehmsten und bedeutendsten sind, und von denen man mit Recht sagen darf, dass sie — diese confessionellen Aschenbrödel — den besseren, edleren Theil der ungarischen Juden bilden, sich nur infolge ihrer moralisch-sittlichen Ueberlegenheit auf der Höhe ihrer Aufgabe erhalten. Eine bedeutendere Persönlichkeit der Neologen verkündet nun schon seit Jahren, dass ihre Partei den orthodoxen Juden ein weisses Blatt Papier vorlegen möchte und die Neologen mit Freuden bereit sind, alle Bedingungen der Orthodoxie, ohne sie gelesen zu haben, zu unterschreiben und als bindend zu acceptieren. Diese und ähnliche wohlwollende Erklärungen veranlassen die für den Frieden seit Jahren eintretende „Ungarische Wochenschrift“ und den Schreiber dieser Zeilen dazu, eine Bewegung in Flus^ zu bringen, welche — und das kann schon heute mit Vergnügen und Sicherheit constatiert werden — trotz aller Intriguen der „Bureaus“ zum ersehnten Ziele, zur Herstellung des Friedens im ungarischen Israel führen wird. Seit Jahren sind wir bestrebt, den Samen des segenbringenden Friedens auf das durch innere Kämpfe aufgewühlte Gefilde unseres Judenthums zu streuen, wobei ich die Ueberzeugung gewann, dass die Neigung zum Frieden selbst in jenen Kreisen in grossem Masse vorhanden ist, die immer der Zanksucht geziehen werden — im Lager der Orthodoxie. Ein bedeutender Theil dieser Schattierung würde dem Namen „orthodox“ gern entsagen, wenn dies nicht aut Kosten der Integrität seiner religiösen Principien geschähe. Wohin sich jedoch anschliessen? An die Neologen doch durchaus nicht! Denn dies käme doch bei den heutigen Verhältnissen der Verleugnung der eignen Ueberzeugung gleich; dies hiesse nach der orthodoxen Auflassung: sich selbst den Stempel der religiösen Unsittlichkeit aufdrücken. Und nicht mit Unrecht, denn — ich will es sehr gerne glauben, dass es nicht mit Zustimmung der Pester israelitischen Gemeinde geschah, die für ihre religiösen Institutionen viele hunderttausend Gulden opfert — Herr D a v i d S c h ö n, der Religionslehrer dieser Gemeinde, hat erst unlängst aus den Gebetbüchern der Jugend — vielleicht aus unreifem Patriotismus? — die auf Zion und Jerusalem bezüglichen Gebete gestrichen. Sollte der Anschluss etwa an die Status quo-Gemeinden erfolgen? Aber diese haben keine Organisation, und wenn auch die Identität der Principien da ist, fehlt doch die Basis, auf der die Autonomie gewahrt bleiben könnte. Wenn wir noch hinzurechnen, dass die Neologen —- wie sie behaupten — um den Preis des Friedens alles, ja alles hingeben möchten und die grösstmöglichsten materiellen und moralischen Opfer nicht scheuen würden, so ist die Idee entschieden richtig, welche eine vornehme Status quo-Gemeinde, die zu Waag-Neustadt 1, auf meine Anregung betreibt, und welche infolge der unermüdlichen Agitation der „Ungarischen Wochenschrift“ auch ihre Ausgestaltung erhalten wird, dass nämlich mit der Landesorganisation der Status quo - Gemeinden ein Kristallisationspunkt geschaffen werde, um welchen sich die abgefallenen Theile sammeln könnten; denn wenn die Status quo - Gemeinden eine feste Organisation erhalten, kann und wird sich doch ein beträchtlicher Theil der Orthodoxen dieser in gesunden Verhältnissen lebenden Partei, deren Kräfte durch den dreißigjährigen Krieg nicht aufgezehrt wurden, sehr gerne anschliessen. Und die Neologen würden diese Gelegenheit umsomehr wahrnehmen, als sie den ersehnten Gottesfrieden erreichen würden, ohne sich von der starrsinnigen Gegenpartei einen beschämenden Refus holen zu müssen. Diese Momente beweisen zur Genüge die Nothwendigkeit der Organisierung der Status quo-Gemeinden, wie dies auch alle Schattierungen der hierländischen Juden mit Freude begrüssen, bloss die „Edlen“ der beiden „Schreibstuben“ nicht, denn, wie gesagt, diese Schwiegermutter fühlt sich nur wohl und findet nur dann ihre Rechnung, wenn die sich liebenden Eheleute in Zank und Hader leben. Aber wir glauben fest, dass diese Organisation, welche die Herren Kanzlisten gleichwie den Zionismus aus ganzer Seele hassen (wie letzteres das Vorgehen der Regierung in Angelegenheit der Statuten zu Hithärs bewiesen), in kurzer Zeit zustande kommen wird. Und sie wird die besten Bestandteile der ungarischen Judenheit in sich fassen, welche g 1 e i c hzeitig die edlen Bestreb u n gen und humanitären Ziele des Zionismus, diese erhabene, das jüdische Selbstgefühl erweckende Weltbewegung mit den patriotischen Aufgaben der J u d e n wohl vereinbar linden w i r d. Tribüne. Geehrter Herr Red acte u r. Angesichts des Boryslawer Arbeiterelends möchte ich die Aufmerksamkeit der interessierten Factoren auf ein geeignetes Colonisationsgebiet lenken. Es ist dies die Insel Cypern, die nominell' unter türkischer Oberhoheit, factisch unter englischer Verwaltung steht. Die Insel ist ausserordentlich fruchtbar, die Einwohnerschaft friedlich, das Klima ausgezeichnet. Ein eingehendes Studium der Verhältnisse Cyperns berechtigt mich dazu, die Insel für ein Colonisationsgebiet ersten Ranges zu halten. Von zionistischer Seite dürfte gegen eine derartige Hilfsaction kein Einwand erhoben werden. Die Bewegung kann warten, auch wenn noch einige Zeit bis zur Erreichung ihrer Ziele verstreichen sollte — die Boryslawer Arbeiter können nicht warten. Nicht ein Jahr, nicht einen Monat! Nothwendig scheint mir für eine Hilfsaction zugunsten der Boryslawer Arbeiter in erster Linie ein gemeinsames planinäs siges Vorgehen von seiten aller Organisationen, die etwas in der Sache thun wollen und können. Die vereinzelten Hilfsactionen führen erfahr ungsgemäss zu nichts oder stehen doch in keinem Verhältnis zu den Anstrengungen und Opfern. Es wäre aufs dringendste zu wünschen, dass das Elend der Boryslawer Arbeiter zu einem Systemwechsel Anlass gibt. Mit der Bitte um Aufnahme dieser Anregung zeichne ich Achtungsvollst D. Trietsch Die Stärkung des Volksbewusstseins. Geehrter Herr Redacte u r! Wenn wir ruhigen Blickes unsere Lage und die uns umgebenden Gefahren betrachten, so werden wir finden, dass

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