Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 22 (2.6.1899)
- Article
- [Ohne Titel] / Rosenberger, Erwin
- Date
- 1899-06-02
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Är. 22' „Die # Weit“ (Seite 3' Heldenstückchen vollführeii würden, um ihre Ehemänner von der Judengefahr zu befreien. Da sich die jüdischen Feinde, frech wie sie sind, bereits innerhalb der Stadtthore befinden, und die Situation schon sehr kritisch ist, so würden sich die antisemitischen Damen von Wien todesmuthig entschliessen, statt der Ehemänner die Juden auf den zarten Rücken zu laden und aus Wien hinauszubefördern; ächzend unter der Wucht mächtig beleibter Börsianer würden sich die Weiber von Wien in schwankem Zuge nach dem Ost- Thor der Stadt bewegen .... * * * Die Weiber von Weinsberg haben ihr „Hauskreuz“ auf dem Rücken getragen. Von den antisemitischen Wiener Weibern müsste man in dem oberwähnten Falle sagen, dass sie — dass sie — man entschuldige das sechseckigeWort — ihr Haus-Magen-Dawid auf dem Rücken tragen. (Lebhafte Au-Rufe.) * § * Bisher waren wir immer der Ansicht, dass unter den spanischen Landeskindern hauptsächlich der spanische Stier das öffentliche Mitleid verdiene. Das arme Geschöpf, das nicht genug moralische Energie besitzt, um den Lockungen des Waffenruhmes widerstehen zu können, wird zu martervollem Duellunfug verleitet und thut nicht selten im Sande der Arena — zum Gaudium des entmenschten Publicums — den letzten Athemzug. Jetzt müssen wir aus den glaubwürdigen Berichten namhafter Blätter erfahren, dass die Märtyrerglorie, mit der die spanische Gesellschaftsordnung die Hörner der Stiere umgiebt, in dem gesegneten Hispanien. durchaus keine vereinzelte Erscheinung ist; der gequälte Stier hat in Spanien hundertfach gemarterte Leidensgefährten unter den Menschen. In spanischen Gefängnissen giebt es heute noch Folterkammern, die mit grässlichem Hausrath reich ausgestattet sind. Ein gellender Wehlaut, der jüngst aus den Schreckensräumen in die Oeffentlichkeit seinen Weg gefunden, hat die Augen der Welt nach den schauerlichen Verliesen hingelenkt, und man erfuhr, dass der „spanische Stiefel" — so spanisch es auch klingen mag — zu den allermodernsten Fussbekleidungen zählt. Man kann sich die entsetzlichen Scenen, die hinter der spanischen Wand der Folterkammer arrangiert wurden, th eil weise vorstellen, wenn man erfährt, dass eine Anzahl der Gepeinigten unter den „Händen" der Henkersknechte den Verstand verlor. — Schon aus diesem letzten Vorkommnis, das dem eingangs erwähnten Stier niemals passieren kann, ist ersichtlich, dass die Menschen in der spanischen Gesellschaftsordnung noch eine stark' aufsteigende Classenbewegung durchzumachen haben, ehe sie es so gut haben werden, wie das liebe Vieh* * * * Die Folterkammern, die da im Schosse iberischer Er de blossgelegt wurden, sind ein charakteristischer Fund. Die Cultur, die nun schon seit Jahrtausenden an den Menschen herumleckt, besorgt dieses puriftcierende Geschäft höchst einseitig. Sie ist nur mit halber Zunge bei ihrer wenig appetitlichen Arbeit, und man kann ihr das schliesslich nicht verargen. Diese einseitige Thätigkeit äussert sich in dem spanischen Beispiel. Moralische Uncultur benützt die modernen Errungenschaften hoher technischer Cultur zur Vollführung von Greuelthaten. Heber der Erde der Geist James Watts, der den Kolben der Dampfmaschine schiebt, in der unterirdischen Folterkammer der unverwüstliche Geist Torquemadas, der an der Daumschraube dreht und hiebei die schöne Erfindung des armen James Watt missbraucht* Daumschrauben, mit Elektrizität betrieben, das wäre gar kein übles Symbol des Zeitalters. * § * In Rumänien fanden wieder Judenexcesse statt* — Da sind vor einigen hundert Jährchen die Juden aus Spanien nach Rumänien geflohen, um den Folterkammern zu entgehen. — Ergebnis der Flucht: Judenkrawalle in Jassy. E r w in Rosenberge r. Die Gemeinbürgschaft. Von Emil Marburg* Im müssigen Gedanken spiel lassen sich allerhand Utopien ausspinnen: Ein junger Römer, der vor zweitausend Jahren in einem deutschen Wald ins Gras hat beissen müssen, stand all die Zeit unter einem Zauberbann. Und jetzt thut er irgendwo auf freiem Felde in der Nähe eines Bahnwächterhäuschens die Augen auf. Oder: In den Gängen eines alten Klosters am Main, das aber unterdessen eine chemische Fabrik geworden ist, erscheint auf einmal wieder ein mittelalterlicher Mönch, der sich zu seiner Zeit in denselben Gängen mit einem lateinischen Heldenepos sehr geplagt hat. Man braucht niemanden darauf zu helfen, wie schwer sich diese armen, erwachten Schläfer zurechtfinden würden, und wie ihr Hirn zu klein wäre für die grossen Wandlungen, die an allen Dingen geschehen sind: „So hab ich wohl geschlafen, und weise es nicht* Nun bin ich aufgewacht, und mir ist unbekannt, Was mir zuvor war kundig wie die andere Hand.“ Bei diesen unvergesslichen Versen hat aber Walther von der Vogel weide so weite Zeitläufte gar nicht im Sinn gehabt* Er meinte die mit erlebt en Wandlungen..* Es war sein „tempora mutantur“, das immer, so abgeleiert es auch ist, einen gewissen wehmüfhigen Klang behaltenwird. Dieses Wandels in den Anschauungen, im Sinnen und. Streben seiner Zeitgenossen wird man sich schon schwerer bewusst. Ganz einfach, weil man ihn mitmacht: Et nos nur tamur in iilis. Mit diesen grossen Aenderungen, die in einem Menschenalter vor sich gehen, sind also hier nicht die neuen Thatsachen gemeint: Wie ein Congress oder eine Gonferenz, Wahlergebnisse oder Gesetze, Gründungen und Verträge. Sondern die neuen Zeitgedanken schlechthin, die manchmal in solchen und ähnlichen Ereignissen zum Ausdrucke kommen. Aber ebenso oft wird man neuen Ansichten gegenüber stehen, die sich durchsetzen, ohne dass man sagen könnte, wann und wo sie den entscheidenden Sieg errungen haben. Was einmal das Ziel heisser Kämpfe war, wird im Wechsel der Zeit vergessen, und man nimmt anderes auf, wogegen man sich damals selbst im Traume gewehrt hätte. Jedes Menschenalter bringt solche Verwandlungen, die man sich verhalten muss. So erweitert man seinen zeitlichen Horizont, und man übt die Kunst, seine Gegenwart mit dem urtheilsicheren Blick der Geschichte zu betrachten. ' Oft auch bleiben die alten Worte und Symbole, nur dass sie einen anderen Sinn bekommen haben. Zum Beispiel* Wer sich vor dreissig Jahren bei den Farben „schwarzroth-gold“ etwas gedacht hat, der dachte die Träume der Freiheitsstünner einer damals kaum vergangenen Zeit Deutschthum und diese längst verschossenen Ideale, die damals noch neu und glänzend waren, das galt wie ein Begriff* Wer heute bei den schwarz-roth-goldenen Färben etwas denkt, der denkt viel ausschliesslicher-, viel weniger weitherzig an ein deutsches Volksthum, das er wohl einig und stark, doch auch — gereinigt wünscht. (Mit dieser erwünschten Reinigung sind wir Juden gemeint.) Der Begriff einer guten deutsch-nationalen Gesinnung hat sich also in diesem Menschenalter sehr verwandelt* Ein kleiner Beleg für diese Wandlung ist die Entwicklung des Deutschen Schulvereines in Oesterreich. Bei der diesjährigen Hauptversammlung, die vor einigen Tagen in Troppau abgehalten wurde, hat diese Entwicklung ihren äusseren Abschluss gefunden. Der für. den Besitzstand der Deutschen in Oesterreich wirklich sehr wichtige Verein