Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 22 (2.6.1899)
- Article
- Vor Schluss
- Date
- 1899-06-02
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3315796-3315819-3388021--13023-3388162- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
©eite 2 „Die Weit“ Nr. 22 Was aber als geschichtliche Lehre zurückbleibt, ist etwas ganz anderes. Und dies wollen wir uns einschärfen, um nicht gedankenlos am Kleinen hängen zu bleiben, wo etwas Gewaltiges zu sehen, am Einzelnen, wo etwas Allgemeines zu erkennen ist. Vor anderthalb Decennien hat ein französischer Kriegsminister es beklagt, dass das französische Volk nur noch wie hypnotisiert auf das Loch in den Vogesen starre. Man muss heute sagen, dass dies ein grosses Lob war im Vergleich mit dem, was jetzt ein unbefangener Franzose sagen müsste, wenn er über den Anblick reden wollte, welchen das französische Volk während des Drevfus- Dramas darbot. Die Revanche, die von dem Loch in den Vogesen nicht loskommen konnte, war immerhin begreiflich, denn ein Volk, das auf seine militärische Grösse stolz ist. vergisst nicht leicht militärische Demüthigungen, die es erlitten .hat Aber dass schliesslich mit der Revanche der ungeheure Missbrauch getrieben wurde, die Ehre der französischen Armee als gefährdet auszuschreien, weil ein grauenhaft infames Unrecht des Generalstabes an einem unschuldigen Artilleriehauptmann repariert werden sollte — das war nur noch verständlich, wenn man die Augen vor der Thatsache einer Depravierung und Erkrankung des französischen Volksgeistes nicht verschloss. Und war es eben so weit, dann reducierte sich der Process Dreyfus auf ein Symptom, er war an sich nur der sichtbare Abscess, von dem auf eine allgemeine Fäulnis und Blutvergiftung diagnosticiert werden musste. Aufklärung, Freiheit, Givilisation, alles, dessen sich Frankreich so gallisch selbstgefällig zu rühmen gepflegt hatte, sie waren entweder stets nur Illusionen gewesen oder zu Schanden geworden an der hypnotischen Concentriernng aller nationalen Instincte auf die Armee, die doch an ihren höchsten Stellen sich von heilloser Gorruption ergriffen zeigte. Wird es nun damit zu Ende sein, wenn Dreyfus von der Teufelsinsel heimkehrt, um den Spruch eines neuen Kriegsgerichtes zu vernehmen? Wird, wenn er freigesprochen wird, der Antisemitismus entwaffnet sein? Die Enthusiasten, welche Frankreich als die Heimstätte aller edlen Volksinstincte betrachten, mögen es glauben oder es zu glauben sich den Anschein geben; leugnen werden sie aber wohl nicht, dass einmal der Fall dagewesen, wo der französische Generalstab in seiner Bedrängnis ein Opfer brauchte und als das bequemste sich einen Juden aussuchte» Und war in der gerühmten Freistatt der Juden, in Frankreich, dieser Fall schon da, warum sollte es unmöglich sein, dass er sich wiederhole? Hier liegt das psychologische oder richtiger das völkerpsychologische Sphynxräthsel, an dem bekanntlich jeder, der es nicht zu lösen vermag, kläglich zugrunde geht* In der Republik Frankreich, unter dem Volke Voltaires, Diderots, Pascals, im Lande des Gode civil leben die assimiliertesten aller Juden der Welt und nun haben sie ihren Dreyfus, können sie in Zukunft einen neuen Dreyfus haben, Wenn Säbel und Scapulier sich verbinden, ist alle Freiheit, alle Aufklärung, alle Givilisation nur eine Attrape, hinter der die wildeste Barbarei sich verbirgt, und der nächste, an dem sich diese Barbarei erprobt, ist immer, auch in Frankreich, 'im Lande des Sanhedrin, der Jude. Dann natürlich ist er der Spion, der Verräther, wird er gerichtet, entehrt, degradiert. So sehen im Lichte des Dreyfus-Processes die Ergebnisse der bedingungslosen Assimilation unter dem freien Volke der Franzosen aus. Wer dazu noch einen Commentar braucht, ist schwer zu belehren. Auch wenn Dreyfus freigesprochen werden sollte, der Jude wird nicht rehabilitiert sein, der Jude ist selbst eine Chose jugee, so lange er sein Geschick nicht in die eigene Hand nimmt* Ihm gegenüber gibt es keinen Unterschied, ob er in Deutschland, Oesterreich oder Frankreich sich assimiliert glaubt. Kommt Gelegenheit oder Interesse, so wird ihm überall und immer in Erinnerung gebracht werden, dass es einen Process Dreyfus gegeben hat. Für die anderen wird diese Erinnerung nur beschämend, für ihn wird sie stets eine Drohung sein. Der dritte Congress. Wie alljährlich im Momente, wo wir den Congress einbernfen. werden beunruhigende Meldungen aller Art lanciert. Bald sind es antizionistische Erklärungen irgend eines Diplomaten, bald wieder dunkle Gerüchte von einer, gegnerischen Haltung irgend einer Macht. Das Neueste, womit die sattsam bekannten Blätter aufwarten, ist, dass die russische Regierung Nachforschungen anstellen lasse, ob die zionistische Bewegung nicht socialistische Umtriebe verberge. Die plumpe Lüge und ihr Zweck sind leicht zu erkennen. Es sollen die Gesinnungsgenossen abgeschreckt werden, sich an unserer Bewegung zu betheiligen. Thatsächlich aber weiss die russische Regierung ebenso genau, wie jede andere Regierung, dass der Zionismus mit dem Socialismus nichts zu schaffen hat. Wir werden von den Sozialisten genugsam angefeindet. Was der Zionismus will, sagt er klar und öffentlich. Unsere Gegner sollten sich aber schämen, mit solchen Mitteln der Entstellung gegen uns zu arbeiten. * Auf den Wunsch mehrerer überseeischer Zionistengruppen wurde der Termin zur Entrichtung des Schekels bis zum 15. Juni erstreckt. Das ist aber der unwiderrufliche letzte Termin, und wer bis dahin den Schekel nicht entrichtet, hat weder das active noch das passive Wahlrecht zum dritten Congress. Die Woche. Wien, 31. Mai 1899. Wenn es gestattet ist, aus dem lauten Geschrei, das die antisemitischen Frauen von Wien in letzter Zeit wieder erheben, einen militärischen Schluss zu ziehen, so muss man auf Grund aller Präcedenzfälle fest und bestimmt annehmen, dass das Wiener Capitol am Rathhausplatze argbedroht ist. Da die erwähnten Damen offenbar ein feines, instinctives Verständnis für historische Vorbilder haben, so erheben sie ihr Geschrei gleichfalls zur Nachtzeit, bei Versammlungen, die zur Verteidigung gegen die jüdischen Feinde Wiens einberufen werden. So legitimieren sich die erwähnten Damen als die rettenden Engeiein von Wien. — Nur dass ihnen die obligaten schneeweissen Flügel fehlen. * * * Aber die antisemitischen Frauen von Wien lassen sich nicht bloss an hervorragenden antiken Mustern heroischer Weiblichkeit messen, sie könnten zweifelsohne auch einen Vergleich mit weiblichen Heldengestalten jeder anderen Zeitperiode aushalten. Sie würden siclrs beispielsweise gewiss nicht einen Augenblick überlegen, in die leuchtenden Fusstapfen der berühmten Weiber von Weinsberg zu treten. Die Frauen der belagerten Stadt Weinsberg richteten bekanntlich in einer Aufwallung heissester Gattenliebe an ihre Ehemänner ein Ansinnen, das sonst nur als Ausdruck feindseliger Erbitterung gebraucht wird: „Steig mir auf den Rücken!‘MJnd als die Männer von Weinsberg dieser liebenswürdigen Zumuthung nachgekommen waren (Ach, was thut man nicht alles in der Todesangst?!)- wurden sie von den wackeren Frauen aus der umzingelten Stadt hinausgetragen und solchermassen vor den Schwertstreichen der Feinde bewahrt. Man kann überzeugt sein, dass die antisemitischen Frauen von Wien ein weit herrlicheres, und schwierigeres