Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 22 (2.6.1899)
- Date
- 1899-06-02
- Page
- None (sequence 5)
- Language
- German
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Es ist in der Geschichte der Menschen kein zweites Beispiel vorhanden, dass Einer fünf Jahre lang im Angesichte der Welt lebendig begraben war, und um seinetwillen ein Kampf tobte, der ein grosses Staatswesen Ins auf den Grund erschütterte. Wie arm ist dieses vielgepriesene neunzehnte Jahrhundert, dass ihm ein so unseliger Makel vor seinem Abschiede von den Menschen nicht erspart blieb, und wie thöricht wird der Jubel aller kurzsichtigen Leute sein, wenn in den nächsten Tagen dem Märtyrer von Frankreich, dem Gefangenen der Teufelsinsel, von dem Pariser Gassationshofe die Revision seines Processes und die Erneuerung desselben vor einem anderen Kriegsgerichte zugebilligt werden sollte! Und wenn sie revidieren, wenn sie Alfred Dreyfiis freisprechen, wird darum ungeschehen sein, was an ihm, an der Gerechtigkeit, an dem guten Genius der Menschheit verübt worden? Macbeth bringt den Blutfleck nicht fort, auch Frankreich bringt ihn nicht fort und die ganze Welt nicht, die Frankreich mit ihm geschändet hat. Es ist möglich, ja sogar wahrscheinlich, dass Alfred Dreyfus zu der heldenmüthigen Gattin, zu seinen Kindern heimkehrt, dass er wieder „athmet im rosigen Licht". Aber gesühnt werden kann immer doch nur an ihm, dem Einen, was geschah; dass es auch allen anderen Menschen geschah, allen, die in einer Zeit vorgeschrittener Humanität und Rechtssicherheit zu leben wähnten, kann nimmer ausgelöscht werden. Und darum ist es ein sehr gemischtes Gefühl, mit dem man die Entscheidung des Pariser Cassationshofes erwartet. Mitleid, Zorn," Empörung hat das Geschick des Unglücklichen erregt, und herzlich mitfühlender, freudiger Antheilnahme wird er wert sein, wenn es von ihm genommen ist. Es ist heroisch von seinen Freunden und den Freunden der Gerechtigkeit um ihn gerungen worden, mehr noch von seiner treuen Gattin, die auch .jetzt noch nicht bloss die Vernichtung des Urtheils, sondern die volle Rehabilitierung begehrt. Die in den Staub getretene militärische Ehre heischt, auch durch militärische Satisfactiou wieder erhoben zu werden. Doch wenn man nicht weiter hinaussieht als bis zu dem persönlichen Schicksal, über das die Entscheidung ergehen -oll, so hängt man nur an dem Einzelfall, wie die Fliege nn Spinngewebe, und so einzigartig er in seiner erschütternden Grauenhaftigkeit, in den Schrecken seines Verlaufes, in den wilden Phasen seiner Entwicklung war, so wenig gleichwohl erschöpft sich in der Person des Dreyfus die allgemeine Bedeutung des Processes. Dieser ist ein Proeess der ganzen civilisierten Welt, er gehört nicht in die Criminalgeschichte, sondern in die Geschichte der Menschheit. Und als solcher wird er auch durch den eventuellen Sieg des Rechtes nicht aufhören, das Beispiel eines ungeheuer beschämenden allgemeinen Rückfalles zu sein, gegen dessen Wiederholung in der Zukunft noch dazu keinerlei Bürgschaft vorhanden ist. Wir sind nicht geneigt, uns mit momentanem Aufathmen zu begnügen; es scheint uns auch nicht der Grösse des Gegenstandes zu entsprechen, dass man sich nochmals mit den Details des Processes, mit den Figuren, die während desselben auf dem Vordergründe der Bühne erschienen oder aus den Goulissen hervorgezerrt wurden, mit den sogenannten „neuen Thatsachen“ und dem mittelalterlichen Gespenst der chose. jugee befassen. Unsertwegen mögen die Boisdeffre, Mercier, Billot, Paty du Glam sich, wenn sie können, in Würden und Stellen weiterschleppen mit der grässlichen Erinnerung an die schmachvolle Rolle, die sie gespielt haben. Ja, wir versagen uns sogar, in das gefährliche Dunkel hineinzuleuchten, von welchem die wechselnden Regierungen Frankreichs umgeben sind, die eine grosse Gelegenheit, den Puihm der französischen Civilisation zu erhöhen, unbenutzt dessen und dafür im gehässigsten Parteiinteresse sich dem sittlich verseuchten Generalstabe, dessen antisemitischen und dermalen Drahtziehern in Dienst gaben. Man darf sich nicht scheuen, zu sagen, dass die Faure, Meline, Dupuy, Freycinet in historischer Betrachtung als Pygmäen hinter der Grösse des Falles verschwinden; man darf auch die Bemerkung machen, wie bezeichnend es für diese Zwerge unter den Epigonen eines Thiers und Gambetta ist, dass sie in dieser ungeheuren Sache nichts als eine „ Affaire“ erblickten. Mit alledem aber ist nichts gezeigt, als die Verruchtheit, die am Werke war und die sogar, jeden nationalen Stolz verleugnend, nicht davor zurückschreckte, den eigenen Richtei stand vor der ganzen Welt zu compromittieren. Damit mag, wie gesagt, der Chronist oder der Epilogist sich bescheiden, der das Verlangen hat, in gewohnter Einbildung auf die vermeintliche Grösse des Jahrhunderts auch den voraussichtlichen Ausgang des Dreyfus-Processes als Ruhm desselben zu preisen.