Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 21 (26.5.1899)
- Article
- Die Goldschilds
- Date
- 1899-05-26
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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Heite 16 Nr. 21 „Öle Weit“ „Allerdings/' stimmte David bei, sich mehrmals räuspernd. Was wollte er nur dem Pfarrer eigentlich sagen? J Ueber die Bücher und die strenge Zucht verrathende .derbe Zurechtweisung des Heizers hatte er den Grund seines Besuches ganz vergessen. Die gehässige Fieberphantasie des Kindes hätte den Anlass zu einem vom Zaune gebrochenen Zank bieten sollen. Nun aber war ihm, zum Theile durch die Erzählung der Mutter, zum Theile durch die Bestrafung des Vaters, die Spitze abgebrochen. Die ganze Sache erschien dem alten, klugen Arzte kläglich genug. Da er nun aber einmal in die Höhle des Löwen eingedrungen, hiess es, mit guter Miene das böse Spiel zu Ende spielen. David versuchte der peinlichen Angelegenheit eine neue Seite abzugewinnen, die seinen Besuch halbwegs erklärte. „Es ist wegen der kleinen Gertrud," hub er an. „Du hast ihr heute die Sacramente gespendet. Das war unnöthig, das Kind ist gar nicht gefährlich erkrankt." Josef nickte mit dem Kopfe. Es freue ihn, so gute Nachricht zu hören. Aber die Eltern hätten nun einmal - nach ihm gesandt und es sei nicht seine Sache, zu untersuchen, ob ein Kranker genesen werde oder nicht. ' Da der Arzt nichts mehr entgegnete, fragte er dann ruhig: „Ist das alles, was Du mir sagen wolltest?" „Ja," erwiderte der Greis, sich erhebend. Aber der Priester hielt ihn, die grosse Hand auf seinen Arm legend, zurück und blickte ihm scharf ins Gescht. „Nein — das ist nicht alles!" widersprach er mit klarer, fester Stimme. „Weshalb lügst Du — Onkel David? Das war ja nur ein Vorwand. Die Hauptsache hast Du vergessen! Du bist zu mir gekommen, um Deiner Erbitterung Luft zu machen. Thue es doch!" Auf einen derartigen directen Angriff war der alte Doctor nicht gefasst. „Worüber sollte ich erbittert sein?" fragte er verwirrt. Der Pfarrer lächelte überlegen. „Ueber mich — Deinen Neffen. Weil Du mich in letzter Zeit immer auf Deinem Wege findest und mein Wirken Deine Ideale zu untergraben droht.“ „Meine Ideale!" rief David bitter. „Die haben andere längst vor Dir über Bord geworfen!" „Weil sie sich als nicht haltbar erwiesen!" fiel ihm der Neffe rasch ins Wort. „Warum klammerst Du Dich so eigensinnig an sie? — Willst Du wissen, was Dich so sehr gegen mich ergrimmt? Die Vereinsamung ist es, die Du fühlst! Du empfindest, wie einer nach dem anderen von Dir abfällt und sich uns anschliesst — und das thut Dir weh! Dir graut vor der Gesellschaft, die bald Dein einziges Gefolge bilden wird. Und daran thust Du recht — denn es sind nur die Schlemmer und Prasser, die herzlosen Genussjäger, die hinter Dir stehen werden. — Onkel David — weshalb verschliesst Du Dein Ohr der mächtigen Stimme der Zeit? Weshalb Dein Auge dem herrlichen Bilde eines Volkes, das seinen Gott sucht? Weshalb willst Du bei Deiner materialistischen Weltanschauung beharren? Du siehst — das Volk hat sie zu leicht befunden und verworfen! Onkel David — die Pforte der Kirche — noch steht sie Dir offen!" Der Priester hatte mit edlem Eifer gesprochen und hielt die grosse, breite Hand quer über den Tisch dem greisen Arzt hin. Aber über das faltenreiche Gesicht des alten Frei- ' geistes zuckten ironische Blitze. Herausgeber: P. Naschauer. Verantw. Red.: Erwin Rosenberger. Er lächelte sehr freundlich' dem Neffen zu und erwiderte verbindlich: „Ich gehe jedoch nicht hinein— Mein Wertester!“ Die richterische Leidenschaft des Gegners hätte ihn wieder sattelfest gemacht. Mit verletzendem Spotte fuhr er fort: „Hätte ich am Ende gar Aussicht, nach der Taufe die freie Vorstandsstelle im St. Georg-Vereine zu erhalten, die Du, wie ich hörte, dem Vater Schmit abgeschlagen? Fehlgeschossen, Hochwürden! Meine Eitelkeit ist nicht so stark wie die des Heizers!" Sofort hob der Priester den Fehdehandschuh auf. „Eitelkeit!" rief er aus. „Da irrst Du sehr! Was jenem Mann den Eintritt in unseren neügegründeten Verein so begehrenswert erscheinen lässt, ist ein viel grösseres und edleres Motiv. Es ist das Gefühl der Gemeinschaft! Hörst Du wohl — Onkel — dasselbe Gefühl, das auch Dich früher oder später zu uns treiben wird — dasselbe Gefühl, das mich zwang, mein stilles, sonniges Leben in Rom mit dieser aufreibenden Seelsorge zu vertauschen!" Und nun begann er ein farbenprächtiges Bild von der Ewigen Stadt zu entwerfen, wo der bethörendste Reichthum neben der erschreckendsten Armut herrscht, wo zwischen * den Ruinen einer zerschellten, grossartigen Welt die Grossen . dieser Erde mit ihrem gleissenden Golde, die Bettler mit t Lumpen prunken. Es gibt sicherlich Orte, wo Hunger und Ueberfluss noch näher beieinander wohnen, aber keinen, wo die Gegensätze sichtbarer aneinander prallen. Denn die gesegnete Sonne des Südens lokt den Reichen aus seinem Palaste, den Armen aus seiner dumpfen Hütte. Die Eindrücke, die er täglich auf der Strasse gewann, hatten Josef Goldschild bis in seine stille Klause des ^vaticanischen Palastes verfolgt und ihn schliesslich aus f seiner beschaulichen Ruhe aufgeschreckt. Der Genuss und -die Freude an dem Schönen war ihm durch die Kenntnis 2des Elends verleidet. Anfangs hatte er widerstrebt. Er wollte das gemächliche Dasein eines kunstsinnigen Abbes weiter leben. Aber er konnte es nicht. k Der innere Drang war stärker als die Stimme des Egoismus — er vertauschte sein Studium der Renaissance mit dem des Elends — das Interesse wuchs zur Leidenschaft — sein religiöses Gefühl wurde zur socialpolitischen , Ueberzeugung — aus dem wohlthätigen Priester entwickelte i sich ein fanatischer Agitator. In Rom war unter diesen Verhältnissen nicht mehr länger seines Bleibens. Hier blieb die katholische immer % eine politische Frage. Josef Goldschild reiste nach England und studierte i dort an Ort und Stelle die Organisation der „christlichsocialistischen Gesellschaft" und der „Gilde des heiligen ■ Matthäus", welche beiden weitverzweigten Vereinigungen bereits anlässlich einer Reise mit dem verstorbenen Cardinal seine Aufmerksamkeit erregt hatten. Dann bewarb er sich um die Pfarre in Siegling. Wie er es dem Arzte anlässlich seines ersten Besuches in der Alserstrasse angedeutet, hatte Josef gemeint, in » seinem Vaterlande nützlicher sein zu können und ohne Zögern — mit demselben Opfermuthe, mit dem die alte Sarah die todtbringende, winterliche Reise nach Polen angetreten — war er nach Siegling gezogen. (Fortsetzung folgt.) n I C A nOEID Specialarzt o <s> ® ® Ul« J« OAUuLrl, d <Z> für Nervenleiden -:—r—_ ordiniert in =====- Smefenberg, öst. IchlßsiBU, Ixners luphaus. Buchdruckerei „Industrie“ (S. Bergmann) VIII., Sehlösselg. 11