Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 21 (26.5.1899)
- Article
- Antisemitismus in Amerika
- Date
- 1899-05-26
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 „Die H Welt“ Nr. ZI Robert Mc, Gee. Nachdem Shocket einen Theil seiner Einrichtung untergebracht hatte, kehrte er in seinen früheren Wohnort, Greenport, zurück, um auch den Rest zu transportieren. Während seiner Abwesenheit wurde aber der Laden gestürmt und demoliert. Die Sache steht nun so, dass weder der Jude, noch die zeitgemässen Shelter- Islander nachgeben wollen. Der arme Mc. Gee wurde aber dafür, dass er sein Haus an den Juden vermiethet hatte, boycottiert. Die Zustände in Algier. Infolge eines Zwischenfalles bei einer landwirtschaftlichen Preisbewerbung wurde der Maire von dem Präfecten suspendiert. Ein antisemitischer Generalrath, welcher den Ruf ausbrachte: „Nieder mit dem Präfecten!" wurde verhaftet. Israel triumphierte über St. Patrick. Unter diesem Wildwest-Titel erzählt ein amerikanisches Blatt folgendes Geschichtchen: In der Regel sind die Kinder Israels gewöhnt, maltraitiert zu werden. Sie haben sich so in die Rollen der Unterdrückten eingelebt, dass sie sofort die Flucht ergreifen, geschweige sich wehren, wenn sie von den brutalen Patronen gehänselt oder attackiert werden. Abraham Frankstein, der sich durch den Verkauf von Butter und Eier — garantiert frisch — in 312 Grand Str., Brooklyn, schlecht und recht durchs Leben schlägt, bildet eine Ausnahme. Er ist ein Hüne von Gestalt, und Leute, die ihn zu necken versuchten, haben öfters zu ihrem Schaden ausgelünden, dass mit ihm nicht gut Kirschen essen ist. Der Letzte, der ein Rencontre mit dem frischen Eierhändler hatte, trägt eine zerschlagene Visage als Andenken an Abraham. Bis vor kurzem war O’Malley als Zierde der Knüppelschwinger angesehen, seitdem er aber mit Abraham in Contact kam, ist sein Ruf als Boxer wie Schnee vor der Märzsonne geschwunden. Und das kam so : Frau O’Malley welche in 250 1. Str.. Brooklyn, wohnt, schickte ein Nachbarskind nach dem Frankstein’sehen Laden, um Butter zu holen. Das Kind vergass das Kleingeld mitzubringen, und die Frau theilte dies ihrem Manne mit. „Das werden wir gleich besorgen,“ sagte der Polizist und begab sich in Civilkleidung nach dem Laden, wo er Frankstem zur Rede stellte. In einer gewählten Rede sprach er seine Verachtung über die Vorfahren Abrahams aus. Kaum war ihm das Wort entflohen, da lag er der ganzen Länge nach auf dem Boden. Er wollte sich wieder auf Frankstein stürzen, wurde jedoch mit einem zweiten Faustschlage niedergefällt. Ein Ringkampf entspann sich, und erst als O’Maliey ausrief, dass er ein Polizist sei, hörte Frankstein auf und folgte willig nach der Polizeistation. Im Gerichte sagte Frankstein, dass er der Angegriffene sei, trotzdem er auch nicht eine Beule aufweisen konnte, während O’Malleys Gesicht wie eine deutsche Landkarte in den alten Zeiten aussah. Der frische Butterhändler wurde um 5 Dollars bestraft, die er schmunzelnd bezahlte. Correspondenzen. Oesterreich-Ungarn. Krakau. Eine jüdische V o 1 k s b i b 1 i o t h e k wird binnen kurzem in Krakau eröffnet werden. Schon lange machte sich das Bedürfnis nach einer derartigen Anstalt geltend, aber erst nachdem der Vorstand der Cultusgemeinde im Vereine mit dem des fortschrittlichen Tempels und einigen Mitgliedern der Benei Berith-Loge die Sache in die Hand nahm, konnte an die Ausführung des gemeinnützigen Planes geschritten werden. Graz. (Assimilatorische Erfa hrungen.) Wenn dereinst einem Geschichtsschreiber die Aufgabe Zufällen wird, die „Assimilanten“ in den Alpenländern zu charakterisieren, so wird er nur die Faschingschronik des Jahres 181)0 zur Hand zu nehmen brauchen, und er wird gleich zwei so charakteristische Proben erhalten, dass er sich jede weitere Mühe wird sparen können. — Ein deutsches Märchenfest der „Südmark“, die, wie die Vereinsleitung zu wiederholtenmalen erklärt hat, radical-deutschnational-antisemitisch ist. Die öffentliche Einladung besagt: „Deutsche“ Gäste willkommen. Wer sich nun nicht schämt, eine offen judenfeindliche Veranstaltung zu besuchen, sind unsere Herren Juden. Der Assimilant denkt, der Antisemit aber lenkt - ihn zur Thüre hinaus mit der Einladung, sich dieses Fest doch lieber von aussen anzusehen. 2. Scene. 4 Wochen später. Die Herren, die sich nicht scheuen, auf dem radical-nationalen Balle zu erscheinen, prunken zahlreich auf dem Slavenballe mit slavischen Farben. Ihre zu grosse Zahl erregte aber beim slavischen Comit4, das sich eine Minderwertigkeit gegenüber den Deutschen im antisemitischen Sinne nicht vor werfen lassen will, lebhaften Unwillen; und es gibt unseren Herren einen Fingerzeig, indem es ihnen für künftighin den Besuch des italienischen Balles anräth. — Wird also in Zukunft jemand die Frage aufwerfen, wie lange dauert der Process der Assimilation hierzulande, so wird der gelehrige Schüler prompt antworten : „1 Wochen.“ Wie lange, so ganz nebenbei gefragt, werden sie wohl brauchen, uni anständige Juden zu werden? K. Budapest Die Fester „Chewra-Kadischa“, die grösste der Welt, hielt vorige Woche ihre Generalversammlung ab. Der Budgetvorschlag pro 1890 beträgt 205.780 fl., während die Einnahmen auf nur 108.880 fl. veranschlagt sind. Deutschland. Strassburg. Die „israelitische Synode des Eisass“, die demnächst hier zusammentreten wird, besteht im ganzen aus 17 Mitgliedern. Sie wird sich mit verschiedenen inneren Fragen zu beschäftigen haben. Auch dürfte eine neue Eintheilung der Rabbinatskreise sowie die Erhebung Mühlhausens zu einem — vierten — Oberrabbinate beschlossen werden. Frankreich. Grenoble, 18. Mai. Der wegen antisemitischer Aufreizungen angeklagte Max R e g i s, der Wortführer der Judenfeinde von Algier, wurde vom Schwurgerichte freigesp röche n. Abends zog eine Menge von etwa dreihundert Manifestanten vor den Cercle militaire, brachte Rufe zugunsten Dreyfus' und Piquarts aus und sang die Carmagnole. Drei Offiziere wurden durch Stein w ü r f e verletzt. Amerika. New-York. Im Now-Yorker Vororte Williamsburg ist es mehrfach zu kleinen antisemitischen Ausschreitungen gekommen. — Auch bei den Beamten der Einwanderungs- Commission zeigen sich antisemitische Regungen. Sie verlangen von den Neuanko nun enden neben der Abgabe des Nationale auch die Angabe des Cultus, dem der Ankömmling angehört. Vom „Vereine zur Wahrung der Bürgerrechte der Juden“ sind Schritte gegen diese der Verfassung widersprechenden und einer Republik unwürdigen Neuerungen gethan worden. Südafrika. Johannesburg, 27. April. Die „South African Zionist Federation“ veranstaltete diese Woche eine Versammlung, zu welcher sich aus allen Theilen des Landes Theilnehmer ein fanden. Sämmtliche Zionsvereine Südafrikas waren durch Delegierte vertreten. Der Secretär, Mi*. S. Lenox Loewe verlas einen Brief in welchem Rev. Stephen . S. W i s e namens der amerikanischen Zionisten den Transvaaler Genossen zu ihrer ausgezeichneten Organisation Glück wünscht. Ein Telegramm aus P r ä t o r i a brachte die Gründung der ersten zionistischen Frauenorganisation Südafrikas zur Kenntnis der Versammlung. Es wurde beschlossen, den Johannesburger Damen das gute Beispiel zur Nachahmung zu empfehlen. Mr. Caplan commentierte sodann den Bankprospect mit dem Erfolge, dass eine Menge Shares