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Die Welt · 1899-05-26 · 21 (26.5.1899) · p. 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
21 (26.5.1899)
Article
Aufruf! / Ahawath Zion / Verein
Date
1899-05-26
Page
8 (sequence 1)
Language
German
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Seite 8 ,»Die Welt“ Nr. %\ Tribüne. (Für Form und Inhalt der in dieser Rubrik enthaltenen Zuschriften aus dem Publicum ist die Redaction nicht verantwortlich.) Aufruf! Stammes- und Glaubensgenossen! In der Generalversammlung vom 25. und 26. April 1. J. haben die Mitglieder des gefertigten Vereines den Beschluss gefasst, die unglücklichen jüdischen Bergarbeiter aus Boryslaw nach Massgabe der zu diesem Zwecke aufzubringenden Bonde nach Palästina zu übersiedeln. Mit 50 Familien soll der Anfang gemacht werden. Wem von uns ist die traurige Lage dieser Enterbtesten aller Enterbten nicht bekannt! Durch unmenschliche Bestimmungen wurden Tausende jüdischer Arbeiter, die bisher ehrlich und fleissig ihrer Arbeit nachgegangen sind, derselben beraubt. Bei Juden können sie keine Beschäftigung finden, weil die den Kleinunternehmern gehörigen Schächte gesperrt worden sind, die christlichen Grossbetriebe wollen ihnen keine gewähren und haben sie successive entlassen. So sind denn Hunderte jüdischer Arbeiterfamilien seit Monaten ohne Brot. Mit jedem Tage wächst die Zahl der Brotlosen, denn immer weitere Schächte werden noch gesperrt. Und die Noth wird immer entsetzlicher. Die Arbeitslosen haben bereits alles verpfändet oder verkauft, und es beginnt unter ihnen der Hungertyphus zu herrschen. Was ist aber bis jetzt für diese nothleidenden Brüder von jüdischer Seite geschehen? Einige Wohlthäter oder Vereine haben sie mit Almosen unterstützt, die bereits verzehrt sind. Nun hungern sie weiter. Mit Almosen ist eben den Nothleidenden von Boryslaw nicht zu helfen. Sie selbst erklären, dass ihnen einzig und allein damit geholfen werden kann, dass man ihnen eine neue Existenzmöglichkeit, d. h. neue Arbeitsgelegenheit verschafft. Das ist jedoch an Ort und Stelle nicht mehr möglich. Die jüdischen Arbeiter müssen auswandern. Und sie sollen dorthin auswandern, wo man sie braucht, wo sie Arbeitsgelegenheit und Erwerb finden. Das' ist der Fall in den jüdischen Colonien Palästinas und Syriens. Dort könnten die Arbeiter von Boryslaw einen Verdienst finden. Dort auf dem historischen Boden ihres Volkes werden sie ein für allemal antisemitischer Willkür entzogen sein; dort winkt ihnen eine neue gesicherte Existenz. Vorläufig sollen die kräftigsten und rüstigsten fünfzig Familienväter hingehen. Fünfzig Familien sollen dem Hungertode entrissen werden. Sie werden dann weiteren Platz schaffen und ebenso galizische Bahnbrecher jüdischer Colonisationsthätigkeit in Palästina sein, wie ihre Landsleute auf der von uns begründeten Colonie Machnajim es geworden sind. Um jedoch die zur Beförderung der fünfzig Arbeiterfamilien von Boryslaw nach Palästina nothwendigen Geldfonde aufzubringen, wenden sich die Unterfertigten an die jüdische Oeffentlichkeit aller Länder. Welchen Juden könnte diese schreckliche Katastrophe, die plötzlich über die Boryslawer Arbeiter hereingebrochen ist, lediglich deshalb, weil sie Juden, weil sie unsere, Eure Stammesbrüder sind, nichts aufs tiefste erschüttern und dazu bewegen, auch nur durch eine geringe Gabe zu helfen, soweit man helfen kann, so lange noch zu helfen ist. Nicht wir fordern die Boryslawer Arbeiter zur Auswanderung auf. Die schreiende Nothlage hat ihnen bereits den Wanderstab in die Hände gedrückt. Die Emigration hat schon von selbst begonnen, aber nach dem Westen, wo sie die Zahl der Hausierer und Brotlosen vermehren und die ohnedies schon geschwächte wirtschaftliche Lage unserer Brüder im Westen noch bedeutend verschlimmern. Wir wollen den Strom der Emigration nach Palästina und Syrien lenken, wo sie als productive Mitglieder der Gesellschaft von ihrer Händearbeit leben und dem jüdischen Namen Ehre machen werden. Brüder! Ein Jeder von Euch, vor allem aber die jüdischen Cultusgemeinden und Körperschaften, mögen ihr Scherflein dazu beitragen, um diesen ärmsten und unglücklichsten aller Arbeiterproletarier in ihrer schrecklichen Noth zu helfen. Je mehr und je schneller die nöthigen Mittel aufgebracht werden, desto mehr Familien kann geholfen werden. Das Vertrauen, welches die bisherige praktische Thätigkeit unseres Vereines überall unter unseren Brüdern erweckt hat, und die keinen Aufschub leidende Nothlage Tausender unserer Brüder berechtigen uns zur Hoffnung, dass wir nicht vergeblich an das Gemeingefühl und den Wohlthätigkeitssinn unserer Glaubensgenossen appelliert haben werden. Die Spenden wolle man an den gefertigten Verein senden, der sie in seinen „Mittheilungen“ ausweisen wird. Bei Einsendung von Spenden an die jüdischen Blätter oder an andere Sammelstellen wolle man ausdrücklich hinzufügen: Für den Verein „Ahawath Zion“ in Tarnow. Verein Ahawath Zion, Weltchronik. Zum Kronrabbiner der jüdischen Cultusgemeinde in Kiew ist unser ausgezeichneter Gesinnungsgenosse Dr. Jampolsky aufs Neue gewählt worden, nachdem die Giltigkeit der ersten Wahl angefochten worden war. Jüdische Handwerker. In den Städten der Provinz Kurland ist den Handwerkern, welche Gesellen und Lehrlinge halten, vorgeschrieben, dass sie — Christen sein und das Zeugnis des Zunftmeisters besitzen müssen. Natürlich müssen nun die jüdischen Handwerker ihr Geschäft schliessen respective in die Dörfer wandern. Professor Dr. Ludwig Stein. Der bekannte Professor der Philosophie an der Berner Hochschule wurde von der k. Ungar. Akademie der Wissenschaften zum Mitgliede ernannt. Für die Schrift „Zum ewigen Frieden" erhielt Professor Stein vom russischen Gesandten ein Anerkennungsschreiben des Czaren. Ausweisung. In Hamburg wurde ohne Angabe von Gründen ein dort mehrere Jahre ansässiger türkischer Teppichhändler, namens Alcalai, ausgewiesen. Trotz seines Einspruches wurde von den beiden angerufenen höheren Instanzen die polizeiliche Massregel aufrechterhalten. Der Betroffene hat nunmehr das Reichsgericht zur Hilfe angerufen, was ihm aber — nach früheren Fällen zu schliessen — wenig nützen dürfte. Gründe für die Ausweisung sind nicht angegeben. Ein Antisemit Vorsteher einer jüdischen Gemeinde. Aus Edinburgh berichtet man dem Londoner „Hajehudi“, dass der Präsident der dortigen israelitischen Cultusgemeinde. ein mehrfacher Hausbesitzer, den christlichen Verwalter seiner Häuser angewiesen habe, keinem Juden eine Wohnung zu vermiethen, da er seine Häuser „judenrein“ zu erhalten wünsche. Ein duftiges Assimilationspflänzchen! Weibliche Apotheker im alten Testament. Nachdem durch Bundesrathsbeschluss vom 20. April die Zulassung von Frauen zu den Prüfungen als Aphotheker im Deutschen Reiche beschlossen worden ist, wird man sich auch mit Bezug auf dieses Ereignis fragen, ob damit eine Errungenschaft der Neuzeit geschaffen worden. Wie die „Pharmaceutische Zeitung“ erfährt, ist das nicht der Fall, vielmehr muss es weibliche Apotheker schon im grauen Alterthum e gegeben haben. Im ersten Buche des Propheten Samuel im achten Capitel findet sich folgende Stelle, in der von den

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