Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 21 (26.5.1899)
- Article
- [Ohne Titel] / Rosenberger, Erwin
- Date
- 1899-05-26
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 21 „Die H Welt** Geiste des Deputierten sollen sich die Stimmungen, Wünsche, Anschauungen der Wähler wie die Strahlen in der Spitze eines Lichtkegels vereinigen. Wenn die Wähler einen Mitbürger in die Volksvertretung schicken, so verkünden sie damit vor aller Welt, dass er Geist von Ihrem Geiste sei; und wenn sie dann zu gleicher Zeit öffentlich erklären, dass sie ihren Auserwählten für „dumm" halten, so haben sie mit einer Naivität und Offenheit, die heutzutage leider sehr selten vorkommt, eine leicht verständliche Selbstkritik geübt. s * * Bei der Aufzählung von Possenstreichen, die der moderne parlamentarische Brauch auf dem Gewissen hat, darf niemals der Vorgänge im niederösterreichischen Landtage vergessen werden. Die niederösterreichische Landtagsstube erinnert an die verrufenen Schenken, von denen in Hintertreppenromanen so oft die Bede ist. Unter dem Schutze der Finsternis, die im ganzen Lande herrscht, findet sich da eine Anzahl verdächtiger Gesellen zusammen, um in zwangloser Unterhaltung, unbehelligt von jeglicher Behörde, verschiedene Mordpläne zu besprechen. Zunächst einigen sich die Disputierenden — wie es in jeder sachlichen Debatte sein soll — über die Grundbegriffe. Die Verständigung ist leicht erzielt; erstes Axiom: den Juden müsse das Lebenslicht ausgeblasen werden. Das ist eine so selbstverständliche natürliche Forderung, dass darüber weiter keine Worte verloren werden. Man geht rasch,'um keine Zeit zu verlieren, zum zweiten Punkt der Tagesordnung über: Was für Todesart? — Jetzt nimmt die Debatte hitzige Formen an. Der eine ist für das Erschiessen, weil das eine rasche humane Todesart ist, bei der man, falls man glücklicherweise auf einen guten Schützen trifft, nicht lange zu leiden braucht. Ein anderer ist für das Aufhängen. Die Majorität der Anwesenden schliesst sich dieser Todesart an, im Hinblicke auf das Amüsement, dass hiebei dem Zuschauer durch die possierlichen. zappelnden Bewegungen des Delinquenten geboten wird. Nun geht man in die Specialdebatte ein: Wo sind die Juden aufzuhängen? Ueher diesen Punkt konnte niemals eine rechte Einigung erzielt werden, in Anbetracht der vielen Gegenstände, an denen sich eine Schlinge anbringen lässt. Erst in der Landtagssitzung vom 19. Mai scheint die Frage endgültig gelöst worden zu sein. Tn dieser Sitzung hat ein Abgeordneter unter allgemeinem Bei falle beantra gt, man solle alle Juden auf den Drähten der elektrischen Oberleitung von Wien aufhängen. Dem Antragsteller mag hierbei das bekannte Experiment Galvanis mit den zuckenden Froschschenkeln vorgeschwebt sein. Antragsteller hofft offenbar, dass der durch die Leitung durchgehen de Strom auf die ohnehin possierlichen Bewegungen der Aufgeknöpften einen nachhaltigen fördernden Einfluss ausüben wird. Die Aussicht auf das gesteigerte Vergnügen, das hieraus dem Zuschauer erwächst, mag den Abgeordneten zu dem sonderbaren Antrag verleitet haben. Erwin Rosenberger. Die jüdische Colonialbank. Das Actionscomite hat beschlossen, zur Zusammenfassung der von mehreren Seiten gcäusserten Wünsche, eine theilweise Umänderung der Bankstatuten betreffend, alles Notlüge vorzukehren, damit bereits die erste Generalversammlung der Jüdischen Colonialbank in der Lage sei, darüber abzustimmen. Alle Zuschriften in* dieser Angelegenheit wolle man an Herrn Doctor 0. Koke sch, Hofu n d G e r i c h t s a d v o c a t e n in Wien, I., Tuchlauben 17, einsenden. * Alle anderen Anfragen in Bank- und Subscriptions- Angelegenheiten sind in erster Reihe an das Centralbureau des betreffenden Landes zu richten. Solche Centralbureaux sind: Für Deutschland: Herr D. Wolffsohn, Cöln a. Rh., Karolingerring 37. Für Oesterreich-Ungarn : Das Bureau des Zionisten- Gongresses, Wien, IX., Türkenstrasse 9. Für Rumänien: Herr Heinrich Rosenbaum Ln Jassy. Für Amerika: Herr Prof. Dr. Richard Gottheil, 169 West 93rd Street, New-Vork. * Verzeichnis der Creditanstalten in Russland, welche in ihren Comptoirs, Commissionen und Agenturen Geld auf Rechnung der Jüdischen Colonialbank in London annehmen: Meyer Aronowsky, Wilna. Commerzbank in Warschau, Warschau. Wilnaer Privat-Handclsbank, Wilna. A. Goldfeder, Warschau. Idel & Sam. Lourie, Pinsk. Gebrüder G. & S. Lourie, Hornel. Commerzbank in Minsk, Minsk. Rigaer Commerzbank, Riga. Samuel Barbasch, Odessa. Leon Löw, Riga. A Ilorodiscliz, ßialystok. Moskauer Kaufmannsbank, Moskau. Oreler Coinmerzbank, Orel. Pinsker Gesellschaft gegenseitigen Credits, Pinsk. L. 8. Po'liakoff, Moskau. Wolga-Kamma Coinmerzbank, St. Petersburg. Landau & Co., Lodz. Warschauer Discontobank, Warschau. Moskauer Internationale Handelsbank, Moskau. L Friedmann & Co., Riga. Gebrüder Löwstein, Riga; Schallt, Riga. I. Buniinowitsch, Wilna. M. Goldhaar, Radom; Sachs, Dwinsk. Summen von weniger als 200 Rubel werden angewiesen an : Warschauer Discontobank, Warschau. Pinsker Gesellschaft Gegenseitigen Credits. Gebrüder G. & 8. Lourie, Hornel. A. Ilorodischz in Brest. * Aus vielen Orten kommen Meldungen, dass die Zeichnung von Shares günstig fortschreitet. Die Gesinnungsgenossen verstehen, dass mit der Erreichung und Ueberschreitung des fixierten Minimums von 250.000 Shares das Werk noch nicht vollendet ist, sondern dass weitere energische Arbeit nöthig ist, um das Actiencapital möglichst bald vollzumachen, damit die Bank schon in nächster Zeit ihre geschäftliche Thätigkeit beginnen könne. Bis zur Zutheilung der Shares, die in der nächsten Vollversammlung des Directoriums in London erfolgen dürfte, können Share-Anmeldungen noch mit 20%iger Anzahlung und weiterer Ratenzahlung im Sinne des Prospektes gemacht werden. Nachher wird man Shares nur gegen Zahlung des ganzen Nominalbetrages erhalten können. Cours-Notierung: 1 St 9 50 Rubel. „ „ 25*25 Francs. „ „ 20*45 Mark. „ „ — 12*— Oest. Florin. Bei der Abfassung des Statutes der Jüdischen Colonialbank mussten, um eine Verzögerung der Registrierung zu vermeiden, die Bestimmungen der