Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 21 (26.5.1899)
- Article
- Nach dem Haag!
- Date
- 1899-05-26
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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«Seite ä „Die A Welt“ Nr. 21 Nein, trotz der frohen Zuversicht, mit der ich den Haager Tagen entgegensehe, das erhoffe ich mir nicht: leicht und schnell würde ein dekretiertes Staatenbündnis die nationalen Kämpfe und hassenden Gesinnungen im Innern der Staaten nicht überwinden. Aber ich sehe noch gar manche andere Wandlungsprocesse sich vollziehen. Im Haag allein wird der Frieden nicht „geboren“ werden. Und wenn auch geboren — er könnte draussen nicht gedeihen und leben, wenn nicht überall schon die Auflehnung gegen das alte Gewaltsystem in der Luft läge. Eine Abrüstungsconvention, unterzeichnet im „Haus im Busch“, könnte zum Beispiel dem Autoritäts- Badischismus der französischen Militärpartei nichts anhaben — dem sind andere, siegreichere Feinde erstanden in dem Wahrheitsmuthe und der Gerechtigkeitsleidenschaft, die eine Geistes- und Charakter-Elite der Bevölkerung in der Dreyfus-Sache an den Tag legt. Und jener andere Fanatismus, der jeder Bethätigung der Friedensprincipien in dem Wege liegt — der Judenhass, der könnte einen wohl an den Sieg der Menschheitssache verzweifeln machen! Aber auch gegen diesen regt sich jetzt etwas anderes als die platonische Verurtheilung derer, die er nichts an geht, und als das vogelstraussartige Ignorieren von seiten derer, die er trifft. Ein Werk der Auflehnung, dabei der Selbsterhebung und der Rettung ist im Zuge — der Zionismus. Unsere merkwürdige Zeit, so angefüllt mit den sogenannten „Bewegungen“, den hoffnungsreichen, freiheitsringenden, glückerstrebenden Bewegungen, welche die Rechte des arbeitenden Volkes, die Rechte der Frauen, die Rechte aller bisher Unterdrückten erkämpfen will, diese Zeit brachte auch den Zionismus hervor — und wer ihn verstehen gekonnt, der wollte ihn nicht mehr missen in dem Bilde der so heftig bewegten Gegenwart, aus der der „Friede geboren“ werden soll. Der Zionismus hat übrigens so manches mit der Friedensbewegung gemein; er wird noch von der Allgemeinheit abgewehrt, wird wie diese: Verirrung, Schwindel, Utopie genannt, und ist wie diese — ohne dass die Ununterrichteten es ahnen — schon auf dem halben Wege zum Ziele. Es ist nicht lange her, da war ich ihm selber feind. Die Nationalitätensache mit ihren Streitigkeiten und Rivalitäten und Selbstverhimmelungen ist ja im Grunde der Gegensatz zu dem übernationalen Ideal der Verbrüderung. Soll da noch eine neue Nation geschaffen werden — noch eine neue Absperrung eingeführt, ein neuer Rassenstolz entfacht werden? Seien wir froh, dass es doch eine Gattung Menschen gibt, die genug Kosmopoliten sind, um überall nur die Güter der Menschheit und nicht eines einzigen Volkes zu pflegen, machen wir doch nicht aus den Juden auch noch eine getrennte, vielleicht gar kriegerische Nation —■ mit dieser Bestrebung würden wir ja die Berechtigung der nationalen Trennungen und Feindschaften und Ueberhebungen, die unseren Friedensideen ein Hemmnis sind, unterstützen! Das war meine erste und daher ablehnende Auffassung der zionistischen Bewegung. Ich hielt sie für ein gleichfalls national-fanatisches Getriebe, für ein äffisches Nachahmen, für ein Angestecktsein von der herrschenden Nationalitätsraserei. Erst nach einigem Vertiefen in die Frage ward sie mir klar. Als Rettung vor Elend und Verfolgung, als stolzes Aufbäumen gegen angethanen unerhörten Schimpf und vor allem als Schaffung eines Zufluchtsortes — so verstehe nun ich die Aufrichtung des Reiches Zion. Ferner sehe ich darin — doch in diesen Blättern brauche ich mich nicht zum Anwalt der zionistischen Sache m machen — nur der Zusammenhang mit der Friedenssache ist es, der mich gepackt hatte, als ich — am Tage der Abfahrt nach dem Haag — die wüste Juden-Kriegserklärung aus dem Landhaus las. Denri als Trost fiel es mir ein, dass der Antisemitismus vom Zionismus besiegt werden wird. Vogelfrei ist allen den Nationalisten nur dieses eine Volk, weil es eben keine Nation darstellt. Erst an dem Tage, da der Jude ein Vaterland haben wird, wird er mit Würde Kosmopolit werden können. Wenn wir Friedensfreunde erst warten müssten, dass das Nationalitätenwesen aufhöre, dann wären wir noch himmelweit vom Ziele. Einmal vielleicht werden alle Völker der Erde sich als eine Familie fühlen (mit dem „Vater im Himmel“, wie ja wir Christen es lehren, ohne es je verstanden und angewendet zu haben), aber das Friedensreich — das heisst das Reich der internationalen Rechtsgemeinschaft — muss früher hergestellt sein. Nicht Verschmelzung ist's, was wir verlangen, nein: Verbündung. Keinen Weltstaat sehen wir vor uns, sondern die Föderation autonomer Staaten. Das Nation alitätsprincip soll nicht ausgerottet werden, sondern in eine neue Bahn gelenkt — in die der individuellen Freiheit. Eine Gruppe, die sich organisch und historisch zusammengeschlossen, die bildet auch eine Individualität. Die soll sich nun entfalten, entwickeln, frei bewegen, sich auf lösen oder anderen anschliessen können, ohne Zwang zu dulden, noch Zwang zu üben,- ohne sich einer Gewalt zu fügen und ohne andere zu vergewaltigen. Je selbständiger das Individuum, desto wertvoller ist sein Anschluss an die anderen. Der Jude, der sich heute zur Weltbürgerschaft bekennt — und die meisten vorgeschrittenen Juden stehen ja auf dieser Stufe — nützt deshalb dem Weltbürgerschaftsgedanken nur wenig, weil ihm dieser Standpunkt als Folge seiner Vaterlandslosigkeit vorgeworfen wird; besitzt er aber ein Vaterland, ein selbständiges, angesehenes Heimatreich, dann kann er sagen: Ich bin über die Interessen meines Landes hinausgewachsen, ich fühle mich als Europäer, als Culturmensch. Von allen Culturen habe ich die Schätze mir zunutze gemacht, wie ja auch die Schätze der jüdischen Gultur dem Allgemeingut zugeflossen sind. Oft sagt man uns Friedensfreunden, der Zionismus sei ein unseren Bestrebungen feindliches Element, denn durch ihn werde ein neuer Chauvinismus — der jüdische — ins Leben gerufen. Das Bewusstsein, eine mit den anderen Nationen gleichberechtigte Nation zu bilden, setzt ja doch nicht Chauvinismus voraus, denn dieser besteht eben in dem Vorurtheile, dass man einer über die übrigen erhabenen Nation angehört. Jetzt müssen diejenigen Juden, welchen von Antisemiten die Volksangehörigkeit abgestritten wird, einen ganz besonders heftigen Patriotismus hervorkehren, und dann tragen sie, in jedem Lande, zum herrschenden Chauvinismus ein Erkleckliches bei. Durch das Erwachen des zionistischen Gedankens kann der Friedensgedanke nur gefördert werden, wie denn überhaupt alle Befreiungskämpfe Zusammenhängen^ Der Weg zur Freiheit, zur Menschenwürde, zur endlich anerkannten Unverletzlichkeit der persönlichen Güter — darunter jedes Einzelnen Ehre und Leben — dieser Weg wird jetzt von verschiedenen Pionnierstruppen ausgehauen. Eine der tapfersten darunter — weil sie ja unter Steinwürfen arbeiten muss — ist die Zionistentruppe. Darum sind ihr meine Gedanken zugeflogen, während der Reiseanstalten nach dem Hauptquartier des Friedensstabes*