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Die Welt · 1899-05-19 · 20 (19.5.1899) · p. 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
20 (19.5.1899)
Article
Die Goldschilds
Date
1899-05-19
Page
16 (sequence 2)
Language
German
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„Die A Welt“ Reite 16 stehen geblieben, und die Kleine hatte alle Müsse, die regungslos dastehenden prächtigen Pferde, die vergoldeten Räder, die breite Silberborte am'Hute des Kutschers zu bewundern. Sie war so sehr in den Anblick dieser Herrlichkeiten vertieft, dass sie ordentlich erschrak, als der Lakei plötzlich den Schlag wieder aufriss und ein Schutzmann sie ziemlich barsch zurückstiess. In demselben Augenblicke stand auch schon der Kaiser dicht neben ihr. Auf dem weichen Teppiche hatte sie sein rasches Nahen gar nicht gewahrt. Hatte nun der Monarch das aufgeregt zu ihm aufblickende Gesicht des Kindes bemerkt, oder galt die Liebenswürdigkeit der Verabschiedung diesen seltsam uniformierten Herren, die in einiger Entfernung folgten — jedenfalls flog ein unendlich gütiges Lächeln über seine ernsten Züge, gerade in dem Augenblicke, als sein Blick dem des Kindes begegnete. Gleich darauf fiel der Schlag zu, der Lakai schwang sich behend auf den Bock und der Wagen rollte in weitem Bogen geräuschlos auf seinen vergoldeten Rädern in den dunklen, nebeligen Herbstabend hinaus. Die Herren in den seltsamen Uniformen entfernten sich rasch, die Gepäcksträger halfen den Laufteppich wieder aufzurollen und die Gaffer setzten ihren Weg fort. Nur das Kind — dem sein Kaiser einen Augenblick lang in die Augen gesehen und zugelächelt hatte — blieb regungslos auf seinem Platze. Frau Schrnit hatte den Verlauf der Begebenheit in ihrem breiten, unschönen, böhmisch-deutschenDialecte höchst ausführlich geschildert. Zum Glücke verfügte Dr. David trotz seiner 66 Jahre noch über genügend Phantasie, um sich selbst den Hergang des kleinen Ereignisses zu vergegenwärtigen und den tiefen Eindruck nachzuempfinden, den die Begegnung auf das zarte Herz des liebebedürf eigen Kindes gemacht. Der Schlüssel zum psychologischen RäthseL wieso ein zehnjähriges Mädchen in seinen Fieberträumen die Vertreibung der Juden fordern könne, war nun leicht ge-i fanden. Wien stand während der letzten Jahre unter dem Zeichen des Antisemitismus. Der Widerstand, den die Regierung der Bürgermeister wähl eines populären Tageshelden entgegensetzte, hatte die Gemüther auf das Aeusserste erbittert, und man war in beiden Lagern auf dem besten, Wege gewesen, dieser Frage eine viel grössere Bedeutung beizulegen, als ihr von rechtswegen zukam. Was Wunder, wenn das kranke Kind dem Kaiser, der ihm so freundlich zugelächelt, und von dessen Entscheidung, wie sie täglich zu hören bekam, Heil oder Unheil abhieng, die naive Bitte um drakonische Massregeln gegen das gehasste Israel vertrauensvoll vortrug? XII. Dr. David fühlte nur zu gut, dass hier jedes aufklärende Wort auf unfruchtbaren Boden fallen würde. Er begnügte sich daher, einige ärztliche Anordnungen zu treffen und seinen Besuch für die nächsten Tage in Aussicht zu stellen. Dann suchte er den Pfarrhof auf, um dort mit KarlV Raphaels Sohne endgütig Abrechnung zu halten. Aber obgleich die ausbedungene halbe Stunde längst verflossen war, fand er den Geistlichen noch nicht vor. Das Hans unterschied sich in nichts von den übrigen Gebäuden. Es war ärmlich und einstöckig wie die Wohnstätte der Arbeiter. Nur ein schmales Vorgärtchen zeichnete es als Gemeindeeigenthum aus. Eine alte Magd führte den Arzt in die Wohnstube und bedeutete ihm, hier den Hochwürdigen zu erwarten. Es war. ein massig grosses, aber sehr niederes Gemach, dessen zwei Fensterchen auf die Strasse zeigten. Ar. 20 Die überheizte, drückende Luft legte sich David gleich einem Alp auf die Brust. Er trat daher rasch an das Fenster und öffnete eine der kleinen Scheiben. Hierauf musterte er die Einrichtung. Die war nun freilich einfach genug. In der Mitte des Zimmers stand ein mit einer verschossenen, grünen Decke überzogener, runder Tisch, übeiden eine einfache Hängelampe schwebte. Ein altmodisches Schreibpult füllte die eine Ecke aus. Der davorstehende Drehstuhl schien nicht einladender als seine steifen, hölzernen Collegen um den runden Tisch. Der einzige bequeme Bitz war ein dicht am Ofen stehender, mit schwarzem Leder überzogener Lehnstuhl, auf dessen Polster noch zum Ueberflusse ein dicker Kotzen als Decke bereit lag. An den langjährigen römischen Aufenthalt des Pfarrers Goldschild mahnten nur zwei schöne Stiche an der getünchten Mauer. Der eine stellte die Sixtinische Madonna, der andere Michel Angelos' „Jüngstes Gericht“ dar. Den besten Schmuck der Stube jedoch bildete ein volles Bücherbrett, das längs der Wand hinlief. Bis zur Manneshöhe standen hier Bücher aufgestapelt und die abgegriffenen Einbände verriethen, dass sie auch fleissig in die Hand genommen wurden. Neugierig trat der Arzt heran, um die Sammlung, aus der sein frommer Neffe seine geistige Nahrung zog, zu besichtigen. Die ersten Titel, die er auf den dunklen Rücken entzifferte, entlockten ihm ein mitleidiges Lächeln. Es waren Heiligenlegenden und populäre theologische Werke, deren wässerigen Inhalt er von der Zeit her, wo Karl-Raphael in das katholische Fahrwasser gesteuert, zur Genüge kannte. Dann aber stiess er in rascher Reihenfolge an geschichtliche, naturhistorische und philosophische Autoren. Weder Darwin noch Kant oder Schopenhauer fehlten in der Bücherei. Auch der schönen Literatur war ihr Recht geworden. Neben der dickbändigen Graetzischen Geschichte Israels standen friedlich Ibsens und Hauptmanns neueste Dramen und an diese reihten sich wieder Denker wie Johannes Müller, Helmholtz und David Friedrich Strauss. Man konnte getrost behaupten, dass diese nicht allzu umfangreiche Bibliothek durch ihre mannigfache Zusammenstellung die Entwicklung des Geistes während des letzten Jahrhunderts verkörperte. Ueber diese gedruckten, papierenen Schätze aber erhob sich, gleichsam aus dem Bücherberge emporwachsend, ein grosses, rohgeschnitztes Crucifix, in jener unschönen, realistischen Darstellung, die man oft an den Wegkreuzungen der Landstrassen oder in den Zellen der Bettelmönche findet. Wie konnte der gebildete, an Roms Kunstschätze gewöhnte Priester eine so drastische und ärmliche Auffassung des Erlösers in seinem Zimmer aufpflanzen? (Fortsetzung folgt.) _ In der israelit. Cultusgemeinde zu Pitesti (Rumänien) ist die Stelle eines Cantors, der zugleich das Reifezeugnis einer deutschen Lehrerbildungsanstalt besitzt, um auch den Lehrerposten in der Gemeindeschule bekleiden zu können — vacant. Bewerber muss musikalisch gebildet sein und die Uebergabsmethode des Unteniehtes nach der neuesten Pädagogie verstehen, soll nicht älter als 30 Jahre sein und und keine zahlreiche Familie haben. Deutsche Reichsangehörige und zionistisch Gesinnte werden bevorzugt. Reflectanten wollen sich an Unterzeichneten bis zum 1. Juli wenden. Dr. J. Albeanu, Präses der israelit. Cultusgemeinde Pitesti (Rumänien). Herausgeber: P. Naschauer. Verantw. Red. : Erwin Rosenberger. Bucbdruckerei „Industrie41 (S. Bergmann) VIII., Schlösselg. D

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