Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 20 (19.5.1899)
- Article
- Unsere Palästinafahrt
- Date
- 1899-05-19
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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„Die H Welt« Nr. 20 schliessen Hessen. Besonders war dies der Fall bei der Pflanzung des ältesten Colonisten am Orte, Jakob Huben. Stolze Freude strahlte aus den Augen des bejahrten Ehepaares, als sie uns eine Reihe stattlicher Söhne in ihrer Bajare vorstellen konnten, die sie durch Ausdauer und Pleiss zu einem Mustergarten der Colonie gestaltet. Prächtige Apfelsinen und Esrogim von riesigen Dimensionen wurden uns trotz alles Widerstrebens zu Dutzenden in den Wagen gelegt, und wir setzten gegen Mittag unsere Fahrt nach Rechowoth fort. Wir sahen in der Ferne eine kleine Staubwolke herannahen,' und Schoüb sagte uns, Colonisten von Rechowoth ritten uns entgegen. Mit Spannung sahen wir nach der Wolke, die sich rasch näherte. Wer beschreibt unsere Freude und Rührung, als auf einmal etwa dreissig prächtige Colonistensöhne zu Pferde heransprengten und die Hedadrufe aus kräftigen Männerkehlen kein Ende nehmen wollten. „Hedad Dr. Herzl“ hiess es, „Hedad das jüdische Volk“. Neue Hedadrufe erschallten, als wir die Grenze von Rechowoth erreichten und die ersten Häuser der Ansie 1lung an dem gegenüberliegenden Berghange erblickten. Das ganze Dorf erwartete uns bei der Einfahrt. Die Reiter bildeten einen Kreis; der Gemeindevorsteher hielt eine kurze Ansprache, und die jubelnden Hedadrufe von Jung uni Alt erschallten ohne Unterlass. Wir begaben uns zunächst zum Hause des Vorstehers Devin Eppstein, wo die Monge kaum zurückzuhalten war: jeder einzelne wollte l)r. Herzl die Hand drücken. Am Mittagstisch erschien auch ein alter, würdiger Mann mit lang herabwallendem, ’ weissein Bart, den der Volksmund der Colonisten-einen Propheten — Novi — nennt, und von dem man sagt, dass er schon vor vielen Jahren die Wiedergeburt Israels im Lande seiner Väter als nahe bevorstehend angekündigt. Als die Kunde vom Baseler Congresse nach Palästina drang, war er der erste, der sich begeistert als einen Anhänger Dr. Herzls bekannte. Und mit Stolz wies er auf eine kleine Medaille an seiner Brust, auf der das Davidsschild mit sieben Sternen abgebildet war. Wir besuchten sodann trotz der brennenden Hitze eine Anzahl Colonistenhäuseiv Fast überall sahen wir die Bilder Dr. Herzls und des ersten Baseler Congresses an‘den Wänden. Eine Abordnung von Arbeitern legte uns ihre Wünsche ans Herz. Leider sind die Verhältnisse gerade dieser Classe, welche doch allmählich in die Reihe der Colonisten eintreten sollte, noch durchaus unbefriedigende. Nur dadurch, dass den Lohnarbeitern im Laufe der Jahre die Möglichkeit geboten wird, sich eine selbständige Existenz zu schaffen, wird die Grosscolonisation über eine genügende Anzahl geschulter Kräfte für ihre Siedelungen verfügen können. Unter freundlichen Grüssen der Bevölkerung, die den Eindruck einer freien Bauernschaft machte,, führen wir in der Richtung nach Jaffa ab. Bis an die Grenze der Gemarkung gaben uns die jungen Reiter wieder das Geleite. In Rischon le Zion machten wir ein halbes Stündchen Halt, und Madame Hazan bot uns mit kaltem Thee Erfrischung nach der heissen Fahrt. Wir beschleunigten unsere Abfahrt, da wir fürchten mussten, in die festlich geschmückte Stadt nicht mehr eingelassen zu werden. Man hatte uns nämlich berichtet, da der deutsche Kaiser an demselben Abende dort eintreffe, dürfe nach Sonnenuntergang kein Fremder mehr hinein. Dieses Gerücht war natürlich, wie so vieles was uns sonst in Palästina zu Ohren kam, eine orientalische Uebertreibung. W ir gelangten vielmehr ohne Schwierigkeit in die Stadt, woselbst noch hunderte von Arbeitern beschäftigt waren, das Strassenpfinster auszubessern und aus grossen Schläuchen die staubigenj Gassen zu besprengen. In Jaffa hatte sich die Nachricht von unserer Ankunft bereits verbreitet, und so wurden wir vielfach freundlich gegrüsst, während andere Fremde mit stummer Neugier betrachtet wurden. Unser Hotel war mit vielen deutschen Gästen besetzt. Der deutsche Kaiser mit seinem Gefolge residierte im Park-Hotel inmitten Seite 15 der deutschen Templercolonie, die in ihrem festlichen Schmucke, mit ihren zierlichen Häuschen einen entzückenden Eindruck machte. Von der grossen, steinernen Veranda unseres Hotels genossen wir einen feenhaften Rundblick über die herrlich beleuchtete Stadt. Am anderen Morgen lag auf allen Gesichtern die Spannung kommender Dinge. Der Kaiser ritt mit seinem Gefolge durch die Stadt auf der Strasse, die nach Jerusalem führt. Herzl hatte sieb mit Wolffsohn und Seidener nach Mikweh-Jisroel begeben, weil man dachte, der deutsche Kaiser könnte vielleicht im Vorbeireiten auch die Ackerbauschule der Alliance besichtigen. Dies geschah zwar nicht, aber etwas anderes, ganz Unerwartetes. Seine Majestät bemerkte unter der Schar der Zuschauer Herrn Dr. Herzl, hielt das Pferd an, mit einem Ruck stand das ganze Gefolge, der deutsche Kaiser reichte Dr. Herzl freundlich die Hand und sprach mit ihm in leutseligster Weise von dem Eindrücke, den das Land bis jetzt auf ihn gemacht. Der Kaiser drückte Dr. Herzl die Hand zum Abschiede, Ihre Majestät die Kaiserin grüsste huldvoll, lind gleich dem Sturmwinde sauste die Schar weiter. Wie ein Traumbild war dies alles der harrenden Menge des jüdischen Volkes, die zu hunderten aus den Colonien herbeigeströmt war und den Vorfall beobachten konnten, erschienen. Ueberrasch ung, Staunen und Freude über die ausserordentliche Ehrung des Zionistenführers mischte sich gewiss in ihren Herzen. Als wir mittags von Jaffa nach Jerusalem-abdampften, war der Vorfall schon in der ganzen Stadt bekannt. G Die Goldschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (48. Fortsetzung.) Auf dem Rückwege hatte die Kleine, um den Weg zu verkürzen, die Halle des Südbahnhofes durchkreuzen wollen. Ein schmaler Laufteppich, den man quer durch den weiten Raum und auf die steile, hohe, auf den Perron führende Stiege gelegt, erregte ihre Aufmerksamkeit. Durch einen Packträger erfuhr sie, dass die Kaiserin eben ah reisen, und der Monarch, seiner Gattin das Geleite gehen werde. Die Gertrud hatte so hohe Herrschaften noch nie gesehen. Nichts war selbstverständlicher, als dass sie neugierig am Eingänge der Halle Aufstellung nahm. Gleich darauf rollte auch schon eine Hofequipage lautlos vor die Rampe. Der Lakai sprang mit einem kühnen Satze vom Bocke und riss den Schlag auf. Eine grosse, schlanke, schwarz gekleidete Dame und ein Herr in der kleidsamen, bescheidenen Tracht der österreichischen Generäle entstiegen dem Innern. Der hohe Ofßcier reichte der Dame den Arm und führte sie, von den Anwesenden ehrfurchtsvoll begrüsst, quer durch die Halle, die teppichbelegte Stiege hinauf. Das war also der Kaiser und die Kaiserin! Alles war so rasch vor sich gegangen, dass die kleine Gertrud so gut wie nichts gesehen hatte. Athemlos starrte sie dem Monarchen paare nach, wie es, gefolgt von Lakaien, langsam und schweigend die breite Treppe emporstieg. Das fahle Licht der elektrischen Beleuchtung zeigte die dunklen Silhouetten der schlanken Gestalten in scharfen U mrissen. Die lautlose Stille, die stramm salutierenden Beamten und Polizeisoldaten erhöhten die Feierlichkeit des Bildes. Da die übrigen Gaffer stehen blieben, that die Gertrud das Gleiche. Uebrigens hatte sie einen neuen Gegenstand der Bewunderung gefunden. Die Hofkutsche war an der Rampe