Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 20 (19.5.1899)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1899-05-19
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 20 „Die Welt“ Seite 11 gestiegen sind. Die Ansprüche sind eben sehr gross und von allen Seiten wird Hilfe verlangt. Die „Frankfurter Zeitung“ beschäftigte sich jüngst in einem Artikel mit einem Werke des amerikanischen Anthropologen R i p 1 e y. worin dieser sich auch über die „berühmte“ Rasseneinheit der Juden ausspricht. Der Gelehrte weist auf Grund von mehr als 2500 Schädelmess ungen. die er an Juden der verschiedensten Länder und Altersgattungen vorgenommen, nach, dass die grössten Verschiedenheitcn Vorkommen, und dass ein „einheitlicher Charakter“ nicht existiert. Wenn ein einheitlicher Charakter früher vorhanden war, so hat er sich völlig verloren. Für Ripley sind die Juden keine Rasse, sondern ein Volk. Von einem Rassengegensatz zu Ariern könne keine Rede sein. — Die verschiedenen Antisemiten, die einen Semiten trotz des mangelnden „einheitlichen Charakters“ mit verblüffender Sicherheit agnoscieren, werden also jetzt genöthigt sein, auf Grund neuester Forschungen in der Judenhe.it ein fremdes Volk und nicht eine fremde Rasse zu hassen und zu verfolgen. Eine grosse Erleichterung für die Juden. Aus dem nunmehr vorliegenden dreijährigen Yerwaltungsberichte der jüdischen Volksschule in Frankfurt a. M. dürften folgende Daten von allgemeinem Interesse sein : Gegründet 1880. stand dieselbe bis 189.8, also 17 Jahre, unter Leitung von Dr. Mendel Hirsch lind seit dessen wogen Ueberbiirdung veranlasstem Rücktritte unter der Leitung des Herrn Benjamin Frank, dem ein vortrefflicher Ruf vorausgieng. Die Schule zählte Ende 1898 201 Knaben und 197 Mädchen, die von sechs ordentlichen Lehrern, einer Lehrerin und vier Hilfslehrern unterrichtet werden. Obwohl unter städtischer.Aufsicht, beansprucht die Schule weder staatliche noch städtische Unterstützung, während andererseits die wenigsten Schüler Schulgeld zahlen, so dass die 29.600 Mark iähr!ich betragenden Ausgaben fast gänzlich aus Stiftungen und Geschenken aufgebracht werden müssen. Gewiss eine in jeder Beziehung bemerkenswerte Leistung. Die Schule ist eine Schöpfung der orthodoxen Religionsgesellschaft. und gilt'als Must erschüfe, wie sie in keiner Grossgemeinde fehlen sollte. H Vor zwei Jahren testierte in Kopenhagen ein grosser Wohlthäter, Nathan Joset Frankel, eine bedeutende Summe für "eine Alters-Versorgungsanstalt für orthodoxe jüdische Männer und Frauen über 60 Jahre. Die Anstalt .wurde vorige Woche eingeweiht. Auch in Berlin' hat sich nunmehr ein „Verein zur Errichtung hebräischer Sprachcurse“ gebildet. Die Altersversorgungsanstalt der jüdischen Gemeinde in Berlin, welche in zwei Hospitälern 240 Betten zählt, ist heim Magistrate um Ueberlassung eines Terrains ein gekommen, um einen dritten Bau für weitere 160 Personen herzu stellen, so dass die Anstalt dann 400 altersschwachen Leuten Aufnahme gewähren kann. * Zum Chefredacteur der angesehenen dänischen Zeitung „Berlingske Ti.denden“ ist seit 1. April Herr M. Nathanson ernannt, welcher seit langer Zeit zu den eifrigsten Mitarbeitern des Blattes gehört. Nathanson .ist von Beruf Arzt und eines der thätigsten Mitglieder der Kopenhagen er jüdischen Gemeinde. Der in H a. n n o v e r seit mehreren Jahren bestehende israelitische Dienstbotenverein beschloss die Errichtung eines israelitischen Mädchen heims als Heimstätte für junge, der Schule entwachsene Mädchen, behufs Ausbildung für Haus und Küche, ' * Wiederholt schon wurde an dieser Stelle auf die überaus segensreiche Wirkung der i s r. E r zi e h u ngsans'talt in Ahlem hei Hannover hingewiesen. In letzter Zeit hat die Schule namentlich in Süddeutschland viele Gönner sich erworben und wurde in Frankfurt, a. M. unter Leitung des Herrn Otto N. Strauss, Langestrasse 21, ein Zweigbureau der Anstalt eröffnet. Im ganzen wurden bis jetzt 29 Lehrlinge ausgebildet, von denen Stellung gefunden haben u. a. in Deutschland 17, Oesterreich ,4, Nordamerika 1, Jaffa 2. Die Zahl der Schüler beträgt jetzt 82, davon 50 Lehrlinge. Die Verwaltung der Anstalt richtet an alle Freunde ihrer Bestrebungen die herzliche Bitte um Beitritt als unterstützende Mitglieder.; Endlich hat der B e r 1 i n e r M a g i s t r a t dom Anträge auf Ueberlassung eines städtischen Grundstückes zum Baue einer vierten Altersversorgungsanstalt der jüdischen Gemeinde seine Zustimmung ertheilt. * Allgemein ist es aufgefallen, dass die englische Presse vom Tode der Baronin Hirsch kaum oder nur mit wenigen Zeilen Notiz genommen hat, während andererseits kaum ein Wettrennen, eine Saison - Schauspielerin oder irgend ein sich vordrängender Philantrop unerwähnt bleibt. Die einzige Ausnahme davon bildete der „Christian Herold“, der einen längeren Artikel mit zahlreichen photographischen Abbildungen der verschiedenen Schulen und Colonien veröffentlichte Im jüdischen Beth-Israel-Spital in New-York — dem zweitgrössten konnten im abgelaufenen Jahre von 1009 angemeldeten Kranken nur 414 Aufnahme finden. Ausserdem wurden in der Poliklinik 30.000 Consultationen ah gehalten und 38.000 Recepte gegeben. Einnahmen und Ausgaben balancieren mit 15.000 Dollars und die Kosten eines Kranken beliefen sich auf l3'/10 Dollars pro Tag. Die Mißische Kemgimg. Spenden für zionistische Zwecke, sowie Schekelzahlungen sind an das Burean des Zionisteneongresses, Wien, IX., Türkenstraße 9., Schekelblocks, sowie -Juxten an das Bureau des Zionisteneongresses, Basel, zu senden. - Das Aetionseornitö. Das Bureau des Zionisteneongresses befindet sich vom Mai angefangen: Wien, IX., Türkenstrasse 9. Dr. 0. Kokesch, Hof- und Gerichts-Advocat. wohnt vom Mai d. J. ab: Wien, I., Tuchlauben 17. Die zionistische Frauenbewegung. Wien. Samstag, 13. Mai fand die Constituierung der Frauen-^Ortsgruppe „Zion“ statt. Die Versammlung, die von Frau -Dr. Kahn geleitet wurde, war ausserordentlich zahlreich besucht. Auch eine grössere Anzahl von Herren war erschienen. In der gehaltvollen Eröffnungsrede weist Frau Dr. Kahn auf den Zweck des Vereines hin: Mitarbeit an der Realisierung des zionistischen Gedankens, der den „Vertriebenen,, xnüde Gehetzten eine Heimat, Geächteten Menschenwürde und Menschenwert und : Ueberflüssigen Daseinsberechtigung verschaffen will.“ Auf dem Baseler Gongresse sei die Organisation der zionistischen Frauen angeregt worden, und als Willensvollstreckerin des 2. Congresses habe Referentin die Constituierung der Ortsgruppe in die Hand genommen. Die sinnigen Ausführungen der Referentin ernteten reichen Beifall. Hierauf spricht Herr Dr Herzl: Im Zionismus sei die Frauenfrage-, bereits gelöst. Auf dem Baseler Oongresse waren auch weibliche Delegierte, gleichberechtigte Delegierte. Dann erörterte Dr. Herzl im Anschlüsse an den § 2 der Vereinstatuten die Tendenz des Zionismus. Der Zionismus, der selbst eine Culturbewegung ist, stehe auch mit allen übrigen Culturbewegungen in Zusammenhang. Ein eminent culturelles Werk ist es, wenn man auf einem Boden, der eine grosse Vergangenheit hat, neues Leben erwecke, wenn man weite Volksschichten auf ein höheres, moralisches und ästhetisches Niveau hebe. Jede Erfindung, die aus der Werkstätte der modernen Cultur hervorgeht, ist ein Hilfsmittel zur Vollführung der zionistischen Idee. An dem Beispiele der Friedensbewegung erläutert Dr. H e r z 1 das Schicksal neuer Ideen. Spott oder Gleichgiltigkeit des Publicums stehen an der Wiege des jungen Gedankens. Im Laufe der Tage erwirbt er sich die Anerkennung der O Öffentlichkeit. Die Aufgabe der Frauen sei es, durch Mitarbeit am Werke der Männer diesen Tag der Anerkennung näher zu rücken. Nach Dr. He rz l, dessen Rede von der Versammlung mit stürmischem Enthusiasmus begrüsst wurde, sprach Frau F e ige nb aiun, In ihr lernten die Anwesenden eine vorzügliche, geistreiche Rednerin kennen. Frau Feigenbaum erzählte, wie sie durch Herzls „Judens'taat“ zur Zionistin geworden und gab dann eine gedrängte Leb ersieht über die heutige Lage der Juden; der Zionismus sei der Ausweg aus der Misere. Zum Schlüsse spricht Fräulein Thilo. Die fesselnden Ausführungen werden mit grossem Beifälle aufgenommen. — Der Abend, welcher, dank dem zart-strengen Regime der Vorsitzenden, Frau Dr. Kahn, einen sehr schönen Verlauf nahm, brachte dem neuen Vereine eine stattliche Anzahl von Mitgliedern. Die Ausschusswahlen ergaben folgendes Resultat: Präsidentin : Frau Dr, Sidoöie Kahn; Vice-Prasidentinnen : Frau Marie Edle