Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 20 (19.5.1899)
- Article
- Ein freigesprochener Antisemitenhäuptling
- Date
- 1899-05-19
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 20 „Die H: Welt“ Seite 9 Weise anzureizen. Die Rede hat Graf Pückler von dem Mitangeklagten Schliebs in 2000 Exemplaren zum Zwecke der Verbreitung drucken lassen. Unter starkem Andrange begann die Verhandlung um 9 Uhr. Nach Verlesung der incriminierten Rede erklärt Graf Pückler: „Seine Absicht sei nicht Anreizung zu Gewaltthat, sondern Aufklärung, geschäftliche. gesellschaftliche Isolierung des Judenthums, um dies zur Auswanderung zu nöthigen und das deutsche Volk zu befreien. Wenn ein Wucherer mal Prügel bekomme, so könnte es ihm nicht schaden.“ In einem Schlussworte legte dann der Angeklagte, Graf Pückler, sein antisemitisches Glaubensbekenntnis ab. Es handle sich um die Befreiung und die Zukunft Deutschlands, das ohne Lösung der Judenfrage verloren sei. Er wisse, dass er Ehre, Reputation, sociale Stellung aufs Spiel setze, das könne ihn jedoch nicht abhalten, für das Glück Deutschlands, seines bäuerlichen, gewerblichen Mittelstandes bis zum letzten Athemzuge zu kämpfen. Er erwarte deshalb, dass der Gerichtshof, auf den die antisemitische Welt heute blicke, auf Freisprechung erkennen werde. Der Process endete nach einstündiger Verhandlung mit der Freisprechung beider Angeklagten. Das zahlreich erschienene, den „ besten Kreisen“ an gehörende Publicum nahm, den Wahrspruch beifällig auf und beglückwünschte Graf Pückler in herzlichster Weise. Antisemitismus in der Freimaurerei. Unter diesem Titel schreibt man dem „Berliner Tageblatt“: Ueberall macht die Freimaurerei, die eine Verbrüderung der Menschheit ohne Rücksicht auf Stand, Rang, Reichthum, Staatsangehörigkeit anstrebt, vernünftigerweise bei der Aufnahme in der Loge keinen Unterschied nach dem Glaubensbekenntnis. Einzig und allein in den skandinavischen Ländern und in Altpreussen verstösst die Freimaurerei, oder was sich hier so nennt, gegen den Hauptgrundsatz des reinen Menschenthums und der Gleichberechtigung aller Bekenntnisse. Vor etwa einem Vierteljahrhundert gelangte allerdings auch in einer der drei altpreussischen Grosslogen, vornehmlich unter der Einwirkung des damaligen Kronprinzen, das Humanitätsprincip zum Siege. Im Jahre 1872 gab die Grossloge Royal York, genannt „Zur Freundschaft“, das sogenannte christliche Princip auf, das, in Wirklichkeit höchst unchristlichehrenwerte Männer nur wegen ihres Glaubens von der Mitgliedschaft der Loge ausschloss. Die Mutterloge „Zu den drei Weltkugeln“ und die „Grosse Landesloge“ blieben jedoch bei jener Ausschliesslichkeit und wussten alle Reformbestrebungen, theilweise unter gröblicher Verletzung von Recht und Wahrheit, wie beispielsweise in dem Kampfe gegen Schiffmann, zu hintertreiben. Aber auch in der Grossloge Royal York machten sich bald wieder, besonders seit dem Auftreten des Hprrn Stöcker, antisemitische Bestrebungen mit Erfolg geltend. Viele Jahre hindurch wurde zwar von dem Manne, der die Aufnahme in die Loge nachsuchte, das Bekenntnis zum christlichen Glauben nicht verlangt, er wurde aber, wenn er nicht getauft war, in den Berliner Logen rundweg abgewiesen. Alle Versuche, diesem Antisemitismus zu steuern, sind vergeblich geblieben. Es kommen sogar in den Logen gar nicht selten ausgeprägt antisemitische Reden vor. Jetzt steht oben ein, wie die „Latomia“ mittheilt, auf der Tagesordnung der nächsten Grosslogensitzung der Grossloge Royal York der Antrag, in die Verfassung einen Zusatz einzufügen, wonach der Suchende sich zu „christlichen Grundsätzen“ bekennen müsse. Es wird also das im Jahre 1872 eingeführte Humanitätsprincip von dieser Loge wieder abgesehafft. Vermuthlich sah Kaiser Friedrieh eine solche reactionäre Unduldsamkeit voraus, als er der ganzen altpreussischen Freimaurerei eine sehr trübe Zukunft prophezeite. Der Grossmeister der Grossloge Royal York, der Reichtagsabgeordnete Prinz Heinrich zuSch.önaic h-C ar o 1 a t h, ebenso wie der zugeordnete Grossmeister Professor Doctor ohr, haben eine Wiederwahl abgelehnt. Es ist begreiflich. dass sich alle Männer, die einen Funken von Liberalismus in sich fühlen, mehr und mehr von altpreussischen Gross- Jagen zurückziehen und sie ihrer geistigen Verödung überlassen. Es wird vielfach erwartet, dass infolge dieser Strömungen die übrigen Grosslogen ihre Verbindungen mit den drei altpreussischen Grosslogen aufgeben, insbesondere auch die humanistischen Grosslogen Deutschlands ihren Austritt aus dem Grosslogenbund erklären. Der Wochenbericht des Matrikelamtes der israelitischen Cultusgemeinde Wien vom 80. April bis <>. Mai 1899 verzeichnet 49 Geburten, 2 Trauungen, 54 Sterbefälle. Das biblische Manna. Neuere Untersuchungen haben die Bestandtheile des biblischen Manna wie folgt festgesetzt: 1(5 Theile Wasser, 14 Stickstoffsubstanzen, 29 stickstofffreie Substanzen, 5 Mineral-, 82 Ei wo iss- und 4 Percent fetthaltige Substanzen. Die Mannapflanze wächst nach dem Regen im Wüstensande in Form erbsengrosser Knöllchen von grauer Farbe, die locker am Boden haften und, durch den Wind fortgeführt, als Mannaregen niederfällen. Namentlich in arabischen und afrikanischen Wüsten kommt die Pflanze heute noch in sehr grossen Mengen vor. Hohenlohe in den Fusstapfen Heines. Der jetzige deutsche Reichskanzler hieng an seinem Brude»'Philipp Ernst mit ungewöhnlicher Zärtlichkeit wie das folgende, vom „Bär“ mitgetheilte Gedicht zur Genüge beweist. Philipp Ernst von Hohe n l o h e, der dritte Bruder des Fürsten C h 1 o d w i g, starb am 3. Mai 1845, im 25. Lebensjahre. Vom Schlosse schau ich einsam Ins stille Thal hinab. Da selT ich im Mondschein ein Blinken: Die Kirche und das Grab. Da haben sie Dich begraben, Den ich so heiss geliebt : Den Freund, den tapfern, treuen, Wie's keinen zweiten gibt! Sie haben viel tausend Thränen Ins Grab Dir nach gesandt: Sie haben sich wieder getröstet, Sie haben Dich nicht gekannt. Doch meine Thränen fliessen Noch wie an jenem Tag, Da man Dich hinuntergetragen Und mir das Herz zerbrach. Personalnachrichten. Sonntag, 21. Mai um '/22 Uhr nachmittags findet im israelitischen Tempel, II. Bez., Tempelgasse, die Trauung des Herrn Bernhard Tag mit Fräulein Karoline Lederer statt. — Am 19. Mai findet in der Wiener Universität die Promotion des Herrn cand. med. Aron Brod zum Doctor der gesummten Heilkunde statt. Correspondenzen. Oesterreich-Ungarn. Wien. Die Gemeinde Wien hat vor einiger Zeit das Bedürfnis gefühlt, einem Kirchenbauverein mit einer grösseren Subvention unter die Arme zu greifen. Der Gerne inderath Lucian Brunner hat gegen die Subvention beim Verwaltungsgerichtshof Beschwerde geführt, und die Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes vom 8. März 1899 gieng dahin, dass die Gemeinde Wien zu einer solchen Subvention nicht berechtigt sei. Dieser Urtheilsspruch hat in den Reihen der Wiener kirchenfreundlichen Bürger eine gewaltige Entrüstung hervorgerufen. Da Lucian Brunner Jude ist, so bietet das Verwaltungsgerichtshoferkenntnis erwünschten Anlass zur Arrangierung antisemitischer Scandale. In der Sitzung des nioderösterreiduschen Landtages vom 13. Mai rief die Angelegenheit der Kirchenbausubvention eine „Judendebatte“ hervor, bei der wahre Orgien des Judenhasses gefeiert wurden. Der Sitzungsbericht wimmelt von rohen Ausfällen gegen die Juden. Am meisten that sich der Abgeordnete Scheiche r hervor. Der Judenfeind im Priestergewand hielt eine wüste Brandrede gegen die Juden, die in folgenden drei Anträgen gipfelte. 1. Die hohe Regierung wird aufgefordert, dafür zu sorgen, dass unsere christlichen Institutionen, z. B. die