Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 20 (19.5.1899)
- Article
- Betrachtungen über die Colonialbank
- Date
- 1899-05-19
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Sette S „Die H Welt« Nr. 20 nicht des grossen, internationalen Capitals bedurft, um verwirklicht zu werden, obwohl sie iw wahren Sinne die internationalste, Bank der Welt ist. Etwas Rührenderes und Ergreifenderes ist nicht erlebt worden als dieses Zuströmen der einzelnen Shares, dieses Gedränge kleiner Leute, um ihre zionistische Hoffnung in Gestalt eines leichter oder schwerer entbehrlichen Betrages bei der Colonialbank gleichsam zu indossieren. Das hört sich alles so verführerisch und so selbstvertrauend an, wenn bei Emissionen die grossen Banken als Zahlstellen affichiert werden; man vernimmt ordentlich den lockenden Klang des immensen Capitals, der den Kleinen heran zieht. Von der Colonialbank stand das grosse Capital abseits, indifferent oder feindlich; es wurde auch nicht gerufen oder umworben. Da war es in der That die kleine Welt, die ihre hunderttausend Hände von allen Enden der bewohnten Erde herüberstreckte mit ihren Beträgen, diese kleine Welt, die noch ehrlich empfinden und leidenschaftlich hohen, die sich noch sehnen und noch begeistern kann. Es war ihr nichts versprochen, keine Aussicht auf raschen Profit war ihr vorgegaukelt; nichts, gar nichts wurde als die Aufgabe der Colonialbank verkündet ausser der geschäftlichen Zusammenfassung und Erleichterung der Zwecke, welche der zionistischen Bewegung vorschweben. Und wie lautete das Echo? Aus Johannesburg und aus Chicago, aus Bialystok und Alexandrien klang es einmüthig, fast jubelnd zurück: Wir zeichnen, wir zeichnen gerne und nach Kräften! So weltentlegen sind viele Orte, so entfernt von der grossen Heerstrasse des Besitzes, und sie haben sich gemeldet, so in Einsamkeit verloren sind viele dieser Juden, die sich nach Palästina sehnen, und der Ruf des Zionismus hat sie erreicht. Man könnte sagen, es müsse tiefbeschämend für die grossen jüdischen Besitze sein, dass ihnen in solcher Weise der Spiegel vorgehalten wurde. Bald werden sie wohl auch erschreckend isoliert sein, wenn sie fortfuhren, die natürliche Solidarität zu verleugnen. Doch nach dem leuchtenden Erfolge, dessen der Zionismus sich zu rühmen hat, indem er auf die nunmehr verwirklichte — binnen der kurzen Frist verwirklichte! — Colonialbank blickt, mag jede Recrimination unterbleiben. Das werden bald auch die verstocktesten Widersacher begreifen, dass sie vergebens einem Wagen in die Speichen greifen, der nicht aufzuhalten ist. Nur eines darf als wertvolle Erfahrung aus dieser neuen, glänzenden Kraftprobe des Zionismus abgeleitet werden, dass er selbst wohl weder eine Utopie, noch eine phantastische Spielerei sein kann, wenn er so unzweifelhafte Zeichen seines Daseins und seiner Attraction liefert. Die Colonialbank ist eine Legitimation und, weil sie das Ergebnis einer in unwiderleglichen Ziffern sich ausdrückenden idealen Opferfreudigkeit ist, eine sehr feierliche Legitimation des Zionismus, eine mehr zu den bisherigen, aber eine der überzeugendsten. Jeder Share, der gezeichnet wurde, bedeutet Vertrauen auf den Zionismus und seine Ziele und ein Vertrauen, das sich über eine geographische Ausdehnung erstreckt, über welche keine andere Bank der Welt mit ihrem Geschäftskreise reicht. Sie . werden kleinlauter werden, die Spötter und Verächter, denn unter ihnen gibt es genug,, denen die Sprache der Zahlen verständlicher ist als die Sprache der Ideale. Sie haben eines überzeugenden Arguments bedurft; nun ist es da. Es ist aber allerdings ein Argument, vor dem sie erröthen müssen,, wenn sie sich noch weiter der besseren Einsicht, widersetzen. W Der dritte Congress. Nach einem Jahre voll schwerster Mühe und Arbeit, das aber auch die ersten sichtbaren, ernsten Erfolge der zionistischen Bewegung gezeitigt hat, wird der Zionistencongress im August 1899 abermals in Basel stattfinden. Die Eröffnung des Gongresses ist heuer wegen der früher fallenden Feiertage nicht wie in den Vorjahren auf den letzten Sonntag des Monates, sondern schön auf den 15. August anberaumt. Der Congress dürfte diesmal vier oder fünf Verhandlungstage in Anspruch nehmen, weil unsere wachsende Bewegung begreiflicherweise mehr und wichtigere Gegenstände zur Berathung stellt, als in der Anfangszeit. Der Congress, der zuerst eine — wir dürfen es wohl sagen — glückliche Improvisation war, musste und muss immer sorgfältiger eingerichtet, auf immer festere Grundlagen gestellt werden, wenn er seine Aufgabe, eine ordentliche, ernste Vertretung des jüdischen Volkes zu sein, erfüllen soll. Das vom zweiten Congresse eingesetzte Comite hat es daher für seine Pflicht gehalten, die Delegierten wählen mit Bürgschaften der Aufrichtigkeit und Redlichkeit zu umgeben. Der Wahlprüfungsausschuss des zweiten. Congresses hatte in glücklicherweise vereinzelten Fällen Unzukömmlichkeiten entdeckt., deren Wiederkehr unter allen Umständen verhindert werden musste, wenn nicht schliesslich das Ansehen des ganzen Congresses leiden sollte. Aus diesem Grunde wurden einige Reformen vorgenommen, die aber keineswegs eine Aenderung des bisherigen Wahl s y s t e m s darstellen. Es war die Aufgabe des Actionscomites, die Unordnung und Missbräuche abzuschaffen, weil sonstwer imme'r^vielleicht auch Leute, die irn Solde unserer Gegner stehen, auf den Zionisten-Congress hätten kommen können, um die Verhandlungen zu entehren. Das Comite kann und will selbstverständlich den Schekelzahlern nicht vorschreiben, welche Delegierte sie nach Basel entsenden sollen. Aber das Comite muss dafür sorgen, dass das Princip des Ersten Congresses: die Vertretung von örtlich zusammengefassten Hundertschaften durch Delegierte in Basel auch wirklich durchgeführt werde. Wollen sich die Hundertschaften durch Delegierte vertreten, lassen, die das so schwer errungene Ansehen unserer Bewegung herunter setzen und den Zionismus um die Achtung aller hochgesinnten Menschen bringen wollen, so ist das die Lache der Hundertschaften. Das Comite hat weiter keine Pflicht, als dass es den Hundertschaften die Wahlmittel an die Hand gibt, durch die sie sich ihre Delegierten selbst bestimmen können. Zu diesem Zwecke werden aus den Listen der Schekelzahler je Hundert zu einer Wahlgruppe vereinigt. Ein Bezirk, der mehr als hundert Schekelzahler hat, bildet mit der Ueberzähl eine zweite, dritte etc. Wahlgruppe. Ein Bezirk, der weniger als hundert Schekelzahler hat, wird mit den örtlich nächsten zu einer Wahlgruppe vereinigt. Jeder Schekelzahler bekommt vom Congressbureau einen Wahlzettel zugeschickt und hat diesen auszufüllen und in der auf dem Zettel selbst deutlich umschriebenen Weise innerhalb einer bestimmten Frist abzugeben. Die grosse Arbeitsüberbürdung aller Comites hat es uns bisher nicht gestattet, die Vorbereitungen zum dritten Congresse zu beginnen. Umso energischer und schneller muss jetzt alles gethan werden. Kaum drei Monate trennen uns noch von der Eröffnung des Congresses. In dieser kurzen Zeit muss wieder ein grosses Stück Arbeit bewältigt Werden. Es müssen die Schekelblocks abgeliefert, registriert und darnach die Listen der Schekelzahler angefertigt werden. Hierauf müssen die Wahlgruppen* zusammengestellt, die Wahl-