Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 19 (12.5.1899)
- Article
- Die Goldschilds
- Date
- 1899-05-12
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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Hr. ih Seite 16 „Die A Weit“ Vor diesem stand, David den Rücken kehrend, die hohe Gestalt des Pfarrers Josef Goldschild, im schwarzen Talare und weissen Chorrocke, und ordnete die heiligen Gele, mit denen er soeben das Kind gesalbt. Gleichwie die kleine Gertrud, reckten alle übrigen Anwesenden die Köpfe und bückten mit heiliger Scheu auf seine Hände, obgleich ihnen allen der Gang der sinnigen Ceremonie wohlbekannt war. Auch David vermochte sich nicht ganz dem Zauber der friedlichen Bilder zu entziehen. Indess war es zum mindesten sehr übereilt, die Kleine mit den Sterbesacramenten zu versehen; da gerade ein so plötzlich und heftig auftretendes Fieber nicht die Lebenskräfte'zu untergraben pflegt. Hatte denn dieser Pfarrer überall seine Hand im Spiele? Sein Anblick allein brachte den greisen Arzt nachgerade in Harnisch. Während die Gläubigen Gebete murmelten, war der Geistliche mit gefalteten Händen und zur Seite geneigtem Haupte vor dem kleinen, von zwei flackernden Kerzen beleuchteten Kruzifixe, David immer den Rücken kehrend, gestanden. Mit einer raschen Bewegung wandte er sich nun, gleich, als ob er am Altäre stände, um und hielt eine kurze Ansprache. - Es waren nur wenige Sätze. An die Erklärung des soeben gespendeten Sacramentes anknüpfend, sprach er von der Liebe Gottes zu den Besitzlosen und Armen und schloss, seine These in knappen Worten steigernd, mit dem Ausspruche Jesu Christi : „Wahrlich sage ich Euch — eher wird ein Kameel durch ein Nadelöhr eingehen. als ein Reicher in das Himmelreich!Ä Eine düstere, leidenschaftliche Glut strahlte aus dieser Ansprache. Ein unversöhnlicher Hass gegen den Besitz, der sich in masslosen Superlativen gefiel. Unwillkürlich erinnerte diese Sprache an Baron Isaks Jugend, wo er als Knabe die Herrschaft der Intelligenz über die Welt verkündet. So grundverschieden, ja entgegengesetzt, die Weltanschauung dieser zwei Glieder der Goldschild’schen Familie waren, eines hatten sie doch gemein, die flammende, alle Schranken versengende, unerbittliche Consequenz der Sprache, deren Form die Zögernden und Zaudernden mit sich fortriss. Dr. David war über die Rücksichtslosigkeit der eben vernommenen Rede nicht wenig erstaunt. Das war nicht* die frömmelnde, süssliche, entnervende Lehre, die man gewöhnlich von der Kanzel zu kören bekam. So mochten die ersten Christen ihren Muth gestärkt haben, ehe sie singend und jubelnd in, die Arena der römischen Kaiser zogen. Ein 'grosser, überwältigender Gedanke lag dieser Richtung zugrunde, der wie junger Wein die Ürtheilskraft selbst klarer Köpfe trübt. Der alte David sollte indess nicht allzulang im mystischen Banne gefangen liegen. Er war nicht der Mann, der sich mit Worten abspeisen liess. Die Person des Sprechers forderte seine Kritik heraus. War denn jener Mann, der so begeistert das Loblied der Armuth anstimmte, derselbe Geistliche, der im Paramenten geschah das Christenthum als Rettung des wohlhabenden Mittelstandes pries und in der byzantinischen Villa des Baron Isak eifrig um die Seele des sterbenden jungen Milhonenerben warb? Wie reimten sich so verschiedene Bestrebungen? Wie Hessen sich so entgegengesetzte Interessen unter einen Hut bringen? Herausgeber: P. Naschauer. Verantw. Red*: Erwin Rosenberger. > Die Geduld des alten Arztes war erschöpft. Er be- < schloss, dem hoch würdigen Neffen, der ihn durch sein aalglattes Spiel sowohl um das Vertrauen Karl-Raphaels, als - um das des siechen Jonathan binnen wenigen Monaten gebracht, gehörig die Leviten zu lesen. Der Anlass war leicht in der Aeusserung der fiebernden Gertrud gefunden. Für die Verwilderung dieses jungen Gemüthes war der Seelen- * hirte verantwortlich. Der Priester sollte es nur erfahren, wohin es führt, materielle Ihstincte und religiöse Hebungen zu verschmelzen. Rasch legte sich David seinen Plan zurecht und fragte den Pfarrer, als dieser mit den heiligen Geräthen in die Flur trat: „Könnte ich Hochwürden einen Augenblick, sprechen? Josef Goldschild blieb stehen und schien zu überlegen : „Meine Zeit ist sehr in Anspruch genommen!" meinte er dann. „Ich komme ohnedies gegen Abend in die Villa \“ „Das ist kein passender Ort!“ entgegnete der Arzt raub. »Was ich Dir zu sagen habe, betrifft Dein Amt!“ Der Pfarrer neigte den Kopf. »Dann stehe ich natürlich zur Verfügung,“ erwiderte er gelassen. „Ich habe nur : einen dringenden Beichtgang zu unternehmen — in einer halben Stunde jedoch werde ich im Pfarrliofe zu treffen sein!“ Damit bückte-er seine hohe breitschulterige Gestalt, um nicht an dem niederen Thürrahmen anzustossen und eilte in grossen Schritten die Strasse hinab und der Kirche zu. Der Arzt aber trat in das Krankenzimmer, um die kleine Gertrud zu untersuchen. Zu seiner Genugthuung nahm er wahr, dass die Kraft " der Erkältung bereits gebrochen war. Das Kind war fast fieberfrei, und würde mit einer starken Bronchitis sich aus dem Spiele ziehen. Die-Nachbarn und Gäste hatten gleich nach Aufbruch des Pfarrers die Stube geräumt. Nur die Mutter war zur Wartung des Mädchens zurückgeblieben. Die Einrichtung des Zimmers war äusserst ärmlich. Ausser den beiden Lagerstätten, von denen die eine an den hanakischen Arbeiter vermietbet war, bestand der ganze Hausrath nur-aus einem Tische, einigen Stühlen und dem Nachtkästchen, das als. Altar gedient hatte. Die Wände Waren schmucklos. Nur an das Holz der Thüre hatte man ein Blatt aus einer geringen Wochenschrift mit Nägeln befestigt. Das Bild stellte den Kaiser, eine Ausstellung eröffnend, dar. Als Dr. David den groben, unschönen Druck neugierig betrachtete, rief Frau Schmit, die eben das weisse Tuch und das Kruzifix vom Nachttischchen abräumte, lächelnd : „Das hat die Kleine hier aufgehängt! Sie hat sich in den Kaiser ganz verschaut! Gelt — Gertrud!“ Das Kind wurde über und über roth und auf weiteres Befragen erfuhr der Arzt aus dem Munde der Mutter den Ursprung der schwärmerischen Verehrung des Mädchens für den Monarchen. Es war eine rührende, einfache Geschichte. Im Laufe des Herbstes hatte, der Heizer seine 'fochlöf anlässlich der Uebersiedlung des. hanakischen Arbeiters in die Schmit’sche Wohnung nach Wien mit sich geführt und* während er sich selbst in einer Brantweinschenke der Fasangasse gütlich that, einiger Besorgungen wegen nach dem X. Bezirke geschickt. (Fortsetzung folgt.) Buchdruckerei »Industrie“ (S. Bergmann) VIII., Schlösselg. 11