Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 19 (12.5.1899)
- Article
- Jüdische Colonien in Cypern
- Date
- 1899-05-12
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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M. 19 „Die & Welt“ Seite 9 wird aber von England verwaltet —- aufs Gastfreundlichste empfangen und nach der fruchtbaren Ebene von Margot gebracht, wo man ihnen Ländereien gegen einen bestimmten Pachtschilling anwies. Diese Ländereien gehörten einst dem Königshause von Lusignan, das früher auf der Insel Cypern geherrscht, dessen Nachkommen aber jetzt von einer russischen Pension leben. Nun sind diese königlichen Felder und Weingärten in den Besitz russischer Juden übergegangen, die hoffentlich aus denselben grossen Gewinn ziehen werden. Unter diesen 75 eingewanderten Juden gibt es einige, welche geläufig englisch sprechen. Das rothe Kreuz und der gelbe Fleck. Die russische medicinische Fachzeitschrift „Wrazsch" (Der Arzt) veröffentlicht folgenden von neunzehn Kiew’schen Aerzten unterschriebenen offenen Brief: „Wir endesunterzeichneten Aerzte, die in dem Kiew'schen Krankenhause des Rothen Kreuzes am Podoll in Kiew die Kranken empfangen haben, bitten die Redaction um Veröffentlichung der Gründe, die uns zwangen, weitere Kranke in genannter Anstalt nicht mehr aufzunehmen. In den Heilanstalten des Rothen Kreuzes erhalten laut Statut alle Kranken kostenlos ärztlichen Rath und Arzneien. Ungeachtet dessen ist es in unserer Anstalt üblich geworden, nur den kranken Christen kostenlos Arzneien zu verabreichen, den kranken Juden aber die kostenlose Verabreichung von Arzneien zu verweigern. Viele von uns haben mehrmals gegen diese Ordnung protestiert und zum grössten Theile wurde die Sache so bei gelegt, dass auf Verwendung des Arztes auch den kranken Juden Arzneien gratis verabfolgt wurden. Im letzten Jahre wurde aber die kostenlose Verabfolgung von Arzneien an kranke Juden auch verweigert, wenn wir Aerzte uns dafür verwandten. Da wir eine Begrenzung der kostenlosen ärztlichen Hilfe wegen des religiösen Bekenntnisses für unnatürlich halten, so haben wir ein Gesuch eingereicht, diesen Modus als den Grundlagen der Statuten des Rothen Kreuzes nicht entsprechend, abzuschaffen. Unser Gesuch wurde abschlägig beschieden, und infolgedessen halten wir, für unsere Person, es für unmöglich, unsere Thätigkeit in der genannten Anstalt fortzusetzen." Eine judaisierende Secte. Herr Bernhard Traubenberg schreibt der „Allg. Z. d. J.": Nach einer Meldung in einer der letzten Nummern dieses Blattes hat sich in Siebenbürgen eine judaisierende Secte, die „Adventisten des siebenten Tages", gebildet. Es dürfte weitere Kreise interessieren, dass diese Secte auch in Berlin ihre Anhänger hat. Sie feiern den Sabbath, haben, irre ich nicht, eine eigene Kapelle und besitzen eine Bibelausgabe, die nähere Aufschlüsse über ihre Ziele und Hoffnungen gibt. An einem der vor zwei Jahren von Pastor Fab er veranstalteten Bekehrungsabende trat ein Anhänger dieser Secte gegen die Judenbekehrungsversuche mit vielem Eifer auf und erklärte alle Religionsformen als unvollkommene Vorstufen des Judenthums. „Nicht alle Juden sollen Christen, sondern alle Christen müssen Juden werden", sagte er in seiner gegen den Pastor Fab er gerichteten Erwiderung. Ausser dem Redner waren noch zwei andere Herren dieser Richtung damals in der Versammlung anwesend. In der Privatunterhaltung hörte ich als Domicil Weissensee nennen, nur habe ich nicht recht verstanden, ob sich dort die Privatwohnung des Redners oder die Betstätte der Secte befindet. Auch in anderen Städten, z. B. Köln, wohnen Anhänger der Sabbatfeier am 7. Tage der. Woche. Es darf bei der Gelegenheit auf ein neulich erschienenes Inserat eines nichtjüdischen Kaufmannes hingewiesen werden, dessen Geschäft am Sonnabend strenggeschlossen bleibt. Die „Adventisten des siebenten Tages" sind jedenfalls mit den Unitariern wesensverwandt und haben gleich diesen eine monotheistische Auffassung von Gott. Immerhin sind derartige Bestrebungen, die innerhalb eines allerdings kaum nennenswerten Bruchtheiles im Christenthume entstanden sind, für den unparteiischen Beobachter von hohem Interesse. Personalnachricht. Dienstag, den 11./23. Mai findet in Jekaterinoslaw die Trauung des Herrn Dr. Israel Mozkin mit Fräulein Wera Rosenberg statt. m Die Saijo« der Ritnalmorde. Die „9h Fr. Pr." schreibt: Die Antisemiten von der Blut- Couleur des Mechanikers Schneider wollen durchaus einen jüdischen Ritualmord zustande bringen — sie brauchen eine thatsächliche Bestätigung ihres Blutmärchens. Es wurden doch leider in letzter Zeit so viele grausame Morde verübt, die allgemein Entsetzen und Entrüstung erregten — aber bei keinem wollte es trotz der eifrigsten Bemühungen gelingen, ihn zum Ritualmorde zu stempeln. Der Mädchenmord bei Polna schien allerdings die günstige Gelegenheit zu bieten, und alles war bereits vorbereitet — in den antisemitischen Blättern wurde schon der angebliche Mörder mit Namen genannt und die Volkswuth gegen ihn aufgestachett: die Schächter von Kolin und Goltsch-Jenikau wurden als Mitschuldige bezeichnet, obgleich keiner von ihnen zur Zeit der That auch nur in der. Nähe von Polna war, und der ganze zum Ritualmorde nöthige Thatbestand war bereits eonstruiert — da machte die Prager Polizei-Direction den Antisemiten einen Strich durch die Rechnung, indem sie. den Handschuhmacher-Gehilfen Janda verhaftete, auf den alle Umstände als den Mörder Hinweisen. Es war also wieder nichts mit dem Beweise des Blutmärchens. Kaum batte sich die Kunde von der Auffindung der Leiche der kleinen Mizzi Winter im Keller des Hauses Nr. 5 der Payergasse verbreitet, da eilte Mechaniker Schneider hinaus nach Ottakring, um alle Umstände des Verbrechens sorgfältig zu erheben, aber bevor er noch hinauskam, war der Thäter bereits verhaftet, und aus. Josef Kopetzky lieb sich beim besten Willen kein Nitualmörder machen. Aber es muss doch einen solchen geben — die Antisemiten brauchen ihn dringend nothwendig. Da wurde denn in der Mordchronik zurückgeblättert, um nachträglich einen geeigneten Fall zu finden. In der Tbat wurde ein solcher entdeckt. Vor einigen Wochen wurde bekanntlich im Leichenhause des Central-Friedhofes in Salzburg die Leiche, eines noch kindlichen Mädchens mit durchschnittenem Halse aufgefunden, und die gerichtliche Untersuchung ergab, dass an dein armen Opfer ein Lustmord verübt worden war. Es wurde auch ein der Tbat verdächtiger Mann verhaftet, der aber wieder freigelassen werden musste. Da hatte man also einen Mord, dessen Thäter noch nicht entdeckt ist und der daher die Gelegenheit bot, daraus einen Ritualmord zu machen. Das ist auch schon geschehen, aber auffallenderweise in keinem der einheimischen antisemitischen Blätter, sondern die Entdeckung wird aus benachbartem, reichsdeutschen Gebiet importiert. Das in Traunstein in Bayern erscheinende Wochenblatt brachte vorgestern eine Eorrespondenz aus Salzburg, worin kurzweg erklärt wird, es könne keinem Zweifel unterliegen, dass man es bei dem Morde auf dem Salzburger Central-Friedhofe mit einem Ritualmorde zu thun habe. Nach Aussage des Arztes Dr. Brebiß sei die Todeswunde des armen Opfers ein ganz regulärer Schächterschnitt gewesen. Wer dieser Dr. Brebiß ist, wird nicht gesagt, auch wird nicht beigefügt, welches Gutachten der obdueierende Gerichtsarzt abgegeben. Dagegen wird noch beigefügt, zwei Personen wüssten sich bestimmt zu erinnern, „dass sie kurz vor der kritischen Zeit auf dem Friedhofe einem Juden mit einem Talmud begegnet sind." Dieser Blödsinn müsste, wenn er nicht so widerwärtig wäre, Heiterkeit erregen. Man will glauben, dass der Jude, der den angeblichen Ritualmord im Leichenhause verübt haben soll, sich zu diesem Zwecke mit einem Talmud — rwt einem Werke, das aus etwa fünfzehn starken Bänden besteht — versehen habe. Aber für die antisemitische Herde ist bekanntlich nichts dumm genug, um nicht geglaubt zu werden, und wenn das Schlagwort vom Ritualmorde einmal ausgegeben ist, findet es rasch seinen Widerhall von allen Seiten. Man muss sich auch die Quelle des neuesten Blutgerüchtes etwas genauer ansehen. Das „Traunsteiner Wochenblatt" ist nicht etwa ein privates antisemitisches Winkelblättchen, sondern es bezeichnet sich selbst stolz als das „Amtsblatt für das k. Amtsgericht und den Stadtmagistrat Traunstein". Also das Amtsblatt eines königlichen bayrischen Amtsgerichtes, das Organ einer reichsdeutschen Justizstelle, hält sich für berechtigt,. solche aufreizende Gerüchte in das benachbarte ^österreichische Gebiet zu importieren. Aber auch der übrige Inhalt des sauberen Blättchens lässt erkennen, dass es ganz vom bayrisch-clericalen Geiste erfüllt ist, und daraus erklärt sich auch die Salzburger Hetzcorrespondenz von selbst. Die Jüdische Colonialbank (Nachtrag). Versammlungen zum Zwecke der Bankagitation wurden in den jüngsten Tagen an zahlreichen Orten der ganzen Erde, gehalten. In K r i n k y (Gonv. Grodno) sprachen L L. J a f f e, G. L e w i n, Lehrer Adler; in Zurawno Dr. D. Malz aus Lemberg, in W o j n il o w (Galizien) der Delegierte des Lemberger Landescomites P. Por des; Wygod a (Gal.) Dr. D. Malz aus Lemberg; in Lancut (Galizien) agitierten L. T a u b e s und S. Tann e n bäum; in D o 1 i n a Dr. S. R a p p a p o r t und A. T u r t e 11 a u b, in Podul-IIo.iei (Rum.) Dr. Lippe, H. Nimrewe r, Grossrabbiner A. J orefowitcz, Sch. S t e i n b e r g; in L e z a j s k (Gal.) H Taubes und H. Fr i e d e n t h a 1, in Korczyna (Gal.) L. Taubes. In Petrikau haben sich um die Propaganda verdient gemacht : Dr. M. Hirsch!) e r g, M. B r a u n, Rabbiner M. Horowitz, H. Sussmann. In Zloczow sprach H. Luhe c ki; in Kossow waren für die Bank thätig die Herren D. Eltiss, N. Schnapf, A. Drucker, H. Friinkel, J. Schaub er, B. Goldstein, S. A. Häufler u. J. J.