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Die Welt · 1899-05-12 · 19 (12.5.1899) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
19 (12.5.1899)
Article
Die Lage der Juden in Persien
Date
1899-05-12
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 „Die H Welt4* Nr. 19 Feind der Juden. Er predigt jeden Freitag in der Moschee den. Vernichtungskampf gegen die „jüdische Brut“ und fanatisiert die Menge aufs äusserste, so dass sie nach beendetem „Gottesdienst“ in den Strassen der Stadt herumschweift und jeden Juden, der ihr in die Quere kommt, überfällt und blutig schlägt. Im vorigen Monate drang eine solche Rotte in das Judenviertel ein, machte sich über ungefähr siebzig Personen her, denen sie Haupt- und Barthaär ausraufte, die Kleider in Fetzen vom Leibe riss und die sie nachher entsetzlich zurichtete. Am nächsten Tage wiederholte sich das gleiche Schauspiel, diesmal unter persönlicher Anführung des Scheichs. Der entmenschte Pöbel stürzte sich auf vierzehn Juden, die eben aus der Synagoge kamen, prügelte und misshandelte sie in empörender Weise. Einzelne Juden flehten -den Scheich um Gnade und Schonung an, erzielten aber nur Hohngelächter und die Antwort- „ihr seid Juden, die mit Füssen getreten werden müssen.“ Die Vorsteher der Gemeinde wandten sich an die Regierung uih Abhilfe, erhielten jedoch den Bescheid: „Das Volk gehorcht dem Scheich, und wir können es davon nicht abhalten.“ Eilt hübscher Irrthum passierte, nach einem Berichte der „J. W.“ jüngst dem in New-York erscheinenden „Morning Call.“ Das Blatt brachte einen Artikel über Rev. Stephen S. Wise, den Secretär des zionistischen Localcomites nebst einem Conterfei. Aber anstatt dasjenige unseres verehrten Gesinnungsgenossen erschien das des ebenfalls berühmten, aber einige 54 Jährchen älteren Rabbi Isaac M. Wise von Cincinnati. Die Juden und die Berliner Seidenindustrie. In Gustav Schnio Ilers neuestem Buche „Umrisse und Untersuchungen zur Verfassungs-, Verwaltungs- und Wirtschaftsgeschichte (Leipzig 1898) finden sich interessante Darlegungen bezüglich der Bedeutung der Juden für die Berliner Seidenindustrie. Es geht daraus hervor, dass 1730 der Schutzjude David Hirsch in Potsdam bereits lOOSammtstühle beschäftigte und dass die beiden Juden Moses Ries und Bernhard Isaac ebenfalls Etablissements mit 100—150 Stühlen besassen. Auf den Rath Moses Mendelssohns, der bekanntlich im Geschäfte Ries' Buchhalter war, wurde die Seide direct aus Italien bezogen, im Zollamte consigniert, den Bestellern ein mehrmonatlicher Credit gewährt und dadurch die Leistungs- und Concurrenzfähigkeit der Fabrikanten erhöht. Daneben waren es auch eine Anzahl französischer Refiigäs, die in der Seiden- und Sammtindustrie hervorragendes leisteten und man kann sagen, dass Franzosen und Juden dem praussischen Staate gleicherweise den Dank für seine hochherzige Duldsamkeit abgestattet haben. Die Juden aber haben in Berlin und auch anderwärts keine Gelegenheit vorübergehen lassen, das bloss handeltreibende Judenthum in ein industrielles zu verwandeln. Der Schnorrer aus Gewohnheit. Dem „Hameliz“ wird aus Zlatopol (Göuv. Kiew) der folgende eigenartige Fall gemeldet, der für den. Psychologen nicht ohne Interesse ist. Lebte da in dem genannten Städtchen ein alter Schnorrer, derr auf seine alten Tage endlich ein Plätzchen fand, wo er gemächlich ausruhen konnte von des Lebens Müh' und Plagen, die ihm allezeit reichlich beschieden waren. Auf Verwenden einiger wohlmeinender Gönner wurde ihm nämlich ein Leibgedinge in dem dortigen Greisenasyl, einer Brodsky’schen Stiftung, gewährt. Wer nun etwa glaubt, unser guter alter Mann habe seinen Lebensabend in stiller Beschaulichkeit unter dem Obdach seines neuen Heims verbracht, der hat keine leise Ahnung von der Psychologie des Schnorrerthums. Als altes Schlachtross im Daseinskämpfe ans — Fechten gewohnt, empfand unser Alterchen die ihm aufgenöthigte Müsse als in höchstem Masse unleidlich. Er entwich also heimlich aus der Anstalt und nahm seinen vorherigen „Beruf“ wieder auf. So schleppte er seine müden schlotternden Beine von Haus zu Haus, bis er sich an einem grimmig kalten Winteftage eine Erkältung zuzog und bald darauf im Krankenhause verschied. Der Wochenbericht des Matrikelamtes der Wiener Cultusgemeinde vom 23. bis 29. April verzeichnet 64 Geburten, 16 Trauungen, 33 Todesfälle. Zola hält sich neuesten Meldungen zufolge auf der Insel Jersey auf, wo er mit der Vollendung seines jüngsten Roman es „La Feconditä“ (Die Fruchtbarkeit) beschäftigt ist. Die Judengefahr in Hannover. Unter diesem Titel Hessen vor Weinachten 1897 der Apotheker O eh 1 mann und der Buchdrucker Alfeld in Hannover ein Flugblatt erscheinen, welches sie in den Häusern der Stadt verbreiten Li essen. Dieses Flugblatt enthielt einen Plan der Stadt vom Jahre 1872 und einen solchen von 1897. Auf beiden waren die jüdischen Geschäftshäuser besonders markiert. „Bitte, werfen Sie einen Blick auf diese Pläne,“ hiess es im Texte, „und Sie werden sehen, wie schnell sich die Zahl dieser Firmen in den letzten 25 Jahren vermehrt hat. Dem alles an sich raffenden Judenthum haben unsere Geschäftsleute weichen müssen. Die Juden zerstören die Grundlage unseres nationalen Denkens u. s. w.“ Vierzehn jüdische Geschäftsleute in Hannover fühlten sich durch dieses Flugblatt beleidigt und stellten Strafantrag. Das Landgericht sprach jedoch Oehlmann und Alfeld frei, weil das Flugblatt zwar für die Juden in Hannover beleidigend sei, den Antragstellern aber die erforderliche Legitimation fehle. Auf die Revision der 14 Herren, welche als Nebenkläger zugelassen wurden, hob das Reichsgericht das Urtheil auf und verwies die Sache an das Landgericht Hannover zurück. Dieses hat am 26. November v. J. die Angeklagten abermals freigesprochen. In der Begründung wurde angeführt, dass der Betrieb von Ramsch geschälten an und für sich nicht unehrenhaft sei, dass nicht nur jüdische, sondern auch christliche Geschäftsleute derartige Manipulationen vornehmen, dass die Bezeichnung „stammverwandte Vettern der Cohn und Rosenberg“ an sich nicht beleidigend sei, dass die Nebenkläger durch das Flugblatt zwar getroffen würden, dass aber der Inhalt desselben objectiv keine Beleidigung enthalte. Die gegen dieses Urtheil von den Nebenklägern eingelegte Revision wurde vom Reichsanwalt für begründet erklärt. Das Urtheil erschöpfe nicht die Anklage. Obwohl der ganze Inhalt des Flugblattes unter Anklage gestellt sei, habe das Gericht lediglich willkürlich einige Sätze aus demselben herausgerissen, ohne den übrigen Inhalt zu prüfen. Dann sei auch nicht ersichtlich, warum das Landgericht nicht wenigstens wegen groben Unfugs, den es für vorliegend erachte, verurtheile. Sodann scheine auch das Gericht, soweit es den Inhalt der Flugschrift geprüft habe, den Begriff der Beleidigung in einzelnen Fällen zu eng gefasst zu haben. Das Reichsgericht hob das Urtheil unter Billigung dieser Ausführungen auf und verwies die Sache nunmehr an das Landgericht Hildesheim. Ein israelitischer Frauen-Orden. Wie die „Revue Larousse“ ohne Angabe einer näheren Quelle erzählt, hat sich in- Jerusalem ein israelitischer Frauen-Orden gebildet, dessen Mitglieder ausschliesslich Diensten der Barmherzigkeit sich widmen wollen. Bloss junge Frauen und Mädchen finden Aufnahme und geloben, ihr Leben fürder nur noch der Pflege der Kranken und der Erziehung der Kinder zu weihen. Von Palästina soll die Thätigkeit des neuen Ordens sich weiter, womöglich auf alle jüdischen Gemeinschaften der Welt, ausdehnen. Die Schwestern verpflichten sich ferner, strenge nach den Geboten der israelitischen Religion zu leben; doch wollen sie ihre Werke der Nächstenliebe allen an gedeihen lassen, gleichgütig, welchen Stammes und welcher Religion diese sind. Als Emblem haben sie den Stern Davids und als Devise das Wort „Zion“ erwählt. Das Recht auf Deportation. Der russische Senat hat die Entscheidung getroffen, dass die Frauen von Juden, welche nach Sibirien deportiert sind, ihre Männer begleiten dürfen. Dieses Recht war ihnen bestritten worden, und es bedurfte erst der Entscheidung des Senates, um diese Angelegenheit . günstig zu erledigen. Judensperre existiert in der „Erziehungsanstalt für Töchter gebildeter Stände in Gotha“. Das Institut fügt, um sich nachträgliche Abweisungen zu ersparen, mit summarischer Energie dem gedruckten Prospecte folgende Worte bei: „Junge Mädchen israelitischer Confessio n werden nicht aufgen omm en.“ Zwei jüdische Sommertheater werden heuer in Warschau eröffnet werden. Die eine Truppe hat ein gewisser Stambulka gebildet, der mit ihf im Odeon-Theater Vorstellungen geben wird; der Unternehmer der anderen jüdischen Truppe ist ein gewisser Weissfeld, der seinen Musentempel, wie schon früher, im Locale des Vereines von Liebhabern der Bühnenkunst eröffnen wird. Ein orthodoxer Rabbiner Ungarns für den Zionismus. Der Rabbiner der orthodoxen Gemeinde zu Klausenburg, Herr M. Glasner, erklärt in der „Allg. Jüd. Ztg“, dass er die zionistische Bewegung „keinesfalls alsimGegensatze zu unserer Emunoch“ stehend betrachte. Rabbiner Glasner hat auch am jüngsten Sabbath-hagodaul von der Kanzel herab seiner Meinung Ausdruck verliehen, dass sich der Zionismus mit der Glaubenstreue ganz gut vertrage. Jüdische Coionien in Cypern.Wie griechischen Blättern aus Nicosin auf der Insel Cypern geschrieben wird, sind dort vor kurzem auf einem englischen Dampfer 75 russische Juden, von London kommend, eingetroffen, um sich daselbst dauernd anzusiedeln und sich dem Ackerbau und derWeincultur zu widmen. Sie wurden von den englischen Behörden — die Insel Cypern gehört wohl zum türkischen Reiche, sie

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