Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 19 (12.5.1899)
- Article
- Ein Sonderling
- Date
- 1899-05-12
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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<§etie 4 Nr. 19 „bie A Weit“ dieser Stelle niemand anderer, als ein jüdischer Plattfass sein Unwesen getrieben habe. Und dergleichen mehr. Zum Schlüsse erklärt er mit kühler Sachkenntnis dem hoch auflauschenden Zuschauerkreise, dass es ihm gelungen sei, einem verruchten jüdischen „Ritualmord“ auf die Spur zu kommen. Als vor einigen Tagen in Wien ein Mädchen „auf räthselhafce Weise“ ermordet wurde, da erschien unser Sonderling selbstverständlich als einer der ersten am Orte des Verbrechens, um den „Ritualmord“ sicherzustellen. Und dies wäre dem erfahrenen ergrauten Forscher sicher gelungen, wenn ihm seine Erzfeindin, die Polizei, nicht wieder einen tückischen Streich gespielt und den muthmasslichen Mörder, der kein Jude ist, festgenommen hätte. Aber wenn es unserem Sonderlinge auch nicht in jedem Falle glückt, den „Ritualmord“ nachzuweisen, so erfreut er sich dennoch unter seinen Mitbürgern grosser Achtung und inniger Verehrung. In Anerkennung seiner Tüchtigkeit und seines wissenschaftlichen Wirkens wurde er von Tausenden enthusiastischer Bewunderer in den Gemeinderath, in den Landtag, in den Reichsrath gewählt, und es wird ihm hoffentlich noch eine schöne Reihe von Jahren die Gelegenheit geboten sein, vermoderte Filzlappen als Kaftanfragmente und Baumwurzeln als „Pajes“-Haare zu agnoscieren. Erwin Rosenberger. ' G Giu Leitfaden durch die IrrKiinge des DeeyfusHandeis. Der Pariser „Figaro" hat seine Veröffentlichungen über die Untersuchung der Dreyfus-Angelegenheit durch die Eriminalkammer des Eassationshoses zu einem vorläufigen Abschlüsse gebracht. Die Veröffentlichungen haben über manche Partie der Affaire, die bisher in unklarem Dunkel lag, Licht verbreitet und das Verständnis der Dreyfussache, die wohl mit zu den denkwürdigsten Begebnissen unseres Jahrhunderts gehört, erleichtert. Die „Köln. Zig." bringt folgenden übersichtlichen Auszug aus den Veröffentlichungen des „Figaro": Die Verurtheilung Dreyfus. Seit dem Jahre 1893 war bemerkt worden, dass von Zeit zu Zeit aus den^Bureaus des Generalstabs mehr oder minder wichtige Schriftstücke verschwanden, und der verantwortlichen Hüter der militärischen Geheimnisse hatte sich darob eine mit jedem Falle wachsende Unruhe bemächtigt. Ende September 1894 mm wurde dem Oberstlieutenant Henry, nach dessen Aussage, von einem Agenten, der nur mit Henry verkehrte, das Bordereau eingeliefert, ein in Stücke zerrissener Zettel ohne Datum und ohne Unterschrift, aus dem jemand einer andern Person die Uebersendung von fünf geheimen militärischen Schriftstücken und Vorschriften anzeigt. Dieser Zettet ist angeblich aus einem Papierkorb auf der deutschen Botschaft gestohlen, thatächlich aber ist er weder dem Militär-Attache v. Schwarzkoppen noch einem andern Beamten der Botschaft je zugegangen. Nachdem Henry es mehreren Officieren des Nachrlchtenbureaus gezeigt hatte, wurden die Stücke zusammengesetzt, das Borderau wurde dann, photographiert und auf Befehl des Obersten Sandherr, des Leiters des Nachrichtendienstes oder ^Statistischen Bureaus (8. 8. ---- Service Statistique), wurden die Photographieen zur Handschriften - Vergleichung an die Leiter der übrigen Bureaus vertheilt, weil man annahm, dass nur ein Generalstabsoffieier die im Borderau aufgezählten Dinge geliefert haben können Inzwischen hatte der Agent Guönee gemeldet, eine sehr angesehene Persönlichkeit (de B.), ein in Paris lebender Ausländer, habe ihm mttgetheilt, der Verräther fitze im zweiten ' Bureau, zu dem Dreyfus im Jahre 1894 eommandiert war. Da keine der Handschriften der Offieiere dieses Bureaus mit der des Bordereaus übereinstimmte, zog man die Handschriften der commandierten Offieiere zum Bergletche hinzu, und nun fiel eine oberflächliche Aehnlichkeit der Schrist Dreyfus mit der des Bordereaus auf, selbst P ic q u ar t meinte, sie gehörten zu derselben Handschriftenfamilie. Der Major du Paty de Elam, der im Rufe stand, in der Handschriftenkunde bewandert zu sein, wurde, obschon er nicht dem Nachrichtenbureau angehörte, zur Führung der Untersuchung bestimmt, und es ist bekannt, wie er sich seiner Aufgabe emledrgte. Güenee, der somit zuerst den Verdacht aus Dreyfus lenkte, ist eine der fragwürdigen Gestalten, die für Geld Spionen- und Polizeidienste thun; seme Aussage vor dem Cassattonshofe macht keinen glaubwürdigen Eindruck, und sein Gewährsmann de V. ist nach Picqu ar t^ein rastaquouere, dem er einmal 1200 Francs für seine Dienste auszahlen ließ. Freilich nennt General Boisdeffre den G u e n e e einen vertrauenswürdigen Agenten und de B. eine angesehene Persönlichkeit. Dreyfus war mittlerweile verhaftet worden und du Paty setzte seine Untersuchung fort. Ueber den Erfolg der Schriftproben, die er mit Dreyfus anstellte, berichtete er nach Picquarts Aussage selbst vor dem Kriegsgericht. Als ihn dort der Vertheidiger Dreyfus, Rechtsanwalt D e m a n ge, fragte, weshalb er bei dem Dietat, dem er ihn. unterwarf, Dreyfus mit den Worten: „Was haben Sie? Sie zittern ja! unterbrochen habe, obwohl die Schrist keine Erregung zeige, antwortete du Paty also: „Ich wusste, dass ich einen Simulanten vor mir hatte, ich war sicher, dass er auf etwas vorbereitet war. Ich habe die Probe darauf gemacht: wenn er nicht vorbereitet war, wäre er verwirrt gewesen, aber er rührte sich nicht, also verstellte er sich." Aber die Untersuchung rückte nicht recht von der Stelle, und du Paty war darob eine zeitlang recht niedergeschlagen. Da entdeckte man im Generalstabe in einigen schon früher eingelieferten Schriftstücken neue vermeintliche Beweise für Dreyfus' Schuld. Nun war alle Welt im Generalstabe, selbst Picquart, dem man von dem geheimen Material gesprochen, es aber nicht gezeigt hatte, von der Schuld Dreyfus' überzeugt, und das Kriegsgericht wurde berufen. Picquart war dazu als Vertreter des Kriegsministers eommandiert. Während der Verhandlungen veranlasste Henry einen der Richter, an ihn die Frage zu stellen, ob er (Henry) wisse, dass im Frühjahr 1894 im zweiten Bureau ein Verräther gesessen habe, und Henry antwortete: „Ich weiß von einer ehrenwerten Person (de B.), dass im zweiten Bureau jemand verrieth, und der Verräther sitzt da!" (auf Dreyfus zeigend). Aufgefordert, die „ehrenwerte Person" zu nennen, erwiderte Henry: „Das Kepi eines Officiers darf nicht wissenwas im Kopfe vorgeht." Trotzdem und obwohl drei von den vier zugezogenen Schriftkundigen in dem Bordereau die Schrift Dreifus' erkennen wollten, schien der Verlauf der Verhandlungen die Richter nicht überzeugt zu haben, und deshalb entschloss man sich, wie für diesen Fall schon vorher verabredet worden war, ihnen die geheimen Beweisstücke vorzulegen, ohne dem Angeklagten davon Kenntnis zu geben. Sie waren von einem — heute verschwundenen — Eommentar du Patys begleitet. Darauf erfolgte einstimmig die Verurtheilung Dreyfus', und einstimmig bestätigte der Revisionsrath das Urtheil. Berdachtsgründe gegen Esterhazy. So war denn die Dreyfus-Angelegenheit eine resjudicata und wäre es auch geblieben, wenn nicht Mathieu Dreyfus und Oberstlieutenant Picquart unabhängig von einander auf die Spur Esterhazys gekommen wären. Das Vorgehen Mathieu Dreyfus' und Scheurer-Kestners ist bekannt; hier sei daher nur nachgetragen, wie Picquart, der seit dem 1. Juli 1895 Leiter des Nachrichtendienstes war, zu der Ueberzeugung gelangte, dass Dreyfus unschuldig und Esterhazy der Verräther sei. Dem Ehef des Generalstabes, General Boisdeffre, erschienen auch nach der Verurtheilung die Beweggründe, die Dreyfus zu dem Verrath verleitet haben könnten, vollständig räthselhaft; er empfahl deshalb Picquart, nach dieser Richtung neue Nachforschungen anzustellen; aber sie führten nicht zu dem Ziel, nachzuweisen, dass Dreyfus im Spiel oder im Verkehre mit Dirnen größere Summen ausgegeben habe. Da brachte Lauth im März 1896 Picquart das in . 35 Stücke zerrissene Petit Bleu, den Kartenbrief, den derselbe Agent, der angeblich das Bordereau gebracht, an derselben Stelle gestohlen haben will. Der Brief war an den Eommandanten E st e r h a z y, 27 Rue de la Bienfaisance (daher nannte man im Nachrichtenbureau Esterhazy le bienfaisant) adressiert und hatte folgenden Wortlaut: Vor jeder weiteren Auseinandersetzung möchte ich mit Ihnen in Verbindung treten, um zu erfahren, ob ich die Beziehungen zu dem Hause R. wieder aufnehmen soll. Ja oder Nein. E. In demselben Bündel mit dem Petit Bleu befanden sich Stücke eines mit Bleistift geschriebenen Briefes, auf dem dre Worte zu lesen waren: „Mein Vater hat mir Geld geschickt", auch war von „zu harten Bedingungen" die Rede, auf einem Stück stand ferner: „Durch den Pförtner zu besorgen." Die Unterschrift war ebenfalls Somit war durch die Adresse des Petit Bleu auf Esterhazy der Verdacht gelenkt, dass er Spionage treibe. Man hat Picquart vorgeworfen, er habe schon vor März 1896, weil er mit dem Dreyfussyndicat in Verbindung gestanden und den Wunsch gehabt habe Esterhazy an die Stelle Dreyfus' zu setzen, die Spur Esterhazys verfolgt, und man folgerte das daraus, dass sich in dem Actenhefte über Esterhazy ein mit Rothstift umränderter Ausschnitt aus dem Eclair fand, in dem von dem Tode des Schwiegervaters des Majors Esterhazy die Rede ist. Am Rande dieses Ausschnittes, den Picquart nicht zu kennen behauptete, hatte Henry das Datum