Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 19 (12.5.1899)
- Article
- Londoner Stimmungsbild
- Date
- 1899-05-12
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 19 „Die -A Welt“ Seite 3 gründen eine Bank; ich will also mit meinen zwei Pfund auch dabei sein " „Ich habe schon am Chol Hamoed Geld beiseite gelegt", um einen Share zu kaufen, erzählt ein Dritter, „allein ich bin bald darauf krank geworden und habe das Zimmer hüten müssen. Ich drängte meine Frau, sie sollte anstatt meiner hiehergehen und einen Share kaufen. Aber reden Sie mit einem Weib! Sie sagte mir, sie schäme sich, unter fremde Leute zu gehen. ,Was schämst Du Dich?e — fragte ich sie, „wir sind doch alleJuden, es ist doch eine jüdische Bank". Nun reden Sie mit ihr! Ein Weib, pin Weib . . . Ich komme gewiss schon zu spät?. Sie haben schon alle Actien verkauft? Na, die wirds aber von mir kriegen . , „Erschrecken Sie nicht", unterbricht ihn der Beamte begütigend, „es sind noch genug Actien da. Aber Sie sagten doch vorhin, dass Sie krank waren. „Fällt es Ihnen nicht schwer?" „Wie heisst schwer?" fragt der gute Mann pikiert. „Ich kann nicht mehr kaufen als einen Share, aber diesen einen muss ich haben. Wollen Sie mir keinen geben, so gehe ich anderswo hin." Was die erwachsenen Juden thun, das ahmen die Kinder in heiliger Einfalt nach. Ich kenne einen Buben von 12 Jahren, der in seiner Sparbüchse 10 Shilling hatte und sie zur Anzahlung auf zwei Shares verwandte. Nun spart er mit rührendem Eifer weiter, um den Rest abzahlen zu können. So gehts mit der Subscription unter den Volksmassen in London. Es zeigt sich, dass alle Juden Zionisten sind. Es muss ihnen nur Gelegenheit geboten werden, ihre Gesinnung zu bethätigen. Das Volk blickt nicht erwartungsvoll zu seinen hochmögenden Millionären auf. Es will seine eigene Bank haben, die es sich selber schafft. Und es trägt zu diesem Zwecke Pence und Cents und Centimes, Kreuzer und Pfennige herbei, bis daraus zwei Millionen Pfund werden . .. „Er verkauft sein letztes Hemd, um nur ein reicher Mann zu werden", wie ein bekanntes Jargon- Scherzwort lautet. Recht so, meine liebwerten Jüdlein! Nun erst erkennt man am Geldbeutel, was Ihr eigentlich für ein prächtiges Volk seid und wie Ihr an Eure Zukunft glaubt . .. Die Bank ist ein ungeheuerer Erfolg, unsere Zukunft ist verbürgt ..." M. Z. W Die Woche. Wien, 10. Mai 1899. Ein Sonderling. In Wien wohnt ein curioser Kauz. Wenn man sich seine unwandelbare Gunst erringen, wenn man sich bei ihm recht einschmeicheln will, so muss man ohne Zagen in irgendeinen modrigen Keller hinabsteigen und sich dort von ungefähr auf geheimnisvolle Weise umbringen lassen. Durch diese Dienstleistung, die allerdings einen gewissen Grad von Selbstentäusserung erfordert, kann man unserem Wiener Sonderling einen grossen Gefallen erweisen. Andererseits kann unseren Freund nichts so sehr verstimmen und verbittern als eine ruhige, friedliche Zeitperiode, wo weit und breit nicht. der geringste Mensch erschlagen wird. Wenn, sich mehrere Wochen lang die Fälle häufen, in denen kein verabscheuungswerter Mord verübt wird, dann wird der merkwürdige Geselle von einer schweren Melancholie erfasst. Trübsinnig sitzt er im Sorgenstuhl und fängt mit einer Jagdlust, die eines besseren Wildes würdig wäre, Grillen. Er verwandelt sich geradezu in einen Grillen- Nimrod. Das Zeitungsblatt, das mit Politik, Kunst, Geburten, Hochzeiten, natürlichen Todesfällen und anderem Lari-Fari angefüllt ist, stösst er zornig bei Seite. Ihn widert dieses unblutige Zeug an. Ja selbst ein interessantes Eisenbahnunglück mit 50 Todten und 100 Halbtodten vermag ihm kein Lächeln der Zufriedenheit zu entlocken. Was kann er mit einer Katastrophe an fangen, die sich coram publico gewissermassen unter öffentlicher Controle regelrecht vollzieht? Was sollen ihm Unglücksfalle, deren Sachverhalt aufgeklärt ist? Er kann sich nur für unaufgeklärte Todesfälle erwärmen, er schwärmt nur für Hiöbsposten, die in den Zeitungen mit der schreienden Spitzmarke: „Ein mysteriöser Mord" gemeldet werden. Ueher Mitmenschen, die so philisterhaft sind, sich auf leicht verständliche Art umbringen zu lassen, giesst er die volle Schale seiner Verachtung aus. Mit der Sicherheitsbehörde' steht der sonderbare Schwärmer nicht gerade auf dem besten Fusse. In jedem Wachmann erblickt er einen persönlichen Gegner, die Polizei scheint ihm eine feindliche Institution, die es darauf abgesehen hat, ihm dadurch das Lehen zu vergällen, dass sie „unaufgeklärte Morde" boshaft verhütet und „räthseb hafte Morde" vorwitzig enträthselt. Unter den räthselliaften Morden ist ihm nicht jeder gleich angenehm. Er ist ein wählerischer Gourmand. Am liebsten hat er es, wenn Kinder unter 15 Jahren „auf bisher unerklärte Weise" irgendwo aus der Welt geschafft werden. Im äussersten Nothfall natürlich, wenn nichts anderes da ist, begnügt er sich auch mit Erwachsenen; doch dürfen sie eine bestimmte Altersgrenze nicht überschritten haben .Auch der Schauplatz der Untliat ist ihm keineswegs gleichgiltig. Gestrüppe, öde Haiden, einsame Steinbrüche, dunkle, feuchte Kellernischen — das passt ihm am besten. Vollständig wertlos sind für ihn Juden jeder Altersstufe, die — wie es sich öfter ereignet — irgendwo hinter der Hecke von unbekannten Thiitern stumm gemacht werden. Erschlagene Juden ignoriert er, das ist Pofelware, die für sein Gewerbe total unbrauchbar ist, denn unser Sonderling ist ein Judenfeind. Wenn nun unser Sonderling einen Glückstag hat, wenn ihm während der Zeitungslecture von einem sonnigen Geschick ein tadelloser „mysteriöser Mord" beschert wird, der den weitgehendsten Anforderungen gerecht zu werden vermag, dann beginnt unser Sonderling aufzuleben. Sein Dasein hat jetzt einen Inhalt. Er stösst den Sorgenstuhl mit einem wuchtigen Tritt hinter sich, wie Teil den Kahn, und eilt auf den Schauplatz des Verbrechens. Er macht, einem eigenartigen Triebe folgend, just das Gegentheil von dem, was eine Hebamme zu tliun pflegt, Die genannte Frau läuft überall hin, wo jemand zur Welt gebracht wird, unser Kauz läuft überall hin, wo jemand aus der Welt geschafft wird. Er ist wie ein Insect, das von weitem die Atmosphäre eines entseelten Thierleibes wittert, und mit .gieriger Hast über Wiesen und Felder zum Schmause heranschwirrt. Wir würden ihn mit einem hungrigen Geier vergleichen, der auf einem Schlachtfelde gewohnheitsmässig über die gefallenen Körper herfallt, wenn wir-nicht befürchten würden, dass sich unser judenfeindlicher Sonderling durch den Vergleich mit einer Vogelgattung, die bekanntlich von der Natur mit einer respectablen „Judennase" begabt ist, aufs tiefste gekränkt fühlen könnte. Auf dem Schauplatze der Blutthat angelangt, vollführt unser Sonderling eine Reihe ceremoniöser Handlungen. Er neigt sich zu Boden, liest irgendeinen Stoffläppen, der zufällig auf der Erde liegt, auf, hält das Gewebe gegen die Sonne und cohstatiert, dass es zweifelsohne von einem jüdischen Kaftan abstammt. Dann scharrt er unter düsterem Gemurmel, das wie eine Beschwörungsformel klingt, aus der Erde irgendeinen Faden hervor, lässt ihn nachdenklich durch die Finger gleiten und erklärt,- dass man es hier mit einem unverkennbaren Reste einer; polnischen Ringellocke zu thon habe. Findet er einige- Grashalme nieplergetreten, so Vreiöt er mit scharfsinnigen Folgerungen nach, , dass, an