Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 19 (12.5.1899)
- Article
- Eduard von Simson
- Date
- 1899-05-12
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 ,Die H Welt“ Nr. 19 ungerechte und beispiellose reizbare Gehässigkeit entgegenbrachte (ähnlich wie Laster in geschmacklosem Chauvinismus Bebel und die anderen Vertheidiger der Pariser Commune mit den Heugabeln und Dreschflegeln der deutschen Bauern bedrohte), so mögen die Beziehungen zu seiner jüdischen Abstammung und der dadurch erzeugten ängstlichen Nervosität wohl herauszufühlen, aber doch nicht sichtbar klarzulegen sein; denn der Liberale von Forkenbeck war als Präsident des Reichstages von einer ähnlichen Ungerechtigkeit und Unduldsamkeit. Gegen die antisemitischen Sticheleien seines Schriftführers Bismark wusste der Präsident des Erfurter Parlamentes — auf eine Lord Beakonsfield ähnliche Weise — eine so würdige Haltung einzunehmen, dass Bismark voller Achtung zurückwich und ihn später ein selten reines Gefäss nannte, dass sich mit dem lautersten Inhalt erfüllt habe. Abgesehen davon, dass solche Erscheinungen wie Simson nur durch eine seltene unerhörte Gunst der . Verhältnisse aus dem Judenthume hervorgehen können, und der Boden dafür auf lange, wenn auch nicht auf immer hinaus in allen Ländern verwüstet ist, müssen wir Zionisten vor allem an den Abstand denken, der zwischen einem Manne wie Eduard von Simson liegt und den Assimilationsjuden, die sogar noch in der garnicht zu ignorierenden böhmischen Wirklichkeit erröthend ihr Judenthum verleugnen und sieh bald als Czechen, bald als Deutsche vermummen möchten. G Londoner Stimmungsbild. Der „Jewish Express“ liefert in seiner Nummer vom 28. April d. J. unter der Ueberschrift „Die Juden zeichnen Shares" ein hübsches Stimmungsbild von der Subscription in London, das aus der Feder E. Leisero witsch' stammt. „An drei Dingen", so beginnt der Aufsatz, „ist der Mensch einem bekannten talmudischen Ausspruche zufolge kenntlich. Das erste dieser drei Dinge ist der Geldbeutel-. Auch unsere jüdischen Massen erkennen wir zur Zeit am Geldbeutel. Wir sehen den Riesenandrang zur jüdischen Colonialbank und lernen dabei unser Volk besser kennen, als auf allen öffentlichen Versammlungen, besser als in der Synagoge, besser sogar als bei den gewöhnlichen Spendenvertheilungen... Wer bis zur Stunde noch zweifelhaft gewesen, wie die breiten Schichten des jüdischen Volkes über den Zionismus denken, wer sich selbsttäüschend eingebildet hat, der Zionismus sei die künstliche Schöpfung eines Bruchtheiles der jüdischen Bourgeoisie, wer in dem Wahne befangen war, die Arbeiterclasse, das jüdische Proletariat stehe abseits und sei von dem Wogenschlage der nationalen Bewegung des Juden Volkes unberührt, der gehe in die Broad Street Avenüe, und die Schuppen werden sich wundersam von seinen Augen lösen. Nein! Der Zionismus ist nicht künstlich hervorgerufen worden, sondern die Nothwendigkeit hat diesen ewigen Sehnsuchtsgedailken, der immerdar in'der .tiefsten Tiefe unseres Herzens schlummerte, in dieser trüben Zeit wäehgerüttelL, und nun. fühlen wir uns durch ihn lieubelebt, zu kraftvoll-frischer Thätigkeit angespornt. Unseren Feinden wurde himmelangst zu Muthe, als Unsere Erfolge in Erscheinung traten,: doch sprachen sie sich Trost zu, indem sie sich überredeten, dass die ganze Bewegung, etwas Flüchtiges Vorüberziehendes und den beiden Cöngresseh keine andere Bedeutung beizumessen sei, als die vöii Protest Versammlungen» gegen den Antisemitismus. Möge der Zionismus erst den Geldbeutel seiner Anhänger in Anspruch nehmen, so ungefähr mochten die Herren, sich selbst beschwichtigend, gedacht haben, so wird sich schon das Fiasko der „gefährlichen" Bewegung einstellen. Nun, der Zionismus hat auch diese Stichprobe glänzend bestanden, und unsere Gegner schleichen beschämt davon, oder sehen sich zu dem Eingeständnisse genöthigt, dass die Bank denn doch den vollen Erfolg der zionistischen Bewegung offenbare. Das jüdische Volk hält seinen Einzug in die Welt. Immer klarer tritt es zutage: Wir sind keine blosse Religionssecte, wie man uns mit leidenschaftlicher Beharrlichkeit hat weismachen wollen, wir sind eine Nation im politischen Sinne dieses Wortes, wir wollen selbst- und bodenständig werden und kein Opfer ist uns zu schwer, das die Erreichung dieses Zieles von uns heischt. Der jüdische Mann ist an seinem Geldbeutel kenntlich geworden ... Ein Theil des jüdischen Volkes wohnt auch in England. Die Thatsache muss festgestellt werden, dass es in diesem Lande weit mehr Zionisten gibt, als man bisher angenommen hat. Dass in England verhältnismässig wenige Zions vereine bestehen, dass ferner von hier wenig Schekelgelder abgehen, beweist nicht das Mindeste. Es werden Shares gezeichnet von Leuten, die noch niemals auf einem zionistischen Meeting anwesend waren, und die auch keinem zionistischen Vereine angehören. Die Juden zeichnen Shares, einfache Juden, Juden von der Synagoge, Juden von der Werkstatt, Juden von der Strasse,' Juden an sich, ohne besondere Färbung. Sie strömen voll Begierde und in hellen Haufen zur Bank, um Shares zu zeichnen. Wir stehen vor einem psychologischen Räthsel. Was treibt diese simplen Juden, denen Id een differenzierter Art von Haus aus fremd sind, die bitterlich schwer arbeiten und Noth leiden, und die anscheinend über nichts anderes nachdenken als über die Möglichkeit, heute einen Penny mehr als gestern und ehegestern zu verdienen — was treibt sie, hinzugehen, um Schillinge und Pfunde für Shares auszugeben? Wir versuchen, mit den Leuten zu sprechen und befragen sie, was sie denn eigentlich von der Bank für sich Gutes erwarten? Wir hören die Antworten, und es wird uns ordentlich warm ums Herz. Es freut uns in tiefster Seele, dass nicht wir das Volk zu begeistern brauchen, dass dieses vielmehr von der Ueberfülle seiner Begeisterung ein gut Theil noch an uns abgibt. Für die Juden, die in der City zu wenig bekannt sind, um die jüdische Colonialbank ohne Weiterungen ausfindig zu machen und die zu wenig Englisch können, um in die nahegelegene Filiale der London and Provincialbank zu gehen, hat die National Ligue etwa zwanzig Zeichenstellen im Fastend eingerichtet. Es ist äusserst interessant, die Judengestalten, die diese Zeichenstellen aufsuchen, zu sehen und zu hören. „Ich will kaufen fünf Shares", sagt ein ärmlich gekleidetes Jüd lein. „Das dürfte Ihnen zu schwer fallen", meint der die Anzahlungen entgegennehmende Beamte theilnahmsvoll. „Ich sehe, Sie sind kein Gewir (reicher Mann), Sie werden möglicherweise nicht alle Shares begleichen können." „Ich bin in der That ein armer Mann", entgegn ete das Jüdlein, „aber ich hab fünf Pfund ständig liegen, an die ich nicht rühre: Wozu sollen sie nun in meinem Schrank liegen? Ich lege sie bei der jüdischen Bank ein. Einen Profit such ich nicht und mich gelüstets, einer jüdischen Sache zu helfen, so einer jüdischen Sache." „Ich möchte zwei Shares haben", spricht ein anderer Arbeiter, „ich höre, die Bank soll schon eröffnet werden." Ich spreche den Mann an. „Was für einen Vortheil verr sprechen Sie sich davon, dass die Bank gegründet wird?" „Ich werde einen Antheil an der jüdischen Bank haben", erwidert mir der arme Teufel, „das ist alles. Muss man-denn davon etwas haben? Man ist Jude, und Gott sei Dank, wir