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Die Welt · 1899-05-12 · 19 (12.5.1899) · p. None

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
19 (12.5.1899)
Date
1899-05-12
Page
None (sequence 5)
Language
German
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Der ehemalige Präsident des deutschen Reichstages, dessen Ableben die Zeitungen der letzten Woche meldeten, ist der höchste und vornehmste Repräsentant dessen, was den Juden vergönnt ist, auf dem Wege der Assimilation zu erreichen. Er ist so hoch gestiegen and so vornehm geblieben, dass vor dieser wunderbaren harmonischen Gestalt einem alle pessimistischen Ueberzeugungen des Zionismus zergehen möchten, wie dumpfe Wolken von der Macht der Sonne zertheilt werden. Er ragt über alle nationale Tiefebene zu der Höhe reiner Menschlichkeit hinauf, und wie der junge Student (noch zu Lebzeiten des Olympiers) eigens nach Weimar hinüberfuhr, um dort in einem Gasthause den Geburtstag Göthes zu feiern, so ist an ihm zeitlebens etwas wie vom Glanze Göthe’seher Menschlichkeit haften geblieben. Die Stattlichkeit seines Wesens und die orientalisch-charakteristische Schönheit seines Antlitzes fiel schon einem germanischen nationalen Schulderer des frankfurter Parlamentes auf, und Auerbach hob immer wieder hervor, wie wunderbar sich der stattliche Mann für alle repräsentativen Functionen geeignet habe. Man mag an die spanischen Juden, die so ganz zu Edel* lauten geworden waren, denken, und daran, dass ein aus Spanien vertriebener Hamburger Bankier, Texeira, im 17. Jahrhunderte mit solch königlichem Anstande durch die Strassen fuhr, dass ein lutherischer Geistlicher (der sich später darüber nicht wenig ärgerte) mit aller Servilität jener deutschen Epoche vor ihm wie vor einem Fürsten den Hut zog. Von solchem Glanze ist auch die Erscheinung Eduard von Simsons umgeben, der als der Repräsentant des deutschen Volkes die deutsche Kaiserkrone nach Versailles getragen. Aber jede Blume und Blüthe der Assimilation gleicht der berühmten Platen’schen Gaselen-Lilie. Im Wasser wogt die Lilie, die blanke, hin und her; jedoch irrt der Freund nicht, wenn er sagt* sie schwanke hin und her. Es wurzelt ja ihr Fuss in ke inem tiefen Meeresgründe. Die staunenswerte Umwandlung so vieler spanischer Juden in turniergewandte Edelleute verhinderte nicht, dass sie auf die schimpflichste Weise ins Elend getrieben wurden, und im Jahre 1869 schrieb Berthold Auerbach in einem Briefe an seinen Vetter Jakob etwa Folgendes : „Tief ergriffen hat mich heute die Bemerkung, dass die Juden in Spanien schon einmal so frei und geachtet dagestanden und dann doch wieder auf die unterste Stufe zurückfielen. Sollte das alles wiederkehren können?“ Wir mögen vor den Erfolgen der Assimilation das Gefühl haben, wie vor den hellen glücklichen Tagen eines Lebens, von dem wir wissen, dass später ein düsterer Schatten darauf fiel: etwa eines Lebens, von Heinrich Heine oder Nikolaus Lenau. Wir sehen die glücklichen Zeiten der Assimilation, wie wir eine schöne Landschaft sehen, wenn uns ein feiner summender Kopfschmerz den Anblick trübt. Und wenn das deutsche Volks- und Hausmärchen vom „Juden im Dorn“ das tiefsinnige Symbol dafür sein mag, dass kein Jude unzerzaust durchs Leben gehen kann, so hat auch Simson, der ursprünglich Simonsohn geheissen, mancherlei von diesem tragischen Verhängnis des Judenthumes erfahren. Auf dem Erfurter Parlamente trat ihm sein Schriftführer Bismark, der bei sich überlegte, „was wohl sein seliger Vater dazu gesagt hätte, dass sein Sohn noch einmal der Schreiber eines Juden werden würde“, mit antisemitischen Sticheleien entgegen. Ja, sogar dem ehr* würdigen Veteranen der deutschen Reichsgründung, dem Kaiser Friedrich den höchsten Orden des Schwarzen Adlers verliehen, blieben antisemitische Kränkungen nicht erspart. Nach dem Tode Kaiser Friedrichs verlangten die antisemitischen Blätter in Deutschland, dass der neue Regent zu dem Gapitel der Ritter vom Schwarzen Adler, das nur 3 J Mitglieder zählen dürfe, einen Einunddreissigsten ernenne und damit seine Stellung zu der Ernennung des „ Juden“ Simson kundgebe: nicht nur die wunderlichen Berliner antisemitischen Winkelblätteilen, wie „Frei - Deutschland*,’ die unter Ausschluss der Oeffentlichkeit erscheinen, die man höchstens in akademischen Lesehallen oder „Deutschen Wirtshäusern“ zu Gesicht bekommt, und.deren Existenz zu den Welträthseln gehören mag, sondern auch politisch sehr ernst zu nehmende antisemitisch conservative Blätter. Aber Simson hat allen antisemitischen Beziehungen gegenüber stes eine würdevolle Haltung bewahrt, . und darum dürfen auch wir Zionisten am seinem Sarge eine respectvolle Haltung bewahren. Wenn er als Präsident des deutschen Reichstages den Socialdemokraten eine

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