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Die Welt · 1899-05-05 · 18 (5.5.1899) · p. 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
18 (5.5.1899)
Article
Dr. Siegmund Werner
Date
1899-05-05
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seite 12 „Die 2^ Welt“ Nr. 18 Herr Erwin Rosenberger, der, wie unseren Lesern bekannt ist, seit der ersten Nummer dem Verbände unseres Blattes angehört. Die Redaction. Die Jüdische Gewerbeschule in Chicago ist im vorigen Jahre von nahezu 800 Schülern besucht worden. Die laufenden Ausgaben betragen jährlich 21.500 Dollars, ausserdem wurden letztes Jahr circa 3500 Dollars für den Bau einer Turnhalle bezahlt. Mit der Schule ist auch ein Kindergarten verbunden. Gewalt-Taufe. In Hlanow, einer Stadt an der russischpolnischen Grenze, entführten Bauern das zwölfjährige Töchterchen eines Juden und brachten es in das nahegelegene Dorf Biclin, um es gewaltsam zu taufen. Nur der energischen Intervention der österreichischen Gensdarmerie gelang es, das Kind aus den Händen der fanatischen Bauern zu befreien. Ein Lazaristenpater namens Schmidt aus Jerusalem ist damit beschäftigt, eine universellejüdische Schriften Sammlung zu gründen. Vorige Woche stattete er dem Prediger der Synagogengemeinde in Paderborn, Herrn Weiler, in Begleitung des .Freiherrn von Fürstenberg einen Besuch ab, bei welcher Gelegenheit er die schrankenlose Art der zeitgenössischen Bibelkritik in scharfen Worten geisselte. Erhofft, in seinem Vorhaben namentlich von jüdischer Seite unterstützt zu werden. Das alte Berliner Ghetto. Wenige Monate noch und es wird — wie früher in Frankfurt a. M. — jetzt in Berlin vom Ghetto nichts mehr übrig sein. Die Umgebung der alten Synagoge in der Heidereutergasse wird „renoviert/4 Im Jahre 1714 fuhr König Friedrich Wilhelm I. mit dem gesammten Hofe durch die engen Gassen, um der Einweihung des Tempels beizuwohnen. Dafür musste die „Jüdenschaft44 3000 Thaler an die Recrutencasse zahlen. Der König aber brachte einen alten orientalischen Teppich als Geschenk mit, der noch heute bei besonders festlichen Anlässen vor der heiligen Lade hängt. Verschiedene neuere Entdeckungen in den Museen von Lüttich und London haben die historischen Daten der Bibel bezüglich des Auszuges aus Aegypten nicht nur bestätigt, sondern auch über die Art und Weise der Frohnarb eit Licht verbreitet. Bezüglich des Zuges zum Sinai wurde festgestellt, dass derselbe auf dem Umwege über die Landenge von Suez erfolgte. Ebenso haben die Nachgrabungen, welche auf Anordnung des Khedive stattfinden, mit voller Gewissheit die Ruinen des biblischen Zoan als die Reste des ägyptischen Ramses erkennen lassen, wohin der 68. Psalm den Schauplatz der ägyptischen Wunder verlegt. Der Polnaer „Ritualmord44. Das Wiener „Deutsche Volksblatt44, das im Anschlüsse an den Polnaer Mädchenmord fast täglich antisemitische Hetzartikel veröffentlicht, brachte kürzlich die Nachricht von der Verhaftung des jüdischen Schächters in Goltsch-Jenikau und seine Einlieferung nach Kuttenberg. Der Schächter wäre — wie das Hetzblatt meldete — verdächtig, an dem Morde in Polna theilgenommen zu haben. Die 'Nachricht ist gänzlich aus der Luft gegriffen. Der Schächter geht in Goltsch-Jenikau seinem Beruft, nach und hat gar nichts mit der Affaire zu thun. Seltene Redlichkeit. Dieser Tage starb in Wilna ein reicher christlicher Kaufmann. Als dessen Familie vom Leichenbegängnisse heimkehrte, trat ein unbekannter Jude auf die Tochter und Erbin des Verstorbenen zu und überreichte ihr ein versiegeltes Couvert, worauf er sich rasch entfernte. Zuhause angelangt, erbrach die Tochter das Couvert und fand darin Cassenscheine im Betrage von 800 Rubel, sowie ein Bi 11 et, in dem der Schreiber mittheilte, der Erblasser habe ihm vor zwölf Jahren auf Treu und Glauben diese Summe geliehen, die er nun dankend zurückerstatte. Die Abstammung der europäischen Dynastien. In Amerika erschien unlängst ein Buch, welches den Nachweis zu führen sucht, dass die Mehrzahl der in Europa regierenden Familien entweder, jüdischer Herkunft oder zumindest mit Juden verschwägert, mit einem Worte „verjudet44, ist. Nach der Behauptung des anscheinend wohlinformierten Autors sind die meisten gekrönten Häupter in Europa Nachkommen der Königin Alberta von Sicilien, die die Tochter des jüdischen Bankiers Perleani war, des ersten Juden, der zu dem hohen europäischen Adel in schwägerliclien Beziehungen stand. Ausserdem stammt die königliche Familie in Portugal von einem ungarischen Juden namens Kohäry ab, dessen Tochter die Gattin des Prinzen Ferdinand von Sachsen-Coburg war. Fürst Ferdinand von Bulgarien ist ein Enkel dieses Prinzen Ferdinand. Personalnachrichten. In Melitopel, Südrussland, verschied im Alter von 64 Jahren nach langem Leiden Herr N aftali Seidener, der Vater unseres Gesinnungsgenossen, des Ingenieurs J. Seidener. Am Sarge des Dahingeschiedenen, der sich infolge seines ehrenhaften Charakters allgemeiner Beliebtheit erfreute, trauern Frau Debora Seidener als Gattin, Josef und Rosa Seidener und Marie Snisazenko als Kinder, und Moses Snisazenko als Enkel. W Correspondenzen. Oesterreich-Ungarn. Krakau. (Das Blutmärchen.) Während die Ritualmordbeschuldigung heuer in Polna fröhlich ihr Lager aufgeschlagen hat, ist unsere Stadt dieser Heimsuchung nur mit knapper Noth entgangen. Zur Zeit des Passahfestes spielten sich nämlich zwei Vorfälle hier ab, die uns den Beweis lieferten, dass auch der hiesige Pöbel einer kleinen Judenhetze mit der wahnsinnigen Blutmär als Vorwand und einem Backsteinbombardement als gebräuchlicher Begleiterscheinung nicht abgeneigt wäre. Eine jüdische Frau kaufte von einem Bauern am Vorabende des Festes einige Schauben Stroh. Ihre Magd, die das Stroh nachhause schaffte, machte auf dem Wege die Wahrnehmung, dass eine Schaube ungewöhnlich schwer war. Als man der Sache nachgieng, stellte sich heraus, dass die betreffende Schaube einem todten Kinde als sorgliche Hülle diente. Die Frau erstattete unverweilt die Anzeige. — Einige Tage später, während der Halb feiert age, sah ein Jude, wie eine christliche Frau, die ein Bündel umgebunden hatte, zur Nachtzeit in der Nähe der alten Synagoge in der Erde grub. Er machte einige Nachbarsleute auf das absonderliche Gebahren des schaufelnden Weibes aufmerksam, diese eilten herbei, hielten die Widerstand-Leistende fest und übergaben sie einem mittlerweile avisierten Schutzmann, der feststellte, dass die Frau in dem Bündel eine Kindesleiche hatte, die sie bei der Synagoge verscharren wollte. Ein hiesiges „liberales44 polnisches Blatt erstattete über den Vorfall folgenden kennzeichnenden Bericht: „Nächst der alten jüdischen Synagoge sah man dieser Tage eine Frau am Abend eine Grube graben. Einige Passanten beobachteten das befremdliche Treiben der Frau, holten einen Schutzmann herbei und da fand dieser, dass die Frau ein todtes Kind bei sich trug, welches sie in die Grube hatte werfen wollen/4 Ist das nicht das Höchste an unschuldsvoller Einfalt? Tarnow. (Eigen-Bericht.) Die diesjährige ordentliche Generalversammlung des Vereines „Ahawath Zion44 wurde vom Vice-Präses Dr. A. Salz mit einem warmen Nachrufe auf den verstorbenen Präsidenten Rabbiner F. Schreier und mit dem Hinweise auf die zweijährige erfolgreiche Thätigkeit des „Ahawath Zion44 eröffnet. Dr. Salz erklärt, dass besonders das Factum der Entsendung von 16 galizischen Zionisten moralisch und materiell günstig gewirkt habe. Die Gesammt-Einn ah men des Vereines für die Jahre 1897 und 1899 betrugen 36.050 fl. 88 kr., darunter für Einlagscheine 15.379 fl. 63 kr. Beim dritten Punkte der Tagesordnung: „Revision der Statuten44, wurden folgende wichtigere Aendenmgen vorgenommen: Der Name des Vereines habe von nun an zu lauten: „Verein für Colomsation Palästinas Ahawath Zion44, der Verein habe von nun ab auch das Recht, Filialen in allen Kronländern Oesterreichs zu gründen. Auf den Einwurf des Herrn Rosmarin (Lancut), man könnte in dieser territorialen Erweiterung des Wirkungskreises Concurrenz mit den anderen zionistischen Organisationen erblicken, erklärte Dr. Salz im Namen der Commission für die Statutenänderung, es gebe gar keine Hintergedanken und dieJAenderung sei nur deshalb vorzunehmen, damit auch von anderwärts der „Ahawath Zion44 unterstützt werden könne. — Am zweiten Verhandlungstage wurde beschlossen, dem künftigen Ausschüsse die Ausführung folgender wichtigerer Anträge zu empfehlen: Das Project der Gründung einer zweiten galizischen Colonie von 20—30 Familien auf genossenschaftlicher Basis, Intervention bei der Beförderung von circa 50 Boryslawer Arbeitern nach Palästina und für dieses Jahr Veranstaltung einer Reise galizischer Zionisten nach Palästina. Ferner sei gemäss dem Beschlüsse der III. galizischen Landes-Conferenz in Lemberg der „Verein Olei regel für Arrangierung von Reisen nach Palästina44 ins Leben zu rufen. Beim Punkte „Organisation und Agitation* wurde einstimmig folgender Antrag angenommen: „Die Generalversammlung anerkennt die Noth Wendigkeit einer einheitlichen Organisation in Galizien und forciert den Verein als der Organisation seit jeher angehörend auf, sich sowohl selbst als auch mit seinen galizischen Filialen und Localcomites an den vom Landescomite

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