Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 18 (5.5.1899)
- Article
- Albert Donreich
- Date
- 1899-05-05
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 18 „Die H Welt“ Seite 11 Mann warb er für die Idee der jüdischen Zukunft. Alsich im Jahre 1897 die Gelegenheit bot, den jüdischen Sympathien für die Türkei greifbaren Ausdruck zu geben, schloss er sich jener aus fünf Aerzten, deren Namen die moderne jüdische Geschichte wird verzeichnen müssen, bestehenden zionistischen Expedition an, die als freiwillige Sanitätstruppe ins türkische Lager eilte, um dort Wunder schlichter Aufopferung zu verrichten. Donreich, das körperlich kräftigste Mitglied der Truppe, der mit seinem sonnigen Humor den Muth der Collegen immer wieder neu belebte, holte sich dort, auf dem Feloe. der Ehre, den Todeskeim. Die tückische Krankheit ward leider nicht gleich erkannt, an dem riesenstarken Manne war keine Veränderung zu bemerken. So folgte er, heimgekehrt, freudig dem Parteirufe und stellte sich dem eben zusammentretenden Kongresse als Secretär zur Verfügung. Was er, der Unermüdliche, stets zu freundlicher Auskunft Bereite in Basel geleistet hat, wird den Theilnehmern jener Versammlung iit ewig dankbarer Erinnerung bleiben. Sein bei aller Begeisterung nüchterner Verstand war dazu berufen, in dem unerhörten Gewirre praktischer Fragen, das der förmlich aus dem Boden gestampfte Congress oeranlasste, Ordnung zu schaffen. Der glänzende Erfolg des Congresses war seine letzte Freude. Ein todtkranker Mann, der sich zur Ruhe begab, grüßte er noch einmal, schlimmer Ahnung voll, die blau-weiße Fahne . . . Jetzt dachte er an Genesung. Genesen wollte er, um dann weiter zu arbeiten. Es war zu spät. In Schmecks war es, im vergangenen Sommer, da fasste ihn die Hand des Todes zum erstenmale. Noch einmal ließ sie ihn frei. In Meran verlebte er dann einige leidvolle Monate. Und als Lunge und Kraft gänzlich verzehrt waren, legte er sich hin und starb als der, der er sein ganzes Leben lang gewesen, als ein Held. Auf dem Meraner Friedhof, nicht weit von Perez Smolensk y, ruht er aus. Das ist der äußere Rahmen eines Lebens gewesen, das viel geliebt wurde, und das trotz seiner tragischen Kürze viel von dauernden Erfolgen belohnte Arbeit einschloss. Freilich, einen philiströsen Maß stab vertrug dieses Leben nicht. Die Summe von Nutzen und Behagen, die aus einem bürgerlichen Berufe zu gewinnen, hat Donreich niemals zu schätzen verstanden. Daraus hat ihm mancher einen Vorwurf gemacht. Nun ist er aber in einem gewiss nicht unedleren Sinne „fertig geworden". Leben und Ueberzeugung durchdrangen sich bei ihm aufs Innigste, wurden eins in der Begründung einer harmonischen Persönlichkeit, Er war eine ganze, ungebrochene Natur. Hat unsere Zeit der Halbnaturen einen höheren Ehrentitel zu vergeben? Ihm wehte aus der großen Idee, der er sein Leben hingab, so viel Heiligkeit entgegen, dass er jede, selbst erlaubte oder gar gebotene Rücksicht auf den eigenen Vortheil, und was er aus seinem Leben Wohl hätte machen können, mit einer grandiosen Selbstverständlichkeit hinwarf. Wodurch er der allgemeinen Sache, die er zu seiner ganz persönlichen gemacht hatte, dienen könne, begriff er, ein genauer Kenner des eigenen Wesens, aufs Deutlichste. Mit allen Jnstineten einer altjüvischen Erziehung ausgerüstet, dabei von einer feinen Empfindung für die Forderungen einer weiterentwickelten Cultur, war er der vielleicht vollendetste Typus derjenigen, die durch ihre aus tradierten und modernen Elementen componierte Persönlichkeit die geborenen Vermittler zwischen west- und osteuropäischem Judenthum sind. Jenen „deutschen" Studenten, die aus schier unjüdischen Familien an die Hochschule kommend, durch eine vage Empfindling in die Nähe des neujüdischen Lagers getrieben wurden, war Donreich ein milder und erfolgreicher Erzieher. Nicht als haarscharfer Dialectiker gewann er seiner Sache Anhänger, eher durch Gemüthlichkeit und leise Ueberredung. Seine naive Pädagogik machte den anderen erst warm, ehe sie ihm mit den Argumenten an den Leib rückte. Er war es, der mit einer glücklichen Empfindung für das Bolkswäßige, das Jargonlied in der Wiener jüdischen Studentenschaft einbürgerte. Mit glänzenden Augen hörte er seinen „Kindern" zu, wenn sie von dem armen alten Manne sangen, der über'm Schare Zion weinend nach Jernscholayim ruft, oder von dem Bäumchen, das unsere Väter in der wilden Wüste gepflanzt. So brachte er es zuwege, dass Söhne guteuropäischer Familien sich als wahrhafte Brüder fühlen lernten von Abkömmlingen kaftantragender Väter. Biel sonnige Heiterkeit gieng von ihm aus. Aengstliche, unerfahrene Naturen und die den kleinlichen Sorgen des Studentenlebens leicht erliegen, erfrischten sich an diesem unentwegten Lebensmuthe. Und er bemutterte so gerne. Er war der anerkannte Rathgeber der „Bude" und der Aula, und er wusste immer und aus jeder Lage einen guten Ausweg. Seine Freundschaft war rührend und unwiderstehlich, seiner Bevormundung entzog sich keiner. Und die Kleinen und Schüchternen hiengen an ihm mit einer schwärmerischen Verehrung. Das Leben ist traurig und erhebend zugleich. Wir Menschen werden jede Stunde schmerzlich beraubt, die selige, glorreiche Idee verwaist niemals. Ihr stirbt einer, auf den Schultern überlebender Schüler wird sie zum Siege getragen. Aber den Freunden bleibt nichts als Thränen und Erinnerung. Albert Donreich, wir versichern Dich der Dankbarkeit Deines Volkes und der Erinnerung Deiner Freunde! B. F—s. Oie jüdische Colonialbank. Resolution des Verwaltungsrathes bezüglich der Subscription. London (Telegramm). Das Directorium erklärt, dass nach den von den autorisierten Agenten und Centralstellen eingelaufenen Berichten die Subscription die erforderliche Höhe von. 250.000 Shares bereits überschritten hat. Die Zutheilung der Actien kann jedoch momentan nicht erfolgen, da die 20% Anzahlung infolge der grossen Entfernungen der Subscriptionsländer von der Centrale noch nicht, dem englischen Gesetze entsprechend, in London concentriert ist. Da diese Concentrierung voraussichtlich noch einige Zeit in Anspruch nehmen dürfte, wird die Subscription noch nicht geschlossen, und es steht den autorisierten Agenten und Zeichenstellen frei, noch fernerhin bis auf weiteres Zeichnungen zu den früheren Bedingungen entgegenzuneln neu. W Weltchronik. Dp. Siegmund Werner ist am 1. Mai aus der Redaction der „Welt“ geschieden, um sich voll und ganz seinem Berufe als praktischer Arzt zu widmen. In Dr. Werner verliert die „Welt“ einen pflichttreuen, gewissenhaften Redacteur, das wahre Muster eines Redacteurs. Das Blatt, dessen Leitung ihm anvertraut war, war ihm ans Herz gewachsen, und er hat bei der peinlichen Erfüllung seiner Pflicht weder Kraft noch Zeit gespart, ln dem Kreise unserer Gesinnungsgenossen hat sich Dr. Werner im Verlaufe seiner Thütigkeit durch sein, einnehmendes Wesen nur Freunde gemacht, und wir haben ihn bloss widerstrebend und mit innigem Bedauern aus der Redactionsstube ziehen lassen. Die „Welt“ wird Dr. Werner für sein wackeres Wirken stets Dank wissen. Wir haben übrigens die Hoffnung, dass unser scheidender Freund und College auch fernerhin, soweit ihm sein ärztlicher Beruf die Zeit zu literarischem Wirken für den Zionismus gewähren wird, seine Arbeiten in unserem Blatte veröffentlichen wird. Die Stelle eines verantwortlichen Picdacteurs übernimmt