Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 18 (5.5.1899)
- Article
- Trutz-Czech
- Date
- 1899-05-05
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 „Die H Welt" Nr. 18 Zwei Abende nach jener aufwühlenden Versammlung fand eine zweite, d. h. die zweite zionistische Versammlung in Prag statt, die würdig verlief und viele Juden der besten Lebenskreise unserer Doctrin zuführte. Die deutschen Zeitungen bestätigten dies in ausführlichen und objectiven Berichten. Neben einem solchen Referat nun als „Eingesendet“ an einer Stelle, für die man sonst bezahlen muss, war eine ausführliche „Widerlegung“ des Zionismus, die in beiläufig folgenden Sätzen gipfelte: „Gehet nicht die Wege dieser Volksverführer, Ihr Juden Böhmens. Wir sind als Deutsche geboren, im deutsc he nVolke liegt unser Heil und d e u t s c h wollen wir bleibe n, getreu unserem Volke bis in den Tod.“ Der Mann des „Eingesendet“ ist ein Jude, der Redacteur ein Christ und ein Ehrenmann. Wir nehmen daher an, dass diese Anbiederung des Juden nur als censurierbare Annonce angesehen wurde. Man annonciert ja auch Wun derb als am und Haarwuchsmittel, trotzdem kein Journalist verpflichtet ist, an Wunder zu glauben und fast jeder froh wäre, einen Balsam für seine fliehenden Haare zu finden. Im Reclametheil kann man das Deutschthum als Allheilmittel für die Judenkrankheit immerhin noch anpreisen. Im Leitartikel hat das „Heil, Heil“, das den Juden ein verschämtes „Hepp, Hepp“ bedeutet, seinen Credit verloren. „Heil Heil“ oder „Hello“ ist der Schlachtruf der extrem Deutschnationalen, jener, die den Rassen-Antisemitismus in Oesterreich ausgebrütet haben. Schönerer und Wolf sind die Führer dieser Gruppe. Wolf aber wurde vor einiger Zeit in Prag von jüdischen Studenten umarmt und geküsst. Küsst Ihr den Wolf, dann wollen wir Euch was heulen, dachten sich die böhmischen Juden, die zufällig in czechischen Schulen das A-B-C gelernt hatten. Und gedacht, gethan. Nun kommen wir dem Verstehen der wilden Volksversammlung immer näher. „Wenn Ihr Germanen seid“, ruft die eine Gruppe — „dann sind wir Czechen“. Und sie haben wahrhaftig Recht. „Nein, sie haben Unrecht,“ eifern die Deutschen. „Die Czechen plündern uns Haus und Hof.“ — „Nicht als Juden plündern sie Euch aus“, entgegnen die Czechen, „sondern als Deutsche. Warum lauft Ihr als extreme Parteigänger mit den Feinden unseres Volkes? Ohne die Hilfe der Juden wären die Deutschen längst aus vielen Positionen in Böhmen hinausgeworfen. Warum geht Ihr mit der deutschen Minorität und erzieht Euch und uns Feinde an der Mehrheit des Landes, an unserem Volke“. „Euer Volk“, höhnt der „deutsche“ Gegner, „so schauet doch hinter Euch, wie die Czechen Euch heimlich geringschätzen, wie sie selbst Euer Czechenthum in ihren Zeitungen dem Gelächter preisgeben“. „Oho!“ ruft der Czeche „und Eure Deutschen? Haben sie nicht dem Judenhass ein wissenschaftliches Mäntelchen zurechtgeschnitten, mit dem jetzt alle Welt die christliche Nächstenliebe bedeckt?“ „Sind vielleicht die Deutschen an den Verfolgungen, schuld, die im Jahre 1096 hier in Prag stattgefunden haben?“ „Vielleicht! Denn am Rhein haben damals die Judenschlächtereien begonnen,“ „Und als hier der Pöbel im Jahre 1290 eine grosse Anzahl Juden hinmordete, waren auch damals Deutsche schuld? Und 1388 und 1389 und 1399?“ »Ach was, im finsteren Mittelalter da geschah gar vieles. Uebrigens gibt es kaum eine grosse Judenstadt Deutschlands, in der nicht ähnliches sieh abspielte,“ „Im Jahre 1570 da war das Mittelalter schon vorüber, aber für uns Juden war die Zeit noch immer finster. Hie und da leuchtete noch ein verspäteter Holzstoss weit ins Land, auf dem zur grösseren Ehre Gottes einige Juden brannten. So geschah es mit 38 unserer Brüder hier in diesem Lande.“ „D aruin müssen wir uns dem Volke nähern und uns mit den Czechen verbrüdern, damit künftig-“ „Deshalb müssen wir deutsch sein-“. Aus diesem Grunde müssen wir Juden sein, ruft der Zionist von der Tribüne, eingedenk der Noth jener Tage, eingedenk des Märtyrerthums unserer Voreltern, die zur „Heiligung des Namens“ in den Tod giengen. Warum zerstört Ihr Juden Euch gegenseitig zum Gaudium Eurer Gegner? Jene unsere Ahnen lebten und starben als ganze Menschen, als Vollnaturen, als grosse Charaktere, diese kleinen Ghettojuden. Ihr aber seid verstört und zerfallen, in Euch selbst uneins, denn heimlich nagt an jedem von Euch die Scham, dass Ihr Euer Bestes vergebens anbietet: Euer Herz. Seht hier das jüdische Volk des Ostens in seinem tiefen Leid und hier Ihr selbst-Doch wozu der vielen Worte-Es bedarf keiner und es bedurfte keiner. Man jubelte dem Redner zu, man drängte sich um ihn, man meldete sich zur Gründung des „Zion“. Nach zwei Abenden war der Zionismus heimisch in Prag. Nicht alle Juden in Prag sind zionistisch. Aber alle sprechen mit Achtung von unserer Bewegung. Nein, nicht alle. Es gibt noch einige officielle Juden, die sich gerne verachten lassen. Habeat sibi. Ein christlicher Theilnehmer der zweiten Versammlung gab folgende classische Definition der Assimilanten. Wenn ich einen Mann frage, „nicht wahr, Sie sind Jude?“ und er wird roth, dann ist er ein Assimilant, wenn er aber freudig aufblickt und sagt „ja, mein Herr, ich bin von Nation Jude“, dann ist er Zionist, ein Mensch, den jeder Christ achten muss, ja dem er dankbar ist, weil er den gebildeten Christen die Möglichkeit bietet, den uns selbst zerstörenden Antisemitismus abzulegen und dem Juden ehrlich die Hand zu schütteln. Warum dieser überraschende Sieg in Prag? Auch bei den Juden? Weil dort wie in keiner anderen Stadt der Welt die gewaltsame und zudringliche Assimilation der Juden von ihnen selbst ad absurdum geführt wurde. Der jüdische Czeche höhnt den jüdischen Deutschen und dieser jenen, und heimlich, nein offen lacht ihrer der Deutsche und der Czeche. , , Nun öffnet sich ein Ausweg, eine gebahnte Strasse der Ehre, ein redlicher Pfad aus der Wirrnis des Hohnes und der Zwistigkeiten. Die Juden deutscher Cultur und die Juden czechischer Cultur vereinigen sich im Zionismus. Durch Zurückhaltung und Selbstachtung werden sie die gegenseitige Schätzung wiedererringen und die Achtung der Nichtjuden. Prag und Böhmen, diese Juwelen in der Geschichte der jüdischen Diaspora, werden aufhören, ein Schulbeispiel zu sein für die Assimilations-Caricatur der Juden unserer Zeit. Aus ganz Böhmen waren Juden herbeigeeilt zu diesen Versammlungen. Die Zeit hat sich erfüllt. G Deutsche Colonialgetfanken. Wenn man den Zug und Flug der deutschen Politik recht verstehen und bewundern will, muss man nach lvleinasien hinblicken, wo jetzt kommende Gestaltungen vorbereitet werden. Aber nicht nur die Regierung,