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Die Welt · 1899-05-05 · 18 (5.5.1899) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
18 (5.5.1899)
Article
[Ohne Titel] / Rosenberger, Erwin
Date
1899-05-05
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Seite § Hr. 18 „bie $ Welt« zu werden. Wir alle gehen langsam, aber sicher, ins Lager der Pythagoräer über, wir fühlen es genau, wie wir uns angesichts der frappierenden Geschehnisse, die rings wie abenteuerliche Pilze aus dem Boden schiessen, allmählich das Staunen abgewöhnen. Die sprichwörtlichen Attribute der Verblüffung verschwinden vom Erdboden. Es wird eine Zeit kommen, wo man wird weite Pagereisen machen müssen, um irgendwo einen Menschen zu entdecken, der noch die Fähigkeit besitzt, „verdutzte grosse Augen“ zu machen, das Phänomen des „weit aufgerissenen Mundes“ wird man nur noch bei den Bewohnern entlegener Gebirgsthäler finden, und die Reisehandbücher werden nicht verfehlen, den Touristen auf dieses besserst seltene Natursch an spiel, das der ganzen Gegend ein eigenartig amnuthendes patriarchalisches Gepräge verleiht, aufmerksam zu machen. Und die Ausflügler werden eigens im Scliweisse ihres Angesichtes in die schwer zugänglichen Felsennester hinan fklettern, um den Reiz dieser pittoresken mimischen Erscheinung in vollen Zügen zu gemessen, so wie der moderne Culturmensch heute auf das Hochgeb irge klimmt, lim die Schönheit einer wolkennahen-Landschaft, um die Pracht eines Sonnenaufganges zu gemessen. „Vor Verwunderung die Hände zusammenschlagen“? Zu einer so atavistischen Aeusserung wird sich in den künftigen Zeiten höchstens ein ganz naiver Säugling hinreissen lassen, der Erwachsene hingegen wird nur in einem einzigen kaum zu gewärtigenden Ausnahmsfalle erstaunen: wenn er auf einen Nebenmenschen stösst, der noch imstande ist, über etwas zu erstaunen. * * * Aber allen Ernstes: der Seelenzustand der Menschheit macht in unseren Tagen einen eigenen Wandel durch, und jeder kann das an sich selbst beobachten. Wir gerathen gelinde in einen merkwürdigen Zustand der Gläubigkeit,. Liner fast unbedingten Gläubigkeit. Es ist eigentlich ein Paradoxon: Weil so vieles, was die Gegenwart an Erfindungen und Entdeckungen gebiert, geradezu unglaublich ist darum werden wir gläubig. Wir erfahren von Röntgenst.ralilen, und müssen es glauben. Wir lesen von der nie geahnten Kraft eines Heilserums und wundern uns kaum. Man erzählt uns von drahtloser Telegraphie, und wir sind nicht erstaunt. Wir hören von einer kühnen Flottenexpedition in die chinesischen Gewässer, und das Unternehmen kommt uns wie selbstverständlich vor. Morgen werden wir im Morgenblatte lesen : „Das Kräutlein gegen den Tod ist gefunden“ und wir werden ruhig unsere Schale Kaffee leeren und mit einem fast blasierten Kopfnicken bemerken „Natürlich! Das war ja zu erwarten.“ Dieses Wörtchen „Natürlich“ sollte als Motto der Geschichte unseres Jahrhunderts vorangesetzt werden; man wird es immer öfter aussprechen. Alles ist natürlich, es gibt keine Wunder mehr, weil überall Wunder sind. In dem Momente, wo sichs die Sonne zum Princip macht, alltäglich im Westen aufzugehen, ist diese Erscheinung kein Wunder mehr. Die regelmässige Wiederkehr macht sie „natürlich“ und wir denken nicht mehr daran, erstaunt den Kopf zu schütteln, Es war einmal eine Zeit, wo die bereitwillige Gläubigkeit für Beschränktheit, die Skepsis für geistige Ueberlegenheit galt. Heute können wir sagen: Wer da zweifelt, ist ein Thor; wer da glaubt ist ein Weiser, er hat Augen, um rings die Wunderdinge zu sehen und an kommende zu glauben. * 4- * Auch für die Seele der Gattung gilt das biogenetische Grundgesetz, wie für die Körper; die jahrtausendelange Entwickelung der grossen Menscheitsseele ist nur ein Ebenbild der seelischen Entwicklung, die der einzelne in seiner kurzen Lebensspanne durchmacht. Das Kind ist gläubig, weil es nichts weiss* Ihm fehlt die Erfahrung, um zu prüfen und zu zweifeln» Ebenso die alten Völker in der naiven Kindheit des Menschengeschlechtes. Der Jüngling, der vieles halb weiss, deutelt, zweifelt, negiert; doch während er vorwärts schreitet, erfährt er, dass das Sonderbarste sich in der Wirklichkeit vorfindet, dass das Unglaublichste Fleisch und Blut haben kann. So gelangt der einzelne vom Aberglauben über den Unglauben zum Glauben. Und so verkörpert sich auch der Werdegang der ganzen Gattung in drei Gestalten: Der Fetischanbeter, der dem Priester des Stammes blindlings glaubt, der zweideutig lächelnde Skeptiker im Philosophenmantel und der ernste Naturforscher, dem im Secier- und Mikroskopiersaal Ahnungen aufsteigen, wie sie sonst mir dem mystischestenGläubigen zugeschrieben werden. Dem Hellenen des homerischen Zeitalters, der die Naturgesetze nicht kannte, erschien es durchaus nicht unwahrscheinlich, dass irgendein Olympier über das Meer hinüberreden könne; dem Gelehrten der Mittelzeit, der von Physik gerade genug wusste, um auf Grund des Ptolomäischen Weltsystems einem Galilei den Process zu machen, wäre die Fernsprechgeschichte wahrscheinlich als Wahnsinn erschienen. Und die Kinder des 19. Jahrhundertes betrachten die Entdeckung mit bewundernder Gläubigkeit. Bewundern, aber nicht verwundern, das ist die Parole. Erwin Rosenherger. G Trutz-Czech. Von Y. Erhitzte Gesichter, geballte Fäuste, wirre Blicke und heiseres Schreien. Es sind ihrer etwa fünfzig Jünglinge. Sie drängen sich um eine Tribüne, die von zwei Herren in Uniform und einigen im schwarzen Fracke besetzt ist, und sie rufen in fanatischem Eifer immer nur ein Wort in die Höhe, ein Wort, das zischt und gellt, wie ein wilder Nothruf, wie der Kriegsschrei Verzweifelter. Rings um die Fanatiker, dicht massiert, einige tausend Leute auf Stühlen, auf Tischen, unwillig auf das Häuflein der Wilden blickend. Sie heben die Arme, dass es wogt, wie sturmgejagte Flut, ein Murren ertönt, wie von Brandung auf starrem Gestein. Das Volk ist in Aufregung, es bekämpft sich, die Fäuste fahlen nieder, man bedrängt sich, man schädigt sich an Leib und Seele. Ach, sprechen wir nicht von Seele in solchen Augenblicken, wo das jüdische Volk sich blutig schlägt, für einige Sätze in der Sprache jenes Volkes, das ihm vor einem Jahre die Läden plünderte in eben dieser Stadt und vorgestern Steine an den Kopf warf — in Nachod. Oder sprechen wir von der Seele, von der jüdischen Volksseele dieser armseligen, gedrückten Psyche, an die zu glauben, vor zwei Jahren noch ein Verbrechen war. Soll man sich ihrer in die Seele hinein schämen, jener, die mit den Wundmalen der christlich-czechischen Steine nun auch die Spuren der deutschen Judenfäuste tragen wollen. Oder-—? Bleiben wir bei dieser Wendung, suchen wir einen Ausweg aus dieser Schande. In Prag, einer der ehrwürdigsten Judengemeinden Europas, in einer Stadt, in der sich moderne Bildung mit jüdischer Tradition verschmolzen hat, wie in wenigen Orten der Welt. Dort haben sich in einer jüdischen Volksversammlung Juden fanatisch bekämpft, weil der eine Th eil mit Gewalt das Czeehische alä Verhandlungssprache durchsetzen wollte, trotzdem es wohlbekannt ist, dass alle diese Fanatiker vorzüglich Deutsch verstehen. Das ist das Factum. Für jeden nichtböhmischen Juden ist dieser Vorfall ein Räthsel. Stellen wir dieser Thatsaehe eine andere nicht minder unverständliche entgegen, und der Vorgang wird uns sofort klar.;

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