Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 18 (5.5.1899)
- Article
- Der internationale Wetterwinkel
- Date
- 1899-05-05
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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„bie H Weit“ 4eite 2 Nr. 18 Welttheile nachbarlich neben einander. Asien ist das Feld der russisch-englischen Rivalität und eventuell auch der russisch-englischen Verständigung. In China ist auch schon der erste Schritt friedlicher Auseinandersetzung erfolgt; ein Abkommen, dessen Perfectionierung soeben gemeldet wird, regelt die beiderseitigen Interessensphären. Aber wichtiger als der chinesische Antagonismus ist offenbar alles, was sich auf Indien bezieht, und gegen Indien schiebt sich die russische Gefahr auf zwei Wegen vor, auf dem minder gefährlichen von Afghanistan, auf dem gefährlicheren von Kleinasien her. Wir bezeichnen den ersteren Weg als den minder gefährlichen, weil er über den schwer zu über.-teigenden Himalaya führt, der voraussichtlich noch lange die natürliche Schutzmauer Indiens bilden wird. Aber von der kleinasiatischen Küste her, die England maritim beherrscht, führt durch Palästina oder um Palästina herum der Weg über Persien direct zum indischen Meere und dieser Weg ist nicht durch gigantische natürliche Hindernisse gesperrt. Dort liegt der eigentliche internationale Wettervvinkcl, dort dasPentagraiuma der orientalischen Frage, die immer mehr in die grösseren Dimensionen einer asiatischen Frage hineinwächst. Man kann dies am deutlichsten an dem gespannten Interesse erkennen, mit welchem in diesem Augenblicke die Meldung erörtert wird, dass Russland von Persien den Hafen von Bender-Abbas am persischen Golf erworben habe. Dieser Hafen würde ein vorgeschobener russischer Posten gegen Indien hin sein, wie der Hafen Lindh am persischen Golf, den England im vorigen Jahre von Persien erwarb, ein Schutzfort für Indien gegen die russische Umklammerung bildet. Es ist klar, dass eine allgemeine friedliche Verständigung zwischen England und Russland, wie sie der russische Finanzminister proponiert, sich ganz vorzugsweise auf die Region zwischen dem mittelländischen Meere und dem persischen Golfe erstrecken müsste. Und dabei käme naturgemäss auch Palästina ins Spiel. Wenn in jener Region die Rivalität zwischen Russland und England aufuegeben oder mindestens vertagt würde, so hätte alle Unsicherheit, die jetzt noch der Einwanderung europäischer Cultur im Wege steht, sofort ein Ende. Jetzt ist es ein ungewisses Schicksal, das über ganz Vorderasien lastet und die Pionniere der modernen Zivilisation zurückschreckt; würden aber der britische Löwe und der russische Bär sich friedlich und schiedlich, wie der Finanzminister v. Witte dazu räth, vertragen, so könnte der befruchtende Strom europäischen Capitals und europäischer Arbeit sich ungehindert über das herrliche vorderasiatische Küsten- und Stromland ergiessen, das jetzt brach liegt wie ein Acker, der nur deshalb ni *ht üppigste Ernte liefert, weil niemand da ist, um ihn zu bestellen. Herr v. Witte spricht als 1 inanzminister, aber sein Wort ist ein Wort der Cultur, wie der AbrüstungsVorschlag des Kaisers Nikolaus ein Friedensvorschlag ist. Dass Russland Geld braucht, ist kein Grund, um an seiner Aufrichtigkeit zu zweifeln, wenn es das Geld um den Preis der Friedfertigkeit erlangen will. Und dass England das Geld hergeben will, wenn es dafür politische Aequivalente erlangen kann, ist hinwiederum auch kein Grund, daran zu zweifeln, dass diese Aequivalente dem Frieden und seinen Segnungen zustatten kommen würden, vorausgesetzt, dass sie in einer reinlichen Scheidung der beiderseitigen Interessensphären zum Ausdrucke gelangten. Wir brauchen es kaum zu sagen, wie sehr es auch für die Erreichung der zionistischen Ziele förderlich wäre,, wenn das geheime Memorandum des Finanzministers v. Witte kein todter Buchstabe bliebe. Es ist schon so viel politische Kannegiesserei verschwendet worden, um das Ideal des Zionismus zu discreditiereu, dass es ordentlich erfrischend wirkt, einen grossen positiven Gedanken erörtern zu können, dessen Verwirklichung dem Zionismus das stärkste Hindernis aus dem Wege räumen würde. Ein solcher positiver Gedanke ist in der Anregung des russischen Finanzministers enthalten. Im Vergleiche mit ihm fällt das Gerede vom zionistischen Pufferstaate platt zu Böden. Wenn Russland und England sich in Vorderasien nicht mehr misstrauisch gegenüber stehen, so bedarf es keines Pufferstaates und keiner Goloniengründung ad hoc, denn Palästina kann dann eine friedliche Ansiedlung sein, die ihren Selbstzweck hat, und zwar eine Ansiedlung, die naturgemäss am besten aufgehoben ist in der Pflege und Arbeit derjenigen, welche zur Freudigkeit und Lust der Arbeit auch den angeborenen und geschichtlichen Beruf mitbringen. Wir denken, dass die Zionisten diese Eignung getrost für sich in Anspruch nehmen können. Was sie als öffentlich - rechtliche Sicherung auf dem Gebiete ihrer künftigen Arbeit anstreben, hat zur Voraussetzung das Wohlwollen der grossen europäischen Mächte im Vereine mit dem Wohlwollen dos Sultans, und dieses durch keine offene oder latente Rivalität getrübte Wohlwollen würde ermöglicht sein, wenn Russland und England darauf verzichteten, sich lauernd und misstrauisch zu beobachten. Darum sagen wir, ein gutes jüdisches Wunschwort mit Bezug aut Herrn v. Wittes Memorandum anwendend: „Sein Wort in Gottes Ohr F G Die Woche. Wien, Mai 1899. Telegraphie ohne Draht. In den jüngsten Tagen erfuhren wir immer mein* Erstaunliches über das neue Wunder. Das kleinwinzigeThierchen, das der Gattung homo sapiensL. angehört, hat plötzlich über Nacht eine Riesenstimme bekommen. Vor Zeiten waren die Stimmmittel des Menschen armselig schwach, wie die des Waldvogels oder des Heimchens im Grase. Kaum über hundert Baumkronen reicht die Verständigung, wenn der gefiederte Sänger seinem Weibchen ruft. Und die zirpende Wechselrede der zwei Feld grillen dringt nur von einem Halm 'bis zum d rittnächsten. So war die Verständigung der Menschen. Der Fluss war nicht einmal allzubreit, es war fast ein Bach, und doch konnten sich die zwei Männer, die auf beiden Ufern standen und über das Wasser hinübersprachen, nur schwer verstehen. Ein kleines Aufrauschen der .Wellen, ein boshafter Windstoss machte die Redenden harthörig und stumm. Und heute stehen die Zwei auf verschiedenen Welttlieilen und über den unendlichen Ocean hinüber tauschen sie in spielender Bequemlichkeit ihre Gedanken. Das eikadenhafte Piepsen ist zur Donnerstimme geworden, die das Heulen der Wogen und den brüllenden Sturm überwindet, weil sie lautlos ist. „Donnerstimme“ — das Wort wird ein Ausdruck des Spottes werden. Die zwei Männer, die über das Meer hinüberplaudern, werden sich gekränkt fühlen, wenn man ihre Stimme mit dem Gröhlen des Donners vergleichen wird, mit dem plumpen Donnergepolter, das nicht einmal von einer Stadt zur nächstliegen den hörbar ist, das hilflos, ohne Ausweg, von einer Bergwand zur anderen taumelt. wenn es sich in einen Felsenkessel verirrt hat. * * * Ein Philosoph des Alterthums hatte als Lebensregel den Grundsatz aufgestellt: nil adimrari. Verwundere Dich über nichts! Fort mit dem Staunen! Heute nach zwei Jahrtausenden, beginnt diese Lehre Weltreligion