Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 18 (5.5.1899)
- Date
- 1899-05-05
- Page
- None (sequence 5)
- Language
- German
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Russland braucht englisches Geld. Der Finanzminister v. Witte hat dies unumwunden in einem für das russische Ministercomite bestimmten geheimen Memorandum eingestanden und die „Times“ in London hat dieses geheime Memorandum veröffentlicht. Da das Gityblatt schwerlich auf unerlaubte Weise in den Besitz des höchst interessanten und wichtigen Actenstückes gelangt ist, so darf angenommen werden, dass Herrn v. Witte die Veröffentlichung durchaus nicht unerwünscht war, und dass man an der Newa aus der Sehnsucht nach den Schätzen des englischen Geldmarktes gar kein Hehl machen will. Also ist es sozusagen ein öffentliches Geheimnis, dass Russland mit seinem Geldbedürfnisse auf England angewiesen ist. Die beiden Rivalen in der Wellpolitik haben inmitten der hundert schroffen Geg« nsätze, die zwischen ihnen klaffen, vielleicht nur diesen einzigen Berührungspunkt, aber von dem aus kann unter Umständen ihrem gesummten Verhältnisse zu einander eine neue Physiognomie aufgeprägt werden. Es ist ein Punkt wie derjenige, der dem Arehimedes vorschwebte, als er sagte: „Gib mir einen Punkt ausserhalb der Erde, auf dem ich stehen kann, und ich will die Erde aus den Angeln heben.“ Das Geld ist bekanntlich scrupel- und grundsatzlos, es strömt dorthin, wo man es braucht, ohne sich viel um die Schlagbäume der hohen Politik zu kümmern. Aber mitunter hat es doch auch die Ambition, seine Macht über die Politik darzuthun, und dieser Fall scheint in dem Verhältnisse zwischen Russland und England jetzt eintreten zu wollen. So wenigstens sagt es der russische Finanzminister rund heraus, und dieser Finanzminister ist, wie man weiss, ein sehr kluger, sehr weitsichtiger, daher geschäftskundiger Mann. Er calculiert nämlich so; Frankreich hat sich in seiner Begeisterung für den Zweibund mit russischen Anleihen übersättigt; es vermag keine mehr aufzunehmen, und die letzte, die dort untergebracht wurde, musste zum grossen Theile zurückgezogen werden. Auch hat sich in Frankreich der Enthusiasmus für das russische Bündnis erheblich abgekühlt, da die Erwartungen, die man von diesem Bedürfnisse hegte, sich nicht erfüllt haben. Man hat während des Faschoda- Gonflictes vergebens nach dem russischen Hintermanne ausgeschaut, und nun hat gar der Abrüstungsvorschlag des Kaisers Nicolaus jede Illusion zerstört, als ob Russland gewillt wäre, den Franzosen zur Wiedergewinnung Elsass-Lothringens zu verhelfen. Der deutsche Geldmarkt hat sich zu wiederholtenmalen spröde gezeigt, und Fürst Bismarck machte sogar einmal die russischen Werte zu einem Kampfmittel, indem er ihre Belehnung in Deutschland untersagte. Den Versuch, amerikanisches Geld nach Russland zu lenken, hat Herr v. Witte im vorigen Jahre gemacht, aber der Erfolg war gleich Null Es bleibt also nur England übrig, das Geld wie Heu hat, aber seit dem afghanischen Rencontre vor zwanzig Jahren den russischen Titres seine Thür verschliesst. Wie soll nun das englische Geld mit Russland wieder versöhnt werden P Dazu muss, da John Bull nichts umsonst thut, die Politik die Aequivalente hergeben, und deren sind genug vorhanden, denn zwischen Russland und England existieren viele schwebende Fragen, aus denen sich, je nachdem man ihre Lösung betreibt, ebenso freundliche Berührungspunkte wie feindliche Reibungsflächen ergeben können. Das englische Geld will Herr v. Witte, wie man aus diesem Expose ersieht, zum politischen Makler zwischen Russland und England machen. Und in England ist man keineswegs abgeneigt, der Absicht des russischen Ministers auf halbem Wege entgegenzukommen, vorausgesetzt, dass finanzielle Leistung und politische Gegenleistung mit einander balancieren. „Wir sind“, sagt die „Times“, „durchaus bereit, uns freundschaftlich zu Russland zu stellen und ihm materielle Unterstützung unter geschäftlichen Bedingungen zutheil werden zu lassen, wenn es uns zeigt, dass es den aufrichtigen Willen hat, auf eine uns feindliche Thätigkeit zu verzichten in Sphären, wo unsere Interessen die seinigen bedeutend überwiegen. Aber so lange es fortfährt, unseren gerechtfertigten Verdacht zu erregen, kann es vernünftigerweise nicht erwarten, dass wir um einiger schöner Worte willen ihm die ungeheure Macht zur Verfügung stellen, die wir durch unsere Beherrschung der Finanzen der Welt erlangt haben.“ Die Frage ist nun, wo die politischen Aequivalente liegen, welche Russland dem englischen Geldmärkte für dessen Bereitwilligkeit zu bieten hat. Es ist nicht schwer, sie zu finden, man übersieht sie mit einem einzigen Blicke, denn sie liegen in dem nämlichen