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Die Welt · 1899-04-28 · 17 (28.4.1899) · p. 16

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
17 (28.4.1899)
Article
Die Psychologie Saadias [Rezension]
Date
1899-04-28
Page
16 (sequence 2)
Language
German
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Seite 16 „Die $ .Welt« Nr. 17 Lein eil mussten sich nämlich eine Deutung gefallen lassen, welche den Anschauungen der griechischen Philosophie entsprach, weil man den entgegengesetzten Weg nicht einschlagen konnte, eine Uebereinstimmung aber von vornherein als selbstverständlich voraussetzte. Obwohl also die jüdischen Religionsphilosophen des Mittelalters an die psychologischen Probleme nichts weniger als unvoreingenommen herantraten, so darf man doch ihre Leistungen nicht unterchätzen. Sie besitzen nicht bloss darum einen Wert, weil wir durch sie erfahren, in welcher Weise man einzelne Lehren des Alterthums im Mittelalter auffasste, sondern weil es bei ihnen auch nicht an einer directen systematischen Fortbildung und Weiterentwicklung einzelner Theile der Seelenlehre fehlt. Manche Fragen, die früher nur gelegentlich berührt wurden, rückten später in den Vordergrund und wurden einer eingehenderen Behandlung unterzogen, während umgekehrt gewisse Fragen mit Stillschweigen übergangen wurden, als wären sie nie aufgetaucht. Den Reigen der jüdischen Religionsphilosophien eröffnet der Gaon Saadia. Er widmet der Seelenlehre eine zusammenhängende Betrachtung. Er hat dabei allerdings eine ganze Anzahl der einschlägigen Fragen ganz unerörtert gelassen, wie es denn überhaupt an einer sich auf alle Theile der Psychologie erstreckenden gleichmässigen Behandlung derselben auch bei den späteren jüdischen Religionsphilosophen, von Joseph Ibn Zaddik und Abraham Ibn Da ud abgesehen, zumeist fehlt. Wie Saadia überhaupt vor allem das praktische Ziel vorschwebte, die Zweifler und Irrenden unter seinen Glaubensgenossen davon zu überzeugen, dass Offenbarung und Philosophie in keinem unversöhnlichen Gegensätze zu einander stehen, dass vielmehr beide zu demselben Ergebnisse hinführen, so sehen wir ihn auch in der Psychologie nachdrücklich gegen die materialistischen Anschauungen polemisieren, die geeignet sind, den Glauben an die Unsterblichkeit zu erschüttern. So kämpft er nicht ohne Geschick gegen die Anhänger der Seelenwanderung, während die Auseinandersetzungen, in denen er seine eigene Ansicht begründet, allenthalben weit schwächer Ausfällen. S. * Feuilleton Der Auszug.*) Von Ben-Ami (Odessa). (Schluss.) Traumumfangen liegt die Hauptstadt der Pharaonen. In Schlaf versunken ist alles im Palaste des Fürsten und in der Höhle des Sclaven. Traumumfangen liegt die ganze Natur und in der nächtlichen Kühle ruht sie gleichsam aus von den Qualen glühender Tageshitze. Auch der Chonnsin hat sich zur Ruhe gelegt und alles ist dem Schlummer hingegeben. Nur am einsamen Gestade des Nil, weit von jeder Menschenstätte, hört man Geräusch und Bewegung. Es sind die Aeltesten Israels, die dem Rufe des Gottesgesandten gefolgt sind. Sie horchen auf die von göttlicher Begeisterung durchglühten Worte über Freiheit und Heimat und von Entzücken und Ehrfurcht erfasst, sinken sie zu den Füssen ihres grossen Führers und Befreiers. Und Freudenthränen strömen ihre Wangen entlang, und die Strahlen des Glaubens und der Hoffnung durchleuchten, und durchwärmen ihreleiderschöpften Herzen. Und auf den mächtigen Ruf des mächtigen Führers antworten sie einmüthig: „Führ' uns, o führ’ uns doch, Du grosser Gottesprophet! Dein Wort gibt uns Macht und Stärke und ein heiliges Gebot soll es uns sein. Dir folgen wir alle, einmüthig wie ein Mann. Zu allem sind wir bereit, um der verhassten Knechtschaft zu entkommen. Lieber zugrunde, gehen in der Wüste, lieber dem Löwen und Schakal zur Beute fallen, als Schmach und Erniedrigung leiden von clen Händen des Aegypters. Wohl gibt es Verräther in unserer Mitte, niedrige Sclavenseelen, die gleichsam mit ihren Sclaven-' ketten prunken und von ihnen sich nicht trennen wollen *) Siehe „Die Welt“, III. Jahrgang, Nr. \% 13 und 16 Herausgeber: P. Naschaiier. Verantw. Red.: Dr. Siegm. Werner. gemeine Kriecher, die in allem den Aegyptern zu Gefallen sind und sich schmachvoll vor ihnen im Staube krümmen. Den Ueberlieferungen unserer Väter und Ahnen sprechen sie Hohn, sie ahmen die Sitten und Gebräuche der Aegypter nach und glauben Rettung und Heil zu finden, wenn sie sich in ein fremdes Fell vermummen. Ehr- und Freiheitsgefühl ist ihnen fremd, und zuwider ist ihnen jeder, der gegen die Sclaverei spricht und gegen die Sclaverei handelt. Wohl werden sie überall gegen uns Ränke schmieden und mit verrätherischen Plänen uns entgegen treten wollen. Aber ohnmächtig wird ihr Schlangengezisch verhallen. Wir kennen das Herz des Volkes. Noch ist in ihm nicht todt das Andenken an Kanaan, die Wiege unserer Stammesväter. Noch lebt es sein eigenes Leben und Aegyptersitte und Aegyptergötter sind ihm zuwider. Dein machtvolles Wort wird in ihm die Kräfte aufleben lassen, die der Bann der Knechtschaft in ihm erstickt hat. Führ' uns o führ' uns, gewaltiger Führer! Lass’ uns die Freiheit schauen und jenes Fleckchen geheiligten Landes, das Abraham von Gott für seine Nachkommen verheissen ward, wo mit dem Hirtenstabe in der Hand unsere Väter in Freiheit umherzogen. Denn wir verschmachten qualvoll in der fürchterlichen Sclaverei und nicht reicht mehr unsere Kraft, zu leiden und zu dulden. Rette uns, o rette uns, Gesandter des Herrn!“ Und laute Jammerrufe erschütterten die Luft, und unheimlich scholl es zurück in der Stille der Nacht. Tief ergriffen und mit Mühe seine Rührung bemeisternd, erwiderte Moses: „Nun seid Ihr, meine Brüder, bereit, mir zu folgen, wohin ich Euch führe und die Leiden und Entbehrungen der Wanderung auf Euch zu nehmen. O, jetzt weiss ich es, jetzt werdet Ihr frei sein und bessere Tage erleben. Schon sehe ich, wie sich am Firmament der Stern meines Volkes erhebt und bald wird er aus der Mitte der Himmelskugel seinen strahlenden Glanz ins Weltall senden. O, jetzt glaub' ich’s, jetzt werdet Ihr frei sein und nach den bitteren, qualvollen Prüfungen ein friedvolles Leben beginnen im Lande der Väter, ein jeder in seinem Weinberge, ein jeder unter seinem Feigenbaum. Mögen sich alle bewaffnen und fertig zum Aufbruch sein. Und am vierzehnten Tage des ersten Monats, genau um Mitternacht, werden wir alle wie ein Mann nach Sukoss aufbrechen und von dort nach Migdol, das da liegt zwischen dem Meere und Pi-Achiross. Verkündet nun die grosse Botschaft unter all Euren Brüdern und stärket ihren Muth, der in der Knechtschaft gesunken.“ „Alles soll geschehen, wie Du sprachst, grosser Führer,“ antworteten begeistert die Aeltesten, denen plötzlich ins Herz Muth und Hoffnung gezogen sind und aus deren Augen Freudenthränen stürzten. Und am vierzehnten Tage des ersten Monats, genau um Mitternacht, verliessen sechshundeintausend bewaffnete Sclaven wie ein Mann das Land ihrer vierhundertjährigen Knechtschaft und Erniedrigung und, geleitet von ihrem Anführer und Befreier, brachen sie auf nach dem Lande ihrer Väter, um dort ein neues, freies, herrliches Leben zu beginnen . . . Briefkasten der Redaction. Wir ersuchen, Berichte über zionistische Veranstaltungen stets mit der Vereinsstampiglie zu versehen. Manuscripte sind nur auf einer Seite zu beschreiben. N. L. Bolechow. Wollen Sie glauben, dass der Kritiker nach bestem Gewissen verfuhr. Dass der Setzer Ihnen solche Streiche spielt, dafür sind wir nicht verantwortlich. Nichts tür ungut. Besten Gruss. Ch. Mail* . . . ., Lodz. Besten Dank für die Einsendung. Wir finden es unnöthig, diesem Blatte Ihr Schreiben einzusenden. Im übrigen hängt es von unseren Gesinnungsgenossen selbst ab, durch ähnliches Vorgehen dem Manne Vernunft beizubringen. Für Geldentgang ist der sehr empfindlich. Gruss. Buchdruckerei „Industrie“ (8. Bergmann) VIII., Schlösselg. 11

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