Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 17 (28.4.1899)
- Article
- [Ohne Titel] / Salz, Abraham
- Date
- 1899-04-28
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 17 „Die A Welt“ Seite 9 klärung über das angeblich in Galizien colportierte Gerücht, „wonach die Gründer der Jüdischen Colonialbank 100.000 Gulden oder einen anderen Betrag sich ausbedungen hätten,tt bereitwilligst zu registrieren. Ich nehme diese Aufforderung gerne an und freue mich sehr darüber, dass Sie mit dem „Hörensagen“, „man sagt“, einmal ernstlich brechen wollen. Ehrlichen Männern geziemt es sich nicht, versteckt sich zu überfallen. Anstatt mit künstlichen Wendungen nichts- und doch allessagender Sätze indirect auf Personen hinzuweisen und auf meine deutliche Aufforderung, Namen zu nennen, wieder mit Fragen zu kommen, hätten Sie doch lieber Ihren geehrten Lesern reinen Wein einschenken sollen. Doch Sie mochten es nicht, weil Sie Ihrem Gewährsmanne selbst nicht trauen* Und Sie haben sich, Herr Redacteur, sicherlich nicht geirrt! Weder ich, noch irgendjemand aus meiner Umgebung hat je behauptet, „die Gründer derJ. C. B.haben sich 100.000 Gulden oder dergleichen ausbedungen.“ Was ich oder meine Gesinnungsgenossen über die Jüdische Colonialbank, ihre Gründer oder andere zionistische Unternehmungen denken und sprechen, habe ich immer offen und frei herausgesagt. Im Geheimen zu verleumden, überlassen wir gewissen, ihren Profit dabei habenden Gewährsmännern, die unter anderem erst jüngst in Krakau die Lüge verbreitet haben: „Dr. Salz habe sofort nach seiner Rückkehr aus Paris an alle galizischen Vereine Depeschen mit der Aufforderung versendet, man möge gegen die Colonialbank öffentliche Protestversammlungen abhalten.“ Solche und ähnliche falsche Ausstreuungen, die seit zwei Jahren gegen mich und den Verein „Ahawath Zion“ auf der Tagesordnung sind, könnte ich Ihnen sehr viele aufzählen. Vielleicht sind Ihnen auch die Radautzer Briefe bekannt? Und hochachtbare Männer halten es für angezeigt, all dem Gehör zu schenken? Gewiss haben Sie gewichtige Gründe hierfür! Indem ich Ihnen für die Aufnahme dieser meiner Erklärung bestens danke, verbleibe ich Ihr ergebener Dr. Abraham Salz. G Eine aufgelöste Volksversammlung. Die Prager Zionisten, bis gestern kaum drei Dutzend Leute, sind am Montag den 24. April mit der ersten zionistischen Volksversammlung vor die Oeffenttichkeit getreten und haben, wie die objectiven Blätter einmüthig eingestehen müssen, mit einem Schlage die Sympathien der Prager Judenschaft erobert. Herr Dr. Kahn und Herr Iork-Steiner aus Wien sollten über die bekannten Themata referieren. — Schon eine Stunde vor Beginn der Versammlung hatte sich ein nach hunderten zählendes Publicum eingefunden und eine Viertelstunde vor 8 Uhr mussten über behördliche Verfügung alle Thore geschlossen werden, da sich im Börsensaale nahe an 3000 Personen drückten und immer neue Hunderte zuströmten. Selbst die beiden Referenten aus Wien wurden von der Polizei beinahe nicht eingelassen. — Kaum hatte Herr Tr. Urbach die Versammlung eröffnet, als die deutsche Begrüßung die anwesenden „ezechisch-nationalen" Juden zu stürmischen Lärmscenen veranlasste, bis es zur Auflösung der Versammlung kam, bevor noch ein Präsidium gewählt werden konnte. Ueber die energische Intervention des Herrn I ork-S keiner beim Regierungsvertreter wurde die Neueröffnung der Versammlung bewilligt. Ein zu Herzen gehender Appell in czechischer Sprache seitens des Herrn Leben-hart ermöglichte die Wahl des Herrn Dr. N e u m a r k aus Rakonitz zum Vorsitzenden, und es gelang Herrn Dr. Kahn, sich vernehmbar zu machen. Er verbat sich vor allem jedwede Beifallsbezeugung, um den Widerspruch der Gegner nicht herauszufordern. Kaum hatte er einige Worte gesprochen, als an den elementar hervorbrechenden Beifallsstürmen abwechselnd mit lautloser Stille die Gesinnungsänderung der Menge sichtbar wurde. Die Majorität der Versammlung, welche anfangs mit allen gegen circa 20 Stimmen für die Obstructionsanträge des Socialistenführers gestimmt hatte, war im Laufe einer kurzen Stunde anderen Sinnes geworden. Die Scandalsucht unserer Gegner hat unseren Erfolg nur vergrößert. Die Empörung gegen die Schreier und Störer konnte von den aüzuwenig zahlreichen Ordnern nicht bemeistert werden. Die Socialisten und Czechischnationalen wurden geschlagen und hinausgedrängt, so dass der Regierungsvertreter die Versammlung auflöste. — Aber die Versammlung war nicht umsonst! Aus 25 Zionisten sind 2500 geworden! Für einen geplanten Zionsverein gab es bei einer nachher arrangierten Zusammenkunft gleich mehr als 100 Anmeldungen. Für eine zweite vertrauliche Versammlung mit dem Referate des Herrn Iork-Steiner, welche für Mittwoch den 26. April angesetzt ist, gibt sich bereits stürmisches Interesse kund. Wir haben zur Stunde noch keinen genügend großen Saal aufgetrieben und werden schon mit telephonischen, pneumatischen und persönlichen Bewerbungen um Einladungen überlaufen. Prag. (Telegramm.) Die Mittwoch abgehaltene zweite Versammlung brachte einen glänzenden Erfolg. 200 neue Mitglieder angemeldet. R. Kohn. G Weltchronik. Die Boryslawer Bergarbeiter. Eine Zuschrift aus Krugersdorp (Transvaal) an den „J. Chr.“ enthält die Anregung, einen Theil der Boryslawer Bergarbeiter, als deren Delegierter zum zweiten Baseler Congresse bekanntlich Doctor Herzl fungierte, nach dem Transvaal zu bringen. In denzweihundert Goldminen in der Umgebung von Johannesburg werden allen Nationen angehörige Arbeiter beschäftigt. Sie verdienen im Durchschnitte 25 Pfd. Strl., für Contractarbeit 40 bis 50 Pfd. Strl. per Monat. Da nun eine Monatspension schon für 10 Pfund gefunden und die schwerste Handarbeit von den einheimischen Arbeitern geleistet wird, so stellen sich die Aussichten für die jüdischen Bergarbeiter sehr günstig. Ein „Antisemit von Ruf“. Vor dem Einzelrichter des Bezirksgerichtes Stadt Graz, Gerichtssecsetär Dr. Ritter v. C o 11, hatte sich dieser Tage der Grazer Spediteur Josef Otto wegen wörtlicher und thätlicher Ehrenbeleidigung zu verantworten. Nach der gegen ihn erstatteten Anzeige hat Otto am 11. Februar, Abends, in der Tiroler Weinstube in Graz fünf jüdischen Studenten, als sie sich zürn Fortgehen an schickten, ohne Veranlassung Beschimpfungen nachgerufen. Darüber zur Rede gestellt, versetzte Otto einem der Studenten eine Ohrfeige, stiess mit einem Sessel um sich und warf denselben schliesslich gegen einen der Studenten, den er am Schienbein verletzte. Vordem Richter bezeichnet^ sich Otto als „Antisemit von Ruf“ und erklärte, dass die Studenten ihn provociert hätten. Sämmtliche Zeugen sagten aber übereinstimmend aus, dass sich die Studenten vollkommen ruhig und anständig verhalten hätten. Der Richter verurtheilte den Angeklagten daraufhin zu einer Geldstrafe von 200 fl., eventuell zu vierzehntägigem Arrest. Otto meldete die Berufung an. Dichtung und Wahrheit. Die „Oesterreichisch-israelitisehe Union“ ersucht uns um Aufnahme folgender Mittheilung: „Vor einigen Tagen gierig durch die antisemitische Presse Deutschlands uncl Oesterreichs die Nachricht, dass in Mainz ein Dienstmädchen, das von seinem jüdischen Dienstherrn unsittlich belästigt wurde, in der Nacht vom 10. auf den 11. d. M. vom vierten Stocke eines Hauses auf die Strasse sprang und sich tödtlich verletzte. Nach genauen Erhebungen der Mainzer Polizeibehörde hat, der jetzt in Haft befindliche Besitzer der Wirtschaft „Zur Ludwigsbahn, Mathias Russ, in das Zimmer der 15jährigen Helene Rü h l eindringen wollen und sieh auch nach dem Selbstmorde des Mädchens äusserst roh benommen. Er ist aber nicht Jude, sondern Katholik. — Am 13. d. M. brachte ein hiesiges antisemitisches Blatt die Meldung, dass sich vor etlichen Nächten eine Gesellschaft jüdischer Studenten vor der Pfarrkirche „Zum heil. Johann von Nepomuk“ anstössig benommen und derartiges öffentliches Aergernis erregt habe, dass die Wache sie zum Polizeicommissariate abführte. Nach den eingeleiteten Erhebungen ist weder auf dem Polizeicommissariate Leopoldstadt, noch bei der Polizeidirection über einen derartigen Vorfall eine Meldung ein gebürgt.