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Die Welt · 1899-04-28 · 17 (28.4.1899) · p. 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
17 (28.4.1899)
Article
Aus Palästina
Date
1899-04-28
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite 6 „Die H Welt?4 Nr. 17 Unterschiede. Der europäische Bauer, sei er Angehöriger welcher Nation immer, ist als Mann des Ererbten, des Ueberlieferten, misstrauisch, ängstlich gegen alles Neue. Er ist durchgehends conservativ. Unser jüdischer Bauer, dessen Eltern oder er selbst noch die Rolle der Enterbten gespielt haben, hat eine ganz andere Schule des Lebens genossen. Im Moment, wo er den Mauern des Ghetto entflohen, wollte er frei sein. Er wurde frei — er wurde ein Mann des Fortschrittes. In allen unseren Colonien finden wir zumeist junge, akademisch gebildete Agronomen, im Volksmunde lateinische Bauern genannt, welche die (Kolonisten mit allen Fortschritten auf agriculturellem Gebiete bekannt machen, überall blinden Gehorsam, nirgends Widerstand finden. Der jüdische Bauer Palästinas besitzt nicht den sprichwörtlichen Starrsinn seiner europäischen Standesgenossen. Er arbeitet auch nicht blind, er denkt und ist sich seiner schwierigen Situation, die einen ganzen Mann erfordert, bewusst. Die Hindernisse und Widerwärtigkeiten, denen unsere Bauern bei jeweiliger Gründung ihrer Ansiedlungen begegneten, waren bedeutende. Die oft versumpften Gegenden forderten Opfer. Unsere Leute aber harrten aus und blieben Sieger. In Palästina nehmen sie den Städtern gegenüber keine untergeordnete gesellschaftliche Stellung ein. Im Gegentheil, sie sind die Geachtetsteil unter den Juden des Landes und auch Andersgläubige beugen sich vor diesen Männern der Arbeit. Ihr Wesen ist ein bescheidenes und doch selbstbewusstes; sie haben die Schwermuth der Ghettojuden abgelegt und, mit der Gegenwart zufrieden, blicken sie freudig in eine rosige Zukunft. Gearbeitet wird ln den Colonien viel — sehr viel. Vom Morgengrauen an bis zur einbrechenden Nacht. Nur Sabbath ruht alle Arbeit. Wer einmal einen Sabbath in unseren Colonien verbracht, wird unsere jüdischen Bauern doppelt achten. Nicht, dass sie etwa übertriebene Frömmler wären, sondern weil sie unsere Pionniere sind, die für ihren grossen, einzigen Gott leben und ihr Volk! G Die Jüdische Coloiualhank Die Situation. Es wird immer denkwürdig bleiben, unter welchen Umständen die Subscription der Jüdischen Colonialbank unternommen, unter welchen Umständen sie gelungen ist. Denn wir dürfen heute schon die Erwartung aussprechen, dass das Directorium, das sich am 2. Mai in London versammeln wird, zur Zutheiluug der Shares schreiten werde, weil das geforderte Minimum der Zeichnungen überschritten ist. Die Subscription der jüdischen Colonialbank hat sich unter Umständen vollzogen, auf die wir noch öfter zurückkommen werden. Es war von einer Seite, woher aller Fluch und alles Ungemach für unser Volk kommt, der Boykott über diese Subscription verhängt worden. Man versuchte es, uns in Acht und Bann zu thun. Die Art, wie das geschah, war wirklich nicht übel. Zuerst hielt sich der und jener, den man in jüdischen Angelegenheiten, aber auch bei finanziellen Unternehmungen zu sehen gewohnt ist, von der Sache fern. Dann kamen andere und thaten überrascht, weil der und jener dabei fehle. Endlich wurden die schmutzigen Pressknechte, die man um ein Trinkgeld für alles haben kann, ins Treffen geschickt. Da war der Schluss naheliegend: wenn selbst diese käuflichen Schreiber an der Sache etwas auszusetzen haben, wie schlecht muss sie sein. Man konnte das in antisemitischen Blättern lesen. „Wenn der und jener dabei fehlt, kann dieses Finanzinstitut doch nicht empfehlenswert feilt!'' Das ist die Form, in der man einen solchen Boykott durchführt — wenn er gelingt. Nach unseren Berichten ist er nicht gelungen. Die Zutheilung der Actien, das heißt, die Etablierung der Bank dürste am 2. Mai vom Directorium in London beschlossen werden. Dann ist eine Thatsache geschaffen, mit der sich unsere Gegner abzufinden haben werden. Auf alle anderen Anwürfe wird fortab die redliche Geschäftsführung der Bank zu antworten haben. Wenn wir aber auch nach den vorliegenden Meldungen schon die Ueberzeugung haben, dass das im Prospeete vorgesehene Minimum gezeichnet ist, so ist doch die Subscription noch nicht beendet. Vielmehr kann nach den Bestimmungen des Prospectes noch durch weitere drei Monate zu den ursprünglichen Subseriptionsbedingungen, d. h. mit einer LOpercentigen Anzahlung und hierauf folgenden Ratenzahlungen subscribiert werden, bis das Capital von 2 Millionen Pfund Sterling vollständig aufgebracht ist. Zugleich wird aber auch der unmittelbare Verkauf von Shares zum Nominalpreise erfolgen. So wie die Bank etabliert ist, wird sie gegen Zahlung von 1 Pfd. Stg. per Actie Jnhabershares ausgeben. Damit wird einem vielfach geäußerten Wunsche Rechnung getragen, dass zur Erleichterung des Ueberganges von einem Besitzer an den anderen die Shares auch auf den Inhaber ausgestellt sein mögen. Wir wiederholen also: in der vom Prospect angegebenen Frist von noch weiteren drei Monaten können bis zur Erreichung der zwei Millionen Pfund bei den nachstehenden Zeicheustellen der Jüdischen Colonialbank mit Wpercentiger Anzahlung auf Namen lautende Shares verlangt, und gegen Vollzahlung auch auf den Inhaber lautende Shares gekauft werden. Aus mehreren Orten kommen Mittheilungen, dass die Subseription erst jetzt in vollem Gang ist. So wird in den letzten Tagen gemeldet, dass in Baku 1000, in Sebastopol 900, in Simferopol 650 Shares gezeichnet wurden. Leider sind noch viele Berichte ausständig und das Londoner Bureau hat eine furchtbar schwere Aufgabe, da es der Verwaltungsrathssitzung vom 2. Mai eine Uebersicht der erzielten Resultate vorlegen soll. Es fehlen noch die Listen aus vielen Orten, wo nach Privatberichten sehr günstige Resultate vorliegen, so dass die Annahme gestattet ist, es sei weit mehr als das Minimum gezeichnet. Das Directorium kann sich aber natürlich nicht auf unbestimmte Schätzungen einlassen, sondern darf seine Beschlüsse nur auf feste Ziffern und Anzahlungen basieren. Demnach wird jeder die dringende Nothwendigkeit einsehen, die unterfertigten Zeichenformulare und Listen sofort nach London einzuschicken. Dies kann und muss unbeschadet der weiteren Annahme von Subscriptionen geschehen. Dann hoffen wir in der nächsten Nummer unseren Lesern und Freunden endlich die Mittheilung machen zu können, dass in der Sitzung vom 2. Mai 1899 die Jüdische Colonialbank ins Leben getreten ist. Vorläufige Zahl- resp. Conto-Correntstellen: Centrale I. The Jewish Colonial Trust (Jüdische Colonialbank) Limited, London E. C. Broad Street Avenue. London und englische Provinzen. London and Provineial Bank (Limited), London. 7 Bank Buildings, Lothbury. Holland. Lissa & Kann, Haag. Moskauer Internationale Handelsbank, Rotterdam. Deutschland. Julius Kalmus, Berlin, Winterfeldstrasse 13. D. Wolffsohn, Köln a. Rh., Karolingerring 27. Moskauer Internationale Handelsbank, Danzig. Moskauer Internationale Handelsbank, Königsberg i. P. Moskauer Internationale Handelsbank, Leipzig. Moskauer Internationale Handelsbank, Stettin. Frankreich. Societe Centrale, Paris, Rue de Provence 54 und 56. Moskauer Internationale Handelsbank, Marseille. Oesterreich-Ungarn. J. & A. Brecher, Wien, IX., Liechtensteinstrasse 2. Jüdisch-nationaler Bankverein, Kolomea. Rumänien. Heinrich Rosenbaum, Jassy. Rottenberg & Co., Braila. N. Theuen, Galatz und Berlad. Frati Finkeistein, Focsani. Leo Popper, Jassy.

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