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Die Welt · 1899-04-28 · 17 (28.4.1899) · p. 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
17 (28.4.1899)
Article
Sephiroth / B. F.
Date
1899-04-28
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 11 „f)ie A Weit“ Seite 3 Grauen eines Morgens, der die Sclaven sich winden sah unter den Peitschenhieben triumphierender Sieger, unter der Ahnung einer, die Form der Ewigkeit eingehenden Knechtschaft. Da kam die Pest der Verzweiflung, der Selbstaufgabe über seine Schüler, der nationale Nachwuchs starb hin, Israels Zukunft hatte keine Hoffnungen mehr, Das war Rabbi Akiba. Und was sind die Tage nach dem Passahfeste? Ja, sind denn das Freudentage? Ist das Befreiungsfest selber ein richtiges Freudenfest? Doch nur dann, wenn eine gewesene, eine versteinerte Freude noch Freude heissen darf. Nur unter das Eingangsthor, nur an die Schwelle unserer Geschichte ist die Freude und die Freiheit getreten. Nach kurzem Laufe kehrte sie dorthin zurück, von wo sie ausgegangen, und heute steht sie noch immer an der Schwelle, hat die Schwelle noch immer nicht überschritten. Ist das die wahre Ueberschreitungsfreude? Einst, als der Todesengel durch Aegypten schritt, sah er das Blutzeichen auf den Schwellen der Judenhäuser und gieng vorüber und verschonte sie. Wenn heute der Engel des Verderbens durch die Welt geht, schreibt er das alte Blutzeichen selber an die Judenhäuser, nur dass ers anders liest als in der alten Zeit. Und darum sterben unsere Besten, die Erstgeborenen unserer Kraft und unseres Geistes. „Sclaven waren wir in Mizraim.“ Ein Schulbeispiel des präsentisehen Perfectes für die Grammatikstunde! Hört. Ihr Kinder Israel: Sclaven waren wir in Mizraim, Sclaven sind wir noch heut in der ganzen Welt! „Da führte uns der Herr von dort heraus“: Das Exempel für historisches Perfect! Hört, Ihr Kinder Israel: Das ist etwas, was gewesen, was heute nicht mehr ist, wovon Ihr nur noch eine todte Erinnerung habt, am lebendigen Leibe verspürt Ihr nichts mehr davon! Wird nun der Zusammenhang klar? Begreift man, warum wir in den Sephiroth uns an das Sterben der Schüler Akibas erinnern sollen? In diesen Tagen nach dem Feste der Befreiung, die eine gewesen ist ohne dauernde Folge, ergreift uns doppelt stark die Trauer, die das Lehen des Rabbi Akiba verdüstert hat. Welch tiefe, thränenreiche Beziehung! Bitter ist Myrrhe, bitterer, wenn man vorher vom süssen Weine genippt hat. Bitter ist Knechtschaft, doppelt bitter in den Tagen der Sephiroth. Und wir zählen und trauern : Sephiroth! 4 * * Und wieder ist ein Passah ins Land gegangen. Wieder sangen wir, wie schon so oft, vom Passah der Zukunft. Wir wissen, als die Ueberlieferung den Ausdruck prägte, verknüpfte sie mit ihm messianische Hoffnungen. Aber man wird dabei, ohne der geheiligten Ueberlieferung seine Ehrfurcht zu versagen, an ein Passah der Vorzukunft denken dürfen. — Wie, wenn an dem Passah der Gegenwart, das wir vor einigen Wochen gefeiert, der Keim eines ganz anders gearteten, an dem wir die Geberden der Freien nicht bloss zu markieren brauchten, in den Boden unserer Geschichte wäre gesenkt worden? Die Schüler des Rabbi Akiba sind todt. Schüler des Akiba stehen wieder auf in unseren Tagen. Und wofür der herrliche Dulder gelebt, um dessenwillen sind sie erstanden. Auch sie wollen ihr Volk von neuem befreien. Nur dass sie an andere Waffen denken, als an die eisernen, die nach Blut gieren .... Der Traum, in welchem. Akiba sein Volk sich entsclaven sah, ist der dichterischen Anschauung freilich sympathischer. Aufsteigen bunte, lännerfüllte Bilder. Blitzende Schwerter, ringende Helden, zwischen hohen Berglehnen hallender Schlachtruf. Die Enkel sammeln Geld, nicht Kämpferscharen. Das Schlachtfeld: ein glatter Zahl tisch in einer von dem Tosen der Industrie erfüllten Riesenstadt. Und die Begeisterung der sich einst der Schlachtruf entrang, bringt jetzt einen Prospect zustande, der in den Tagen des Befreiungskampfes in die Welt geht. Und nun, in den Tagen des Zählens, zählen wir .... Wie nüchtern! Aber liegt nicht in dem Sephira-Gebot der Bibel eine Aufforderung zur Nüchternheit, zur immer wieder nach jedem Passah anzustellenden, kühlen, rechnungsmässigen Prüfung unseres Zustandes? Ob wir denn auch als Freie der Befreiung gedenken durften? Vielleicht, um eben dieser Nüchternheit unserer Kampfarfc willen werden wir mehr Glück haben als Bar-Kochba, der Mann der Sterne. Dort, in London, zählen sie. und das Haus Israel zählt mit. Und während wir zählen, denken wir inbrünstig: Es soll wieder ein Passah werden, ein echtes, lebendiges, darauf keine Sephiroth der Trauer folgen. Kein officielier, zur Schau getragener Jubel, und dann geht man heim und weint seinen sehr wirklichen Kummer aus. Nein, es soll fortgejubelt werden! Wenn wirs erreichen, dann wird das ganze, lange Golutli im Gedächtnis der Nation als Sephiroth fortleben, wo gl eicli die ganzen Jahrhunderte gezählt werden, damit man rascher über die trübe Zeit bin wegkomme. Bisher war das Passah ein „historisches“ Fest, die Sephiroth sehr actuell. Dann wirds verkehrt sein. Dann werden wir wirklich Befreite sein, und klagen werden wir mir zur Erinnerung und damit unser .Jubel desto herzlicher klinge. Wie Kinder sich weinend stellen und dann in ein tolles Gelächter ausbrechen. Wir zählen, mein Volk, wir zählen. Aber wir zählen und hoffen. Sephiroth! B. F. G Die Woche. W i e n, 26. April 1890, In Wien hat sich kürzlich ein Verein von Vegetarianern gebildet, der auf seinem salatgrünen Banner die Devise trägt: Juden dürfen nicht Vereinsmitglieder werden! Kein Beispiel illustriert wohl den wilden Fanatismus des Judenhasses deutlicher, als dieser judenreine Club spinatschlürfender Damen und Herren. Wer ist da noch immun gegen Judenhass, wenn selbst der Vegetarianer, dieses sanfteste aller Gottesgeschöpfe, dem Juden wüthend die Zähne weist?! Ach, unsere letzte Hoffnung erlischt mit der Gründung dieses Vereines. Wenn sogar die zartbesaitete Avantgarde der Gutmüthigkeit beim Anblick eines Juden sich nicht enthalten kann, irgendeine unheimlich spitze Möhre gegen die Semitenbrust drohend zu zücken, dann darf Israel überhaupt von niemandem mehr freundschaftliches Entgegenkommen und Schonung erwarten. Die weichen Seelen, die keinen Sperling vom Dache schlossen und keiner Henne ein Haar krümmen möchten, träumen, wenn sie rothe Rüben essen und die purpurne Farbe der Sauce blutrünstige Phantasien weckt, von einer jüdischen Bartholomäusnacht, und wenn sie an einem Kohlkopf semitische Schädelformen zu entdecken glauben, dann stossen sie mit finsterem Grimme das Messer bis ans Heft in das Gemüse und der Appetit, mit dem sie den Kohlkopf hinunterschlingen, hat etwas erschreckend Kannibalisches an sich. Sie, die es nicht verschmähen würden, mit dem uncivilisiertesten Hammel auf ein- und demselben Wiesenteppich um die Wette zu grasen, haben das Tischtuch zwischen sich und den Juden ent-

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