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Die Welt · 1899-04-28 · 17 (28.4.1899) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
17 (28.4.1899)
Article
Primeltag
Date
1899-04-28
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Zelte 2 „Die 2$5*WeItu §k. tl waren, suchten als Politiker ihr Judenthum ihrer Zeit zu assimilieren, Beaconsfield hat seine Zeit dem Judenthum seiner Grosseltern assimiliert. Es sind eigentlich zwei uralte jüdische Instincte, welche im Grunde alles Wollen und Wirken Disraelis bestimmten. Jeder Jude hat seine Idealwelt, in welcher es keine Selbstsucht und irdische Gemeinheit gibt, eine Welt reinster Menschlichkeit und erdentrückter Vollendung; im reichsten und angesehensten Juden lebt immer ein Funke von sozusagen metaphysischer Unzufriedenheit; eine ewige Sehnsucht nach dem Glücke, das kein Reichthum und kein irdisches Gemessen gewährt. Disraeli war dieser Idealismus als Erbe der Väter in hohem Grade eigen, und zu einer Zeit, da ganz England gefüllte Kornspeicher und unumschränkten Credit als das höchste Gut im Leben des Einzelnen wie des ganzen Volkes ansah, erklärte er als junger Mensch diesem Ideale der Börse und des Fabrikantenthums einen unerbittlichen Krieg. Es wäre eine lohnende Aufgabe für einen Literaturforscher, dem weitverbreiteten Vorurtheile entgegenzutreten, als hätte der Amerikaner Emerson in Verbindung mit dem Schotten Carlyle zuerst die liberale Selbstzufriedenheit der englischen Handels- und Gewerbewelt erschüttert; die Arbeit wäre ebenso fruchtbar als leicht. Beaconsfield warnte vor Entartungen des Manchesterthums zu einer Zeit, da jedermann England mit seinem ungeheuren industriellen Aufschwünge für die beste aller möglichen Welten erklärte. Das zweite Moment, kraft dessen Beaconsfield geradezu der Schöpfer des neuen Geschlechtes wurde, war die zweitausend Jahre alte Sehnsucht nach der grünen Erde, die Wertschätzung des Bodens als des Bestehenden, Ewigen, Unveränderlichen mitten in dem Wandel der Werte und Güter dieser Welt. Heute ist es beinahe ein Gemeinplatz geworden, die Rückkehr zum Boden als etn Heilmittel gegen alle möglichen socialen Schäden zu verlangen. Beaconsfield war in England der Vater dieser Idee. Er wusste, was der Boden einem Volke bedeutet! Wir Juden haben papierene und metallene Reichthümer zu den verschiedensten Zeiten und in allen möglichen Ländern besessen — was ist aus den Millionen geworden, um derentwillen man uns überall beneidet und verfolgt? Was haben uns diese vielberufenen Millionen in England, später in Frankreich, dann wieder in Spanien und in Russland genützt? Das eine Geschlecht schwitzt und darbt und spart — das nächste vergeudet das Ersparte oder es wird ihm genommen, auf die eine oder die andere Art. Im Mittelalter wendete man Gewalt an; heute besorgen die Töchter der Millionäre, welche Barone und Grafen heiraten, diese Arbeit mit friedlichen Mitteln. Diese Thatsache ist so wohl bekannt und doch wird sie fast niemals im Zusammenhänge mit dem zionistischen Gedanken betont. Wir Juden haben altadelige Familien in grosser Zahl; aber ihr Wappen ist nicht durch Geld erworben worden, sondern durch Frömmigkeit und Wissenschaft. Wir haben Beispiele, dass die Gelehrsamkeit Jahrhunderte hindurch bei einer Familie verblieb, aber man wird kaum, einen einzigen Juden anführen können, der zehn reiche Ahnen aufzuweisen vermöchte. Disraeli wusste dies so gut, wie es jeder von uns weiss; aber er zog die Schlussfolgerungen aus der Thatsache, wir thun es nicht. Es hat lange gedauert, bis wir Disraelis Sehnsucht nach dem Boden verstanden. „Das Volk, welches unter dem nördlichen Himmel Englands und Polens, in abstossend niedriger Umgebung, es nicht vergessen hat, die Zeit der Weinlese zu feiern und Gott für die Segnungen des Bodens zu danken — dieses Volk ist berufen, auf dem Boden seiner Väter die nie erloschene Erinnerung zur Wahrheit zu machen.“ So ungefähr prophezeite Disraeli vor einem halben Jahrhundert: jetzt geht die Wahrsagung in Erfüllung; » Sephiroth. „Und Ihr sollt zählen vom anderen Tage nach der Feier sieben Wochen.“ Der andere Tag nach der Passahfei er ist der Tag des Omer-Opfers, das aus der Frucht der Frühlingsernte bereitet wurde. Seit vielen Jahrhunderten zählt Israel, der Vorschrift gemäss; Heute ist der erste Tag, heute ist der zweite Tag des Omer, und die Zählung geht weiter bis zum Feste der Gesetzgebung, das am fünfzigstenTage gefeiert wird. Um sich den Grund der biblischen Anordnung zu erklären, könnte man an primitive Zeiten denken, die keinen geschriebenen, geschweige denn einen gedruckten Kalender kennen, und wo die Zahl, auf ihre .Entstehungswurzel, das Zählen, zurückgefülirt wird. Selbst als schon der Kalender eingerichtet war, zählte Israel fort. Und heute kommt es vor, dass wir im Kalender nachselien, um in die Zählformel der Sepbirah die richtige Zahl einzusetzen. Da haben wir ein hübsches Beispiel für die Entwicklung unseres Wissens. Das Kind belehrt die Mutter, an der feststehenden Zahl prüfen wir die Sicherheit unserer Zählung. Wir vertrauen dem Kalender, aber wir zählen fort, weil es einmal so angeordnet worden. Das ist so unsere Art, die die Völker immer wieder zum Staunen nöthigt: Die erste Form bleibt uns heilig, wenn auch der Zweck, dem zuliebe sie gesetzt ward, längst auf anderem rationelleren Wege erreicht wird. Wir haben also eine Zählung, deren eigentlicher Zweck sich verloren hat, eine todte, leere Zählung. Aber Israel, einerseits zu conservaliv, um die Form abznstossen, ist andererseits zu spirituell, um sieh mit todten Dingen zu befassen. Es bestattet seine Leichen nicht, aber es belebt sie. Es duldet nicht, dass eine Einrichtung ohne Seele bleibe. Und ist die alte, müde Seele entflohen, gut, dann wird eine neue eingehaucht, lind .bald ist sie in dem alten Körper heimisch und durchdringt ihn bis in die letzte Faser. Eine neue Seele war für die alte Sepbirah notliwendig geworden. Sie wurde gefunden. Israel erinnerte sich, dass in eben diesen Wochen nach dem Passahfeste die Schüler des Rabbi Akiba hinstarben zu vielen Tausenden. Eine furchtbar ePest brach in die lerngierige Riesenmenge ein und legte sie scharenweise ins Grab. Die Nation empfand das Unglück so tief, dass sie sich ewige Trauer auf erlegte. Die Sephirazeit wurde eine Zeit der Klage, des Weinens. Tn die alte Formel der Zählung kam ein seufzender Klang. Die Worte sind die althergebrachten, in ihnen aber schluchzen Obertöne s Das ist der erste, das ist der zweite Tag des grossen Sterbens! . . .. Die Sepbirah liat eine neue Seele erhalten. Musste es gerade diese sein? Geist des Akiba, warum willst Du dass das Festtagskleid, kaum warm geworden auf unserem Leibe, wieder in den Schrank wandere und dass wir Trauerkleidung anlegen und in unendlicher Klage uns ergehen? Wer war dieser Rabbi Akiba, dass das Sterben seiner Schüler uns so theuer und wichtig ist? Ein Nationalgesinnter, der nationale Gesetzlehrer kat exochen. Sohn armer Eltern, im Elend aufgewachsen, unter unerhörten Entbehrungen lernend. Die materielle Noth trug er und murrte nicht. Die Noth um sein Volk drückte ihn zu Boden. Er konnte sich Israel nicht als S^avenvolk denken. Seine Brüder mussten frei sein auf freiem Boden. Sein ganzes Leben war ausgefüllt von dem Gedanken der Wiederbefreiung. So verband er sich mit dem Aufstande des Bar- Kochba, sein Feuergeist lief durch die Scharen der Kämpfer. Bar-Kochba fiel, Akibas herrlicher Traum zerflalterte im

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