Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1899-04-21 · 16 (21.4.1899) · p. 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
16 (21.4.1899)
Article
Die Goldschilds
Date
1899-04-21
Page
16 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3315796-3315813-3386638--12190-3386758
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 16 „Die Welt“ Nr. 46 Nur waren seine Gefühle jetzt in das Unendliche gewachsen. Aber im Greise erwachte wieder das sehnende Kind und leise und inbrünstig flehten seine rothen Lippen das einzige Wort: „Vater!“ War es nun nur eine pietätvolle Erinnerung an den alten-Dorfgeher Joseph Goldschild oder war es ein Gebet zum alten Gotte Israels, das sich dem Munde des freigeistigen Dr. David entrungen? X. Dr. Goldschild sollte indess gar unerwartet rasch und rauh an die Dinge dieser Erde gemahnt werden. Ebenso langsam und feierlich, wie er auf den Balcon emporgestiegen, trat er den Rückweg an. Aber noch hatte er den Fuss nicht auf die grüne Moosdecke gesetzt, als ein gedämpftes, klagendes Geräusch an sein Ohr drang. Betroffen blieb er stehen und lauschte gespannt. Hatte das nicht wie das Seufzen eines Kranken geklungen? Wie jenes unruhige, gequälte Aufstöhnen, das er so oft am Lager von Fiebernden vernommen? Und jetzt — noch einmal. Diesmal war das Aechzen von dem Geräusche eines sich auf hartem Lager bewegenden Körpers begleitet gewesen. In der nächtlichen Stille ringsumher, die die Sinne schärfte, klang es ganz deutlich. So scharf Dr. David aber auch Umschau hielt, er vermochte kein lebendes Wesen zu entdecken. Nach wie vor grünten die hochstämmigen Palmen und breitblätterigen Cacteen. von der unsicheren Helle der nordischen Winternacht umzittert, in der todten Regungslosigkeit des Gewächshauses, die nicht das Rauschen windbewegten Laubes kennt. Wie wäre ein Mensch zu dieser Stunde in den Wintergarten des Baron Tsak gelangt? Der spukfeste Arzt suchte sich den Vorgang als eine Sinnestäuschung zu erklären und schickte sich an, den Rückweg an zu treten. Aber noch ehe er den Ausgang des Palmenhauses erreicht, ertönte ein tiefes, anhaltendes Seufzen dicht neben ihm.* Da war es nun nicht mehr möglich, an eine Einbildung zu glauben. Der klagende Laut schien aus der Mauer, die an dieser Stelle gerade eine vorspringende Ecke bildete, gedrungen zu sein. Dr. David fragte vorerst mit lauter Stimme, ob jemand anwesend sei. Als aber keine Antwort erfolgte, begann er, mit der Hand die Wand abzuklopfem Schon wenige Schritte weiter entdeckte er eine hölzerne Thüre, die durch ihren Anstrich derartig geschickt verborgen war, dass kein Uneingeweihter sie von dem Mauerwerke Unterschied. Nach einigem Tasten fand David auch den Knopf, mit dessen Hilfe sich die geheime Pforte öffnete. Hätte man jedoch erwartet, eine zweite Feenlandschaft Zu schauen, so wäre die Enttäuschung arg gewesen» Durch die Thüre gelangte man in einen schmalen, kellef artigenRaum, dessenWände nicht einmal getüncht waren. Am äussersten Ende führte eine Stiege aus rothen Backsteinen in eine gähnende Tiefe. Längs der Mauer lief ein zweifächeriges, roh gezimmertes Gestell hin. Auf dem Erdboden - und im unteren Fache standen thönenie Blumengeschirre» blecherne Giesskannen und sonstiges Gartengeräthe. Auf dem oberen dagegen lag eine dunkle menschliche Gestalt ausgestreckt. Da das unfreundliche, feucht-kalte Gelass Licht und Luft nur durch ein ganz kleines Fensterchen erhielt» bedurfte es einiger Zeit, ehe sich die Augen des Arztes in der neuen Umgebung zurecht fanden. Dann aber erkannte er in der befremdenden Gestalt ein junges, etwa zehnjähriges Mädchen, das auf dam harten Lager fest zu schlummern schien. : Ein dünnes Kleidchen umhüllte als einziger Schutz die zarten Glieder. Die Füsse waren bloss, das eine Knie aufgezogen. Der eine Arm hieng schlaff über die Brüstung des Brettes herunter, während der andere in Gemeinschaft mit einem Strohbündel dem Kopfe als Kissen diente. Das süsse Kindergesicht umrahmte langes, braunes Haar, das sich in weichen Strähnen bis auf die zarte Brust ringelte. Als sich der Arzt über die anscheinend friedlich Schlummernde beugte, hörte er ihren keuchenden, pfeifenden Athem. Er legte die Finger an ihre Wangen, die eine heisse, dunkle Glutli überzog. Der alte David nickte mit dem Kopfe, als sähe er eine im Stillen gehegte Vermuthung bestätigt. „Natürlich — hochgradiges Fieber! murmelte er. „Das Kind kann sich hier den Tod holen! Wie sie nur in dieses feuchte Loch gerathen ist? Ist denn in diesem byzantinischen Hause alle Jugend zum frühen Welken verdammt!“ Dann versuchte er es, die Schlafende zu wecken. Aber 'das gelang nicht mehr. Die Glut des Fiebers hatte dem Mädchen bereits die Besinnung geraubt. Von ihren Lippen klangen wirre, unzusammenhängende Worte. Kurz entschlossen nahm Dr. David die Kleine in seine Arme und trug sie die wenigen Schritte in das Palmenhaus. Dort bettete er sie auf die weichen Moosteppiche. Die dürftige, schlecht genährte Kind er gestalt, deren trauriger Jammer in der prunkvollen Umgebung nur umso widerwärtiger ins Auge sprang, musste in ihrer Unschuld jedes Herz rühren. Wie der Arzt an ihrer Seite kniete, starrte das Mädchen den fremden Mann plötzlich unverwandt an und faltete bittend die kleinen, hart gearbeiteten Händchen. Dr. David meinte, das Kind habe die Besinnung wieder erlangt und hielt sein Ohr direct an ihre Lippen, um die flüsternden Laute zu verstehen. Aber als hätte dieser Kindermund ihm den ärgsten Schimpf ins Gesicht geschleudert, fuhr er entsetzt zurück und legte der Fiebernden unwillkürlich die Hand mit den Worten auf den Mund: „Unglückliches Kind — sei still!“ Denn das dünne, reizende Sümmchen hatte ihn gar flehentlich gebeten: „Lieber Herr Kaiser — jage doch die Juden aus dem Lande!“ Was musste an diesem jungen Herzen verbrochen worden sein, um ihm den Hass und die Unduldsamkeit so tief einzupflanzen! (Fortsetzung folgt.) Briefkasten der Redaction. Wir ersuchen, Berichte über zionistische Veranstaltungen stets mit der Vereinsstampiglie zu versehen. Manuscripte sind nur auf einer Seite zu beschreiben. Jude, Dorna-Watra. Anonyme Anfragen können nicht beantwortet werden» D. B. Gedichte nur ausnahmsweise. Deborah. Leider nicht verwendbsr. M., Riga. Ihr Gedicht ist gelungen. Wir übergeben es den Studenten zu gelegentlichem Vortrage. Heinrich Fr., Focsani. Wir können nicht gegen alle unwahren Berichte polemisieren. B. F., Dorna-Watra. Von der Sache haben wir bereits Notiz genommen. Wir werden sie weiter verfolgen. $. K—r., Königsberg. Besten Dank. Aber selbst die kleinste Notiz wäre eine allzu grosse Ehrung. Leo B . .Ismail. Wir begreifen Ihr Schreiben nicht. Erstens ist Ihr Wunsch erfüllt worden, zweitens wäre auch die Nichterfüllung keineswegs darnach angethan, einen wirklichen Zionisten zu solchen Schritten zu veranlassen, wie Sie ankündigen. Herausgeber; P, Naschauer. Verantw. Red,; Dr. Siegm. Werner. Buchdruckerei „Industrie“ (S. Bergmann) VIII., Schlösselg. 11

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.