Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 16 (21.4.1899)
- Article
- Der Auszug
- Date
- 1899-04-21
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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Ar. 16 „Die A Welt“ Leite 15 auf seinen Hirtenstab. Vor ihm erhob sich in gewaltiger, von zahlreichen tiefen Klüften durchbrochener Granitmauer der drohend majestätische Sinai mit seinen wundersam verschnörkelten Spitzen. Streng und finster stand der Sinai da, und finster rauchte es auf seinen grauen Höhen. Die Herde hatte sich weit nach allen Enden der grossen Steppe zerstreut, und ihr grosser Hirt hatte gleichsam ihrer vergessen, unablässig von seinen Gedanken verfolgt. Da erscholl plötzlich eine mächtig rufende Stimme: „Mosche, Mosche!“ „Ich bin bereit!“ — rief freudevoll der künftige grosse Führer des jüdischen Volkes, als hätte er schon längst diesen Ruf erwartet. Und die Stimme sprach „Ich bin der Gott Deines Vaters, der Gott Abrahams, Isaks und Jacobs. Und ich sah die Leiden meines Volkes inmitten der Aegypter, und ich hörte sein Seufzen unter seinen Bedrängern, und all seine Schmerzen habe ich gesehen. Und ich stieg hinab, es zu erretten aus den Händen der Aegypter und es zu führen in ein schönes, weites Land, in ein Land, das da überfliesst von Milch undjHonig. Das Gestöhn der Kinder Israels ist zu mir gelangt, und ich sah die Bedrängnis, mit der die Aegypter sie bedrängen. Und nun gehe, Dich schicke ich zu Pharao und Du sollst sie hinausführen aus dem Lande Mizraim.“ Und ermuthigt durch diesen Zuruf, gestärkt durch die mächtige Himmelsstimme entschied er, dass der grosse Moment, den er so lange auf seinen Streifzügen durch die Wüste herbeigesehnt, nun endlich gekommen sei. Und Mosche gieng und kehrte zu Jissro zurück und sprach zu ihm : „Ich will gehen und zurückkehren zu meinen Brüdern in Aegypten und will sehen, ob sie noch am Leben sind." Und es erwiderte Jissro: „Gehe in Frieden!“ Es war an einem brennend heissen Mittage. Der gewaltige, zur Regenszeit breite Nil ist um die Hälfte zusammengeschrumpft und wälzt träge seine schmutzigen Wässer durch den geschwärzten, ausgedörrten Morast hindurch. Gleichsam erschöpft stehen die Palmen und Sykomoren, verschmachtet hängen die versengten Blätter und Zweige herunter, mit feinem, durch den rasenden Chamsin hergewehten Wüstensand bedeckt, der ihnen eine weisse Farbe verleiht. Alles ringsum ist so trist und öde von diesem entsetzlichen, alles versengenden Brennen der Sonne und Rasen des Windes. Die gleichsam durchglühte Luft ist gänzlich von dem noch glühenderen Sand geschwängert, der feinen Fünkchen gleich, den Körper sengt. Still, abgestorben ist alles auf den Strassen Tanis, und nirgends ist die Spur eines lebenden Wesens zu sehen. Alle, die nur über ihre Zeit und Person verfügen können, liegen versteckt in ihren Häusern, in den Palästen, Tempeln, im kühlenden Schatten der künstlich bewässerten Gärten, inmitten springender Fontänen, sich an kühlenden Getränken iahend. Selbst die Thiere hielten es unter den glühenden Strahlen nicht aus und lagerten sich irgendwo unter dem Schatten der Bäume, im Morast oder im Schilfrohr des Nil. Nur für die Sclavön gibt es keine Rast, kein Erbarmen. Unter der gleich einer Flamme sengenden Sonne, die den nackten, zerfetzten Leib umbarmherzig durchglüht, bis zur Ohnmacht gemartert von den furchtbaren Inseeten, die^ ihren Stachel in die blutenden Wunden versenken, unter dem unaufhörlichen Knalle der geschwungenen Peitschen, arbeiten sie bis zur letzten Kraftanstrengung, bis zum letzten Athemzuge, zum Ruhme und Preise der „grossen" Pharaonen. „Wie qualvoll und doch zugleich wie freudig hebt sich das Herz in meinem Busen, wenn ich Euch, meine vielleidenden Brüder sehe,“ sprach Moses leise vor sich hin, auf einem Felsen stehend und von ferne die unter den fürchterlichen Lastarbeiten verschmachtenden Sclaven betrachtend. — „Ach, wie gerne möchte ich Euch alle umarmen und Eure schicksalsverfolgten Häupter kräftig ans Herz drücken. Thränen netzen mein Auge; aber das sind Thränen der Freude. Entzücken und Angst füllt mir das Herz. Wie werdet Ihr die Botschaft der Befreiung vernehmen, ihr staubgetretene Parias, die ihr schon vier Jahrhunderte den Kopf unters Sclavenjoch beugt? Werdet Ihr der Verkündung Glauben schenken, dass Ihr noch leben könnt als die freien Söhne eines freien heimatlichen Landes, dass Ihr sogar Ruhm und Herrlichkeit erlangen und verdunkeln könnet den eitlen Flitterglanz Eurer Feinde und Folterer, der auf die rohe Kraft der Faust sich gründet? Nur der wird frei, der seine Knechtschaft hasst, und Grosses vollbringt nur der, der seinen Kräften vertraut. Alles vermag der Mensch, der im Wollen und Wünschen stark ist. Ich will bis zum Abend warten, da die Arbeiten ruhen, dann will ich die Aeltesten rufen und ihnen die grosse Botschaft verkünden. Nun aber will ich gehen und die Orte sehen, an denen die Jahre meiner heiteren Kindheit und goldenen Jugend dahinflossen, da mich noch nicht die mächtige Liebesflamme zu meinem Duldervolke verzehrte. O wundervolle, mächtige Flamme, die in meinem schwachen Menschenherzen der allmächtige Schöpfer gezündet! Möge sie leuchten und nimmer verlöschen die grosse Liebesflamme. bis ich den Geknechteten die Freiheit gegeben, bis ich mein Volk in seine Heimat geführt! . . . Wie schwach, wie gering war ich früher, wie glückselig, wie machtvoll jetzt durch die Liebe zu Dir, mein angestammtes Volk. Und Grosses, Unerhörtes vollbringe ich für Dich, wenn Du mir nicht die Gefolgschaft verweigerst! . . . (Schluss folgt.) Die Goldschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (15. Fortsetzung.) Weihevolle Andacht zog in Davids Herz ein. Eine unendliche Sehnsucht erfasste seine Seele — ähnlich der, •die er vor Jahren nach Vereinigung mit der Erde empfunden. Aber sein Wille war klarer, geläuterter und heisser. Jetzt verlangte er nicht mehr, in der Scholle zu wurzeln, sondern in dem unermesslichen Firmamente, das sich um die ganze Erdkugel, ausbreitete, aufzugehen. Die Nähe der Sterne, des Mondes und der Sonne — das war das wunschlose Glück. Und langsam — langsam begann er die gewundene Treppe hinaufzusteigen, deren mattes Gold sich in dom Laube der Baumkronen verlor und die in die Nähe des Himmels zu führen schien. Oben — auf dem in der Mitte der Gipfel schwebenden Baikone angelangt — stützte er die Arme auf das kunstvolle Geländer und starrte bald hinunter in die moosbewachsene Tiefe, die die Laune eines Millionärs geschaffen, bald hinauf in das glitzernde Sternenmeer, das sich über die ganze Menschheit wölbte. Und während er so das Grossartige der Schöpfung auf sich einwirken Hess, schlichen sich allmählich in seine Seele längst verblasste, aber noch immer heilig gehaltene .Bilder. Er sah sich im Geiste in die erste Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts zurückversetzt — in das kleine böhmische Städtchen — wie er als Knabe jeden Freitag nachmittags dem alten Joseph auf der staubigen Landstrasse entgegen gelaufen. Wenn er damals der gebeugten Gestalt des Dorfgehers ansichtig geworden, hatte er etwas Aehnliches empfunden, wie jetzt, wo die Sehnsucht nach dem Grossen und Mächtigen in seiner Seele so tiefe Accorde anschlug.