Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 16 (21.4.1899)
- Article
- Lemberg
- Date
- 1899-04-21
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 16 „Die Welt44 Seite 11 Klage eingelaufen, dass er ein russischer Unterthan sei und daher (!) in Oesterreich keinen Grund und Boden ankaufen könne. „Glücklicherweise“ konnte der Jude aber bald seine österreichische Unterthanenschaft naehweisen und wird nun gewiss auf einen neuen Erlass warten können, der offenbar dem Schlachzizenverkäufer die Wiedernahme des Gutes verschaffen dürfte. O, du mein Oesterreich! Bolechöw. Diejenigen, welche an die Verheerungen des galizischen Antisemitismus in der jüdischen Handelswelt nicht glauben, mögen sich darüber bei den hiesigen Vietuahen- und Specereihändlern erkundigen. Diese Armen wissen davon ein trauriges Lied zu singen. Seit mehreren Wochen hat sich in der hiesigen Saline ein Consumverein aus sämmtiichen Salinenarbeitern gebildet, welcher alle nöthigen Lebensmittel aus rein arischen Quellen bezieht. Hierdurch haben die hiesigen Greissler eine Einbusse an circa 100 Kunden erfahren. Jetzt spricht man schon von einem Beamten-Consumverein. Ueberall herrscht offenbar die Absicht vor, den jüdischen Handelsleuten und Krämern die Existenz unmöglich zu machen. Diese Thatsachen öffnen den hiesigen Juden ohne Unterschied der Richtung die Augen. Sie sehen die Trostlosigkeit ihrer Lage ein. Leute, die nie von dem Zionismus wissen wollten, zeichnen Actien für die Jüdische Colonialbank, deren Prospecte hier die Herren E. Landau und H. K u d i s c h mit wahrer Begeisterung für die grosse Action des jüdischen Volkes vertheilen. Die „Oesterreichische Wochenschrift“, welche gegen den Zionismus mit denselben kniffigen Mitteln kämpft, wie gegen den Antisemitismus, ruft hier grosse Entrüstung hervor. Niemand begreift es, wie ein jüdisches Organ, es wagen kann, unsere Führer, denen jeder wahre Jude nur Dank und Hochachtung zollt, wie einen Gregorig und Schneider zu ironisieren und zu beschimpfen. Wir hoffen, dass dem Herausgeber dieses Blattes und seinen Knappen bald das nicht gerade reinliche Handwerk gelegt wird. Paris. Noch immer will es in der „Affaire“ zu keiner wichtigen Entscheidung kommen. Trotz aller Enthüllungen, trotz aller Bemühungen, über die verschiedenen Machinationen des Jahres 1894 Klarheit zu verbreiten, gibt es jeden Tag neue Entdeckungen und Gegenentdeckungen, so dass das riesige Actemnaterial immer noch weiter anwächst, und bereits eine gewisse Ermüdung überall platzzugreifen beginnt. Bezüglich der Aussage des Capitäns Freystätter über die dem Kriegsgerichte vorgelegten Geheimacten thoilt Herr Honnorat dem Cassationshofe mit, der Capitän hätte am 12. v. M. hei Hrn. Lannessan folgende Erklärungen abgegeben : 1. Dass die Mitglieder des Kriegsgerichtes von 1894 in ihrem Berathungszimmer „eine Art Biographie Dreyfus’, die alle belastenden Momente umfasste“ und der das Schriftstück „Cette Canaille de D . . .“ beigegeben war, mitgetheilt erhielten; 2. dass nicht diese Mittheilung für seine Ueberzeugung massgebend war; 8. dass seine Üeberzeugung sich in erster Linie auf die Aussagen der Sachverständigen stützte, die das BordereauDreyfus zuschrieben; 4. dass die Aussagen Henry’s massgebend waren, denen zufolge seine Vorgesetzten wussten, dass Dreyfus schuldig wäre, was er bei seiner Ehre beschwor. Capitän Freystätter, der im guten Glauben gehandelt hatte, begann erst nach der Veröffentlichung des Bordereaus zu zweifeln und theilte seine Zweifel dem Obersten Liantey mit. — Am 18. d. M. begannen vor dem Zuchtpolizeigeiichte die Processe gegen die verschiedenen Ligen, gegen welche bekanntlich nach dem tollen Aufwiegelungsversuch Derouledes die Regierungenergisch vorzugehen beschloss. Das Gericht verurtheilte die angeldagten Mitglieder der „Ligue des droits de 1’homnie“ zu je 16 Francs Geldstrafe. Es handelt sich bei dieser Verurteilung natürlich nicht um die Höhe der Strafe, sondern um das Factum der Verurtheilung selber. ImProcesse gegen die national-antisemitische „Ligue de la Patrie franeaise“ erklärte der bekannte Schriftsteller Francois C o p p e o : „Wir werden uns trösten, wenn wir verurtheilt werden, die Auflösung der Liga würde uns allerdings tiefer berühren. Wir werden dann trachten, trotzdem, wenn auch mit anderen Mitteln, ans Ziel zu kommen.“ Es scheint, dass die Regierung selbst mit der Auflösung der bestehenden Ligen nicht viel erreichen wird. England. London, 14. April. Die Kalischer Synago g e (Fastend), war Sonntag abend von einer zahlreichen Versammlung erfüllt, die auf Einladung der Zionist National League erschienen war, um zur Gründung der Jüdischen Colonialbank Stellung zu nehmen. Mr. Herbert B entwich, der den Vorsitz führte, gedachte im Eingänge seiner Ausführungen der seligen Baronin Hirsch, die, dem Beispiel ihres Mannes folgend, sich um die Wohlfahrt, des jüdischen Volkes bemüht habe. Mr. B entwich sagte sodann : „Unsere Versammlung an diesem Tage und an diesem Orte bedeutet für unsere Gegner eine Lection. Wir versammeln uns im Gotteshause, weil unser Werk ein heiliges ist, ein .Gotteswerk nach unseres Herzens tiefster Ueberzeugung, Es ist richtig, dass der Herausgeber des „.Jewish Chronicle“ über den Erfolg unserer Unternehmung Thränon vergossen hat. Unter Thränen hat er alle Welt, aufgefordert, uns active Opposition zu bereiten. Diese Anregung kommt ein wenig verspätet. Die Opposition, mit der wir uns bisher zu befassen hatten, war ja keine passive, sondern eine nur zu sehr thätige. Wenn sich also die Opposition ändern soll, so kann sie das nur in der Richtung der allgemeinen, entschiedenen Forderung, gegenüber Zionismus und Zionisten endlich einmal fair play walten zu lassen. Unsere Führer, unsere Freunde, die uns geneigten Financiers, wurden mit demBoykottbedroht. Wir aber haben der Obstruction mi.t Versöhnlichkeit begegnet und alles versucht, um mit unseren Gegnern in Frieden uns auseinanderzusetzen. Viele Leute sind unzufrieden mit dem Gedanken, eine Bankinstituton als finanzielles Instrument des Zionismus zu verwenden. Das subskribierte Geld — ich bin glücklich, dies sagen zu dürfen — wird als ein heiliges, uns vom Vertrauen des jüdischen Volkes überantwortetes Gut und'darum rein von gewöhnlicher Speculation gehalten werden. Unlängst traf ich einen Herrn, der in den höchsten Kreisen unserer Gegner verkehrt, aber — ein zionistischer Maranne — unserer Bewegung im Stillen geneigt ist; er gratulierte mir zu unserem Unternehmen, fand es aber bedauernswert, dass wir nicht das Wort „Jüdisch“ aus dem Titel ausmerzen. „Niemals!“, war meine Antwort, „werden wir den jüdischen Namen ausmerzen! Es ist unser Stolz und die Bürgschaft für den jüdischen Charakter der Bank!“ Wenn durch irgend einen Zufall unser Plan zunichte wird und es — wie manche Leute hoffen — zu einer finanziellen Katastrophe kommt, so wird uns kein Tadel treffen dürfen, denn wir haben unsere Pflicht gegen unser Volk erfüllt. Der Tadel wird auf diejenigen zurückfallen, die sich abseits gehalten oder verhindert haben, dass uns die nöthige Unterstützung zutheil werde.“ Auf eine Besprechung der palästinensischen Verhältnisse und Aussichten übergehend, citierte Mr. Bentwich Auszüge aus den Berichten der britischen Consuln in Jerusalem und Beyrut. Es geht daraus hervor, dass nicht nur der Handel von Palästina von Jahr zu Jahr zunimmt, sondern auch die jüdischen Colonien eine Quelle von Vortheilen für das Land bedeuten. „Wir wollen das Beste unseres Volkes. Wem es hierzulande gut geht, der bemühe sich doch wenigstens, eine Zufluchtsstätte zu schaffen, wohin er manch ehrenhaftes und fruchtverheissendes Leben leiten mag, zu seinem und der Menschheit Nutzen. Der Zweck der Bank: Die Gewinnung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina, ist durch die Statuten der Bank für immer gesichert. Die Controlle wird in den Händen der Delegierten des grossen Baseler Congresses liegen.“ Mr. Bentwieh erklärte noch das Wesen der Grünilershares und schloss mit der Aufforderung, zu subscribieren, „jeder nach Massgabe seines Vermögens.“ Mr. B. Ritter beantragte hierauf folgende Resolution : „Die Versammlung verpflichtet sich, die Jüdische Colonialbank mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln zu unterstützen.“ Redner beglückwünschte die Eunctionäre des Kalischer Tempels zu ihrem Entschlüsse, die Thore ihres Gotteshauses der zionistischen Bewegung zu öffnen und sprach die Hoffnung aus, dass auch alle anderen Eeastender Synagogen diesem Beispiele folgen werden. Rev. L.Franklin, der sich als „alten Colonisten“vorstellte, bestätigte, dass die Jüdische Colonial bank dem Heiligen Lande ungemein nützen werde. Mr. E. Ish-Kishor brandmarkte die Haltung des „Jewish Chronicle“ als ChiJlul häschern. Es sei. eine Schande, dass eine jüdische Zeitung das Unternehmen der Bank als „Börsenspiel“ zu bezeichnen wage. Nachdem die beantragte Resolution mit Acclamation angenommen worden, erklärte der Vorsitzende, seine eigenen Kinder hätten zehn Shares genommen, und händigte dem Secretär der League den auf diesen Betrag lautenden Checjue ein. Der Präsident der Tempelverwaltung erwiderte den ihm und seinen Collegen dargebrachten Dank mit dem prächtigen Worte: Einer Sache, die im Tempel angegriffen worden sei, müsse der Tempel auch zur Vertheidigung zur Verfügung gestellt werden. Die Versammlung schloss mit der Anmeldung von mehr als 100 Shares.