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Die Welt · 1899-04-21 · 16 (21.4.1899) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
16 (21.4.1899)
Article
Mit dem Aussterbe-Etat
Date
1899-04-21
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „Die H Welt“ Nr. 16 eine neue Blüteperiode des Judenhasses herannaht. Am 18. April fand in Wien die Gründung des „Deutschnationalen Vereines für Oesterreich“ statt, der die Grundsätze des germanischen Rassenantisemitismus über die ganze Ostmark verbreiten soll. Ein Witz. Der Abgeordnete Gregorig hat am 17. April im niederösterreichischen Landtage in Form eines Zwischenrufes wieder einen seiner ordinären „Witze“ gemacht. Er lautet: „Das sind ja keine Menschen, das sind ja Juden“. (Schallendes Beitallsgelächter seitens der gesummten christlichen Bevölkerung Niederösterreichs.) Die Beschwerde der Postmeisterin. Vor dem Reichsgerichte erschien am 18. April ein Fräulein Augustine Sc hieiss n e r als Beschwerdeführerin gegen das Postärar. Die Klägerin hat im Jahre 1878 ihre Postexpedienten-Priifung gemacht und war sodann mit kurzen Unterbrechungen bis zum Jahre 181)8 im Dienste der Post. Zuletzt war sie in Graupen als Postmeisterin angestellt, wurde jedoch nach fünfjähriger Amtierung plötzlich entlassen. Auf ein Majestätsgesuch hin habe sie dann hei der Prager Postdirection eine Stelle als Manipulantin erhalten, wurde aber auch hier ohne Grundangabe plötzlich entlassen. Sie verlangt nun vom Postärar die Zahlung für ihre vertragsmässige Kündigungsfrist in Graupen in der Dauer von sechs Monaten und die in Prag von sechs Wochen, zusammen etwa 450 fl. Der Vertreter des Handelsministeriums führte aus. dass das Reichsgericht zur Entscheidung dieser Frage incompeteht sei. und bestritt, dass die Klägerin ohne Angabe von Gründen entlassen wurde. Gründe hiefür waren vielmehr ihre Unverträglichkeit und die Verweigerung des Gehorsams. Fräulein Schle issner, die persönlich erschienen war, erbat sich nun vom Präsidenten das Wort, wie sie sagte, zu ihrer Rechtfertigung, und dasselbe wurde ihr von Dr. Unger ertheilt. Die Dame schilderte nun in längerer Rede, wie sie in ihrer 20jährigen Dienstzeit einen förmlichen Leidensweg (lurchgemacht habe. UeberaU wurde sie wegen ihres Hökers und ihrer Uonfession (sie ist Jüdin) verhöhnt, ln einem Orte, wo sie stationiert war, habe sie einmal im Postwagen vergessene Geldbeutel mit 18.000 fl. entdeckt; statt ausgezeichnet zu werden, wurden ihr auf Anstiften der Schuldigen die Fenster eingeschlagen. In Prag habe man sie im Bureau nie anders als „Zidovka" (Jüdin) genannt und ihren körperlichen Fehler zu den herzlosesten Spässen missbraucht. In Graupen speciell wollte man sie nicht leiden, weil sie eine Fremde und Jüdin war, und weil das Postamt dort immer in Händen von Einheimischen war. Als sie hei der Prager Postdirection nachfragte, warum sie entlassen wurde, habe ihr der amtierende Secretär mit Thätliclikeiten gedroht. Die Dame schloss ihre Ausführungen mit dem Hinweise darauf, dass ihre jetzige Lage eine solche sei, dass sie von fremder Wohlthätigkeit leben müsse. Die Urtheils- Publication wird am 21. d. M. erfolgen. Berufung eines luden nach St. Petersburg. Die russische Regierung hat den französischen .Juden Dr. Na c h t ä 1 eingeladen. nach St. Petersburg zu kommen, um dort in ihrem Dienste Feldlazaretlie nach französischem Muster einzurichten. Das ist vielleicht der erste Fall seit dem Tode des Grafen C an er in, dass Russland an einen ausländischen Juden einen derartigen Ruf ergehen lässt. Georg Cancrin (geh. in Hanau 1771. ge st. in Pawlowsk 1815), war ursprünglich in dem Frankfurter Bankhause der Firma Rothschild als Buchhalter angestellt und wurde im Jahre 1700 vom Kaiser Nikolaus L, nach Russland berufen, alsbald in den Grafenstand erhoben und im Jahre 1828 zum Finanzminister ernannt, welche Stellung er bis zum Jahre 1844 behielt. Es glückte ihm, die arg zerrütteten russischen Finanzen zu sanieren, und er erwarb sich dadurch nicht nur die Anerkennung seines kaiserlichen Herrn, sondern auch den Anspruch auf den Namen eines der grössten Finanzpolitiken des neunzehnten Jahrhunderts. Eine Petition Yemenitischer Juden. Einige hundert jüdische Familienväter aus Y e m e n, Ackerbauer und zum Theil Handwerker, haben sich dieser Tage an den Sultan mit der Bitte gewendet, er möge ihnen in Kleinasien Land anweisen, wo sie sich ansässig machen könnten, da sie in ihren jetzigen Wohnorten grausamen Verfolgungen und dem Hungertode ausgesetzt seien. Die Synagoge der Schneider in Wilna ist nach 400jährigem Bestände geschlossen worden. Gegründet im Jahre 1409 von einigen jüdischen Schneidern, war die Synagoge in einem Hause eingerichtet worden, von dem die kleine Gemeinde nur einen massigen Theil des Besitzrechtes erwerben konnte. Da sie immer arm blieb, war es nicht möglich, den anderen Theil des Hauses zu erwerben, und als in den letzten Jahren die jüdische Bevölkerung Wilnas immer mehr verarmte, konnte die Gemeinde nicht einmal mehr den auf die Synagoge entfallenden Theil der Häusersteuer aufbringen. Die anderen Theilbesitzer des Gebäudes schlossen daraufhin wegen der Steuerforderung die Synagoge und demnächst wird dieselbe sammt allem Inhalte, Büchern, Thorarollen etc. an die Meistbietenden versteigert werden. Ein Aprilscherz* Wie man dem Lemberger „Haiwri“ aus B r o d y meldet, leistete sich ein dortiger Spassvogel am 1. April d. J. einen sonderbaren „Ulk", mittelst dessen er die gesammte Judengemeinde auf den Leim lockte. Er liess nämlich Freitag abends Placate affichieren, wonach der Rabbiner am nächsten Tage um 8 Uhr nachmittags in der Synagoge predigen werde. Als die Leute um die anberaumte Stunde zur Predigt kamen, fanden sie die Synagoge geschlossen. ** Personalnachricht. Herr Dr. David Malz hat sich Ende März a. c. in Lemberg mit Fr 1. Maria Ehrenp reis vermählt. Correspondenzen. Oesterreich-Ungarn. Lemberg. Vor Wochen fanden vor dem hiesigen G esch wo - renengerichte drei Pressprocesse statt, welche der Pater Stojalo wski gegen einige Redacteure anstrengt hatte. Während der Verhandlungen tauschten die processfiihrenden Parteien ihre Rollen, so dass der Kläger Stojalo wski zum eigentlichen Angeklagten wurde. Es wurde ferner festgestellt, was übrigens schon allgemein bekannt war, dass der Hauptmotor der vorjährigen galizischen Bauernunruhen der ehrwürdige Geistliche war. Einiges „Interessante" aus dem Zeugenverhöre verdient hier wiedergegeben zu werden, da dasselbe die Zustände der Juden in Galizien ein wenig beleuchtet. Einer der Hauptzeugen war der socialistische Abgeordnete Daszynski. Im Laufe seines Verhöres äusserte er sich unter anderem über das Verhältnis des Paters zu den Juden folgendermassen : „Pater Stojalo wski hatte trotz seines Antisemitismus immer eine gewisse Neigung zu den Juden. In Wien pflegte er sich nur in Gesellschaft des Dr. Zipser und des Dr. S. R. Landau aufzuhalten, von denen der Letztere ein Zionist sein soll. In verschiedenen Geschäften verhandelte er mit Dr. Adler, in öffentlichen Angelegenheiten mit Prof. Singer, der ihm bis 1000 fl. verschiedener momentaner Subventionen gewährte." Daraufhin entspann sich ein Gespräch zwischen den beiden Parteileitern. Stojalo wski: „Der Zeuge sprach von meiner Schwäche für die Juden. Erinnern Sie sich nicht, wann sich bei mir der Antisemitismus äusserte?" Daszynski: „Im Sommer des Jahres 1-897." Sojalowski: „Behauptete ich damals, dass man die Juden zu schlagen habe, oder sagte ich, dass die christlich-sociale Partei die Juden nicht so aufnehmen könne, wie die socialdemokratische Partei?" Daszynski: „Mit mir sprachen Sie von keinen Gewaltmassregeln, sondern Sie sagten, dass m a n mi t den im Lande vorher r sehenden S t r ö m ungen r e c h n e n müsse." Stojalowsld: „Ich frage Sie um Thatsachen, wie dieser mein offenbarer Antisemitismus sich äusserte? Denn als Geistlicher muss ich ja doch ein b i s s c h e n A n t i s e m i t sei n." Daszynski: „Sie haben ja immer den Antisemiten im Parlamente nach ihren Reden applaudiert!" Stojalowsld: „Na, das sind ja doch parlamentarische Hetzen!" Ein interessanter Fall g a1 i z i s c li e r Gleichberechtigung ereignete sich vor einigen Tagen in Lemberg. Ein Jude kaufte von einem Christen ein Gut um einen Kaufschilling von ca. 180,000 Gulden. Bald darauf erhielt er eine Vorladung zum Polizeidirector, der ihm erklärte, er müsse im Laufe von drei Tagen das Gut wieder v e r ä u s so r n, „da von der Statthalterei ein diesbezüglicher Erlass erfolgt sei". Erst als der Jude sein Staunen über diese Verfügung ausdrückte, erfuhr er, es sei eine

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