Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 16 (21.4.1899)
- Article
- Der Mord in Polna
- Date
- 1899-04-21
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 9 Nr. 16 „Die H Weit** Da die Geldbörse und andere Habseligkeiten des ermordeten Mädchens in der Nahe des Leichnams vorgefunden wurden, hält man einen Raubmord für ausgeschlossen. Man neigt allgemein der Ansicht zu — und auch von fachmännischer Seite wird dieselbe bestätigt — dass es sieh im vorliegenden Falle um die furchtbare That eines pervers veranlagten Individuums oder eines Wahnsinnigen handelt. Die Leiche der Unglücklichen zeigte keine Spuren, welche auf eine Entehrung des Mädchens hin weisen würden. Doch sehliesst dieser Umstand nach der Ansicht der Fachmänner nicht die Möglichkeit aus, dass man es hier trotzdem mit einem Lustmord zu thun habe. Der Verbrecher hat sein Opfer am hellichten Tage, drei Schritte neben dem Feldwege, am Waldessaume überfallen, mit wuchtigen Schlägen gegen das Hinterhaupt betäubt und. zu Boden geworfen. Dann führte er mit einem scharfen Instrumente einen tiefen Schnitt durch ihren Hals, welcher sowohl die Kopfarterien als die Halsvene durchtrennte. Hierauf riss er oder schnitt er seinem Opfer die Kleidungsstücke vom Leibe, so dass das Mädchen oberhalb der Hüften bis an den Hals entblösst war. Der übrige Theil des Körpers war mit dem Reste der Kleider bedeckt. Bei der Obduction war der Leichnam fast vollständig blutleer. Dieser Umstand gab auch zu dem Gerüchte Anlass, dass der Mörder das Blut in ein Gefäss aufgefangen habe. Wenn man dagegen bedenkt, dass sowohl das vom Herzen als auch zu demselben führende Blutgefäss durchschnitten, dass der Leichnam drei Tage lang auf dem feuchten, moosbewachsenen Waldboden gelegen war und das Blut demnach in den Erdboden einsickern konnte, wird man die Erscheinung der Blutleere bei der Obduction erklärlich finden. Am Abend des nächsten Tages rottete sich der Pöbel von Polna an drei Punkten des Städtchens zusammen und zog unter Rufen: „Die Juden haben die Hruza ermordet! Auf gegen die Juden! Nieder mit den Juden!“ in die vierzig Familien umfassende Judenstadt. Am Karlsplatze, wo sich der jüdische Tempel und das Gemeindehaus befindet, begann das Steinbombardement der Judenhäuser. Insbesondere richteten sich die Angriffe gegen die Gerberei Schiller, gegen das Haus des Brantweinschänkers Simon Furcht und den Getreidehändler Emanuel Basch. Eine Schar von etwa dreihundert den besseren Kreisen des Städtchens angehörenden Personen bildete die stummen Zuschauer dieser wüsten Scenen Ein Ortspolizist und zwei Gendarmen — das gesammte Aufgebot der Sicherheitsorgane — waren gegen die Excesse machtlos. Am nächsten Tage rief der Bürgermeister den Gemeinderath zu einer ausserordentlichen Sitzung zusammen, laut deren Beschluss bei der Bezirkshauptmaimschaft Deutsch-Brod um Succurs angesucht wurde. Der Bezirkshauptmann Mathias Matejka entsandte den Commissär mit zwölf Gendarmen nach Polna, welche den Ruhestörungen ein Ende machten. Vier Excedenten wurden verhaftet. Das „P rager Abendblatt“ schreibt : In Polna hat das thörichte Gerücht, dass die ermordete Agnes Hruza einem Ritualmorde zum Opfer gefallen sei, in den niederen Schichten der Bevölkerung eine Gährung hervorgerufen, deren Spitze sich gegen die in der Stadt wohnenden Juden kehrt. Es ist unbegreiflich, dass es heutzutage in'unserem Lande' Menschen geben kann, welche den albernen und nach jeder Richtung hin widerlegten Märchen, als ob die Juden zur Feier des Passah christlichen Blutes bedürfen würden, Glauben schenken. Nach dem Berichte des „Prager T a g b 1 a 11“, des Organes der böhmischen Statthalterei, ist allem Anscheine nach der unbekannte Mörder pervers veranlagt, und zwar ein sogenannter Nekrophile, also weniger ein verabscheuungswürdiger Verbrecher, denn ein bedauernswerther Wahnsinniger. Diese Annahme werde durch eine Reihe von Umständen unterstützt, die mit dem Funde der Leiche im engsten Zusammenhänge stehen und die fast in allen einschlägigen medicinisehen und eriminalistischen Werken geschildert sind. So ist es z. B. festgestellt, dass der nekrophile Mörder zuerst aus dem Leichname alles Blut zu entfernen trachtet, das er hierauf in eine Grube schüttet und verscharrt, um so die Spuren seiner That zu verwischen. — Aus diesem angeblich räthselhaften Fehlen des Blutes Folgerungen zu ziehen, als ob hier ein Ritualmord vorliege, ist die grösste Dummheit unter der Sonne, über die jeder erfahrene Criminalist lachen muss. Das einzige vielleicht, was bei der commissionellen Untersuchung unterlassen wurde, ist, dass man einen guten Jagdhund hätte mitnehmen sollen, der gewiss aufgespürt hätte, wo das Opfer des Mörders verblutete. Die Auffindung dieses Ortes ist schon deshalb ausserordentlich wichtig, damit das Volk die Märchen über den Ritualmord nicht glaube. Es unterliegt keinem Zweifel, dass sich in der Umgebung von Polna ein Nekrophile aufhält. Dies wird auch dadurch bestätigt, dass im Vorjahre unter denselben Umständen ein Mädchen Namens Klima ermordet wurde. Wenn der verhaftete jüdische Schuhmacher H ii i s n e r des Mordes verdächtig ist, so wäre es räthlich, ihn einer längeren gerichtlichen Untersuchung zu unterwerfen. Sonst wird diese Angelegenheit wieder unaufgeklärt bleiben, und abergläubische Leute werden leicht in der Meinung bestärkt werden, dass die Hruza zu rituellen Zwecken ermordet worden ist. G Weltchronik. Nachoder Nachklänge. Die Nachoder Arbeiter haben ein edles Mittel gefunden, um den Schaden, den sie bei den geplünderten jüdischen Geschäftsleuten ungerichtet, wieder gut zu machen. Sie haben beschlossen, die von der Plünderung am meisten mitgenommenen Kaufleute zu boykottieren, und suchen auch auf die Arbeiter der Umgebung in diesem Sinne einzuwirken. Die czechischcn Gewerbetreibenden bereiten jetzt eine Protestkundgebung gegen die jüdischen Geschäft-lernte vor, welche die notliigen Schritte eingeleitet haben, von der Stadtgemeinde einen materiellen Ersatz für den durch die Plünderung erlittenen Schaden zu erhalten. Der jüdische Geschäftsmann hat wohl die Pflicht sich ausrauben zu lassen, aber nicht das Recht, eine Vergütung des Schadens zu verlangen. Der Flecktyphus in Galizien. Aus Ostgalizien kommen erschreckende Nachrichten über die Verbreitung des „Flecktyphus“. In den Bezirken von Bohorodczany, Kolomea, Stanislau, Kamiamiec u. s. w. hat diese Krankheit den grössten Umfang angenommen. In Galizien herrscht jetzt unter der Landbevölkerung eine Hungersnoth, und wer nur kann entflieht, wandert aus. Die Auswanderung hat heuer noch nie dagewesene Dimensionen angenommen. Das Elend in Galizien wird durch das Auftreten des Flecktyphus, der eine Begleiterscheinung des Hungertodes ist, in tragischer Weise illustriert. Die Ueberzähligen. Die Wiener „Arbeiter-Zeitung“ veröffentlichte folgendes Telegramm: „Boryslaw, 18. April. Oberbergrath Holubez inspicierte heute die hiesigen Grubenwerke. Bei diesem Anblicke rotteten sieb ca. 800 verhungerte christliche u n d j ü d i s c li e Arbeiter zusammen, bestürmten das Local, um Arbeit und Brot flehend. Eine Deputation bat den Oberbergrath, er möge sieh für die Abänderung der neuen, unglücklichen Bergpolizei-Vorschriften verwenden, welche sie arbeitslos machten, sowie für Einschränkung des Vorgehens seitens des Bergrevieramtes. Der Oberbergrath versprach, das Ansuchen höherenorts vorzulegen. Der Gendarmerie gelang es, die Ordnung aufrecht zu erhalten.“ — Es wäre vielleicht wünschenswert, dass die gegenwärtige Boryslawer „Ordnung“, die von der Gendarmerie glücklicherweise aufrecht erhalten wurde, etwas abgeändert würde, und zwar durch Abfluss der überzähligen Hungernden — zumindestens der jüdischen — nach einer Stätte, wo sie Arbeitsgelegenheit finden. lieber den Militärdienst der jüdischen Lehrer hat das-Bezirkscommando 1 in Cassel auf die Anfrage eines Zöglings des jüdischen Lehrerseminars in Cassel folgende Auskunft ertheilt, durch weiche die in dieser Angelegenheit bestehende Ungewissheit beseitigt werden dürfte: „Dem Einsender zur Mittheilung) dass das jüdische Lehrerseminar mit den übrigen Seminaren die .gleiche Berechtigung besitzt. Es käme also für Sie die Dienstzeit der Volksschullehrer (zehn Wochen, und von 1900 ab ein Jahr) in Betracht. Jedoch ist es den Seminarabiturienten (nicht den im Amte befindlichen Volksschullehrern) frei gestellt, schon jetzt ein Jahr mit der Waffe zu dienen.“ Mit dem Aussterbe-Etat, auf dom der Antisemitismus Oesterreichs angeblich stehen soll, scheint es schlimm bestellt zu sein; es mehren sich die Anzeichen, dass