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Die Welt · 1899-04-21 · 16 (21.4.1899) · p. 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
16 (21.4.1899)
Article
Brief aus Palästina
Date
1899-04-21
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 Nr. 16 „vis MEtt wird durch den Umstand bewiesen, dass die Stadt trotz wiederholter Zerstörungen, von der Einnahme des Simon Makkabäus an bis zur Erstürmung seitens der Franzosen unter Napoleon I. am 7. März 1709 immer wieder rasch auf blühte. Jaffa ist der Sitz eines Kaimakams, sowie eines deutschen und russischen Berufsconsuls. Die anderen Staaten sind nur durch Consularagenten vertreten. Der Schiffsverkehr ist ein ziemlich reger, insoferne eben die jeweiligen Witterungsverhältnisse bei der elenden, mit Klippen besetzten Bhede eine Landung gestatten. Die angloägyptische Gesellschaft Khedivie, Khedivial Mail Steamship & Grasing Dock Gy Id., die Compagnie ' des Messageries maritimes, der Oesterreichische Lloyd, sowie endlich die russische Flagge berühren wöchentlich einmal in der Richtung von und nach Alexandrien Jaffa. Von Fall zu Fall, hauptsächlich für den Orangenexport, verkehren auch die Schiffe der englischen Prince Line. Die Frachtsätze von Europa nach Jaffa und vice versa sind relativ sehr hoch. Jaffa ist auch der Sitz eines Zollamtes mit vorsintflutlichen Institutionen. Der Zolltarif ist ein sehr einfacher ohne Unterschied der Ware, acht Percent Einfuhr- und ein Percent Ausfuhrzoll. Waffen dürfen nicht eingeführt werden, Bücher nur nach vorheriger Censur. (Leider gelangen von solchen ausser wenigen Schulbüchern nur Adressbücher (!) für unsere Jerusalemer Glaubensgenossen zur Einfuhr.) Ein Ausfuhrverbot bestellt in Palästina nur für Pferde. Die Bauthätigkeit betreffend, hat Jaffa in den letzten zehn Jahren besonders in nordöstlicher und südöstlicher Richtung bedeutend' an Ausdehnung gewonnen. Speciell in nordöstlicher Richtung, wo die Juden compactes, grosses Terrain besitzen, waren zwei jüdische Baugesellschaften thätig. Leider aber wurde ohne System, sinnlos und unschön gebaut, so dass die ganze Anlage einen schlechten Eindruck macht. Welcher Gegensatz zu der deutschen Templercolonie Jaffa, einer Cottage-Anlage im wahren Sinne des Wortes. Doch auch da werden europäische Baumeister und Architekten, wenn wir sie einmal hier haben, rasch abhelfen. Haifa (Chaifa) am Fusse des Karmel malerisch gelegen. Die Landungsverhältnisse sind, trotzdem auch Haifa keinen gebauten Hafen besitzt, infolge der besseren Lage, am Golfe von Akka ziemlich günstig. Haifa besitzt eine grosse deutsche Templercolonie, die von der türkischen Stadt Haifa vollkommen getrennt ist. Der Schiffsverkehr ist nur um weniges geringer als der von Jaffa. Auf dem Karmel bauen die Deutschen guten Wein. Juden bewohnen Haifa nur in ganz geringer Zahl. Als Hafenort für einzelne jüdische Golonien, hauptsächlich Sichron-Jakob, besitzt Haifa für uns vorderhand einige Bedeutung. Gaza, 2*/a Kilometer vom Meer entfernt, zwischen Gärten gelegen, mit Jaffa und Port-Said nur durch den Draht verbunden, ist von beiden Orten nicht unter sieben bis acht Stunden zu erreichen. Gaza ist Sitz eines Kaimakams, jedoch ohne jede europäische GonsularVertretung. Die Stadt selbst ist schmutzig, die Gassen eng und von Europäern fast gar nicht bewohnt. Für Unterkunft ist nur in primitivster Weise in einer Mühle gesorgt. Bibelkennern dürfte Gaza als Schauplatz der Heldenthaten Simsons, der im Tempel des Dagon auch seinen Tod fand, bekannt sein. Wenn man von einer kaufmännischen Ader unseres Volkes sprechen kann, so dürfte Gaza infolge seiner Eigenschaft als bedeutendster Stapelplatz Palästinas für Gerste, Weizen, Sesam dereinst unser zweit wichtigster Handelsplatz werden. Akka, ursprünglich der Stapelplatz des im Hauran produzierten Getreides, hat seine Bedeutung durch eine allmählich fortschreitende Versandung seines Hafens vollständig verloren. Cäsarea, das ursprünglich einen ausgezeichneten Hafen hatte, der später im 13. Jahrhundert von Sultan Bibars vollständig zerstört wurde, verdankt seine Berühmtheit hauptsächlich nur der Gralssage. Kommende Generationen werden -vielleicht die günstige Lage wieder zum Bau eines Hafens ausnützen. Askalon ist heute zu einer Ruine herabgesunken, Jericho, einst der Schlüssel von Judaea, zu einem arabischen Dorf. Wenn ich noch eines Ortes erwähnen sollte, so wäre dies Liberias, dessen nie versiegende Wunderquellen die Stadt bis nun auf mässigem Niveau erhalten haben. Bessere Verkehrswege und etwas europäische Cultur würden Liberias zu einem Weltcurorte auch ohne Riesenreclame machen. Der Blick in die Zukunft ist schön. Und wenn wir alle wollen, werden wir sie erreichen! * * * Erntestand. Die letzten Regentage, welche langanhaltender Dürre nunmehr gefolgt sind, lassen eine in jeder Hinsicht brillante Ernte erwarten. Mit dem Schnitt von Gerste und Weizen dürfte bereits in 14 Tagen bis 3 Wochen begonnen werden. Heuschrecken. Grössere Schwärme zeigten sich in Jericho und richteten dort ziemlichen Schaden an. Die Regierung ergriff jedoch sofort energische Massregeln und liess u. a. achtzig Kisten Heuschreckenbrut sammeln und vernichten. Unsere Golonien wurden bis nun von Schwärmen nicht geschädigt. Oiterverkehr. Der Durchzug von Reisenden, speciell russischen Pilgern, war ein sehr bedeutender. Der die ganze Osterwoche wiithende Seesturm, welcher bis heute eine Landung der Schiffe vor Jaffa erschwerte und unmöglich machte, bewirkte eine Stauung der sonst nur durchziehenden Touristen, die der Stadt, hauptsächlich aber den Hotels, einigen Nutzen brachte. G Der Mord in Polna. In einem Walde bei Polna wurde am 29. März an einem Mädchen ein Mord verübt. Thäter, Motiv des Mordes sind bisher noch nicht aufgeklärt. Das Wiener Organ der Antisemiten, das „Deutsche Volksblatt", veröffentlichte über die Unthat eine Anzahl spaltenlanger Berichte, in denen mehr oder weniger deutlich der niederträchtige Verdacht ausgesprochen wird, dass es sich um einen „Ritualmord" handle. Das Mädchen sei von Juden ermordet, das Blut des Opfers zu „rituellen Zwecken" verwendet worden. Ein Schuhmacher aus Polna, Leopold H ü 1 s n e r, befindet sich, da er des Mordes verdächtig erscheint, in Untersuchungshaft. Den Umstand, dass Hülsner Jude ist, schrotet das Organ der Wiener Antisemiten in der empörendsten Weise für die judenfeindlichen Hetzzwecke aus. Ob Hülsner der Mörder ist, ist nicht erwiesen. Schliesslich wäre es ja möglich, dass auch einmal ein Jude einen Mord begeht. Aber die bodenlose Niedertracht des „Volksblatt", mit dem zu polemisieren Selbstentehrung wäre, besteht darin, dass es den des Mordes verdächtigten Juden sofort zum „Ritualmörder“ stempelt und so die gesammte Judenheit an dem Morde participieren lässt. Einem Berichte des „Wiener Tagblatt" über die Affaire entnehmen wir folgende Einzelheiten: Polna, 13. April. Das mysteriöse Verbrechen, welches am 29. v. M. an der neunzehnjährigen Näherin Agnes Hruza aus Klein- Weznitz im Walde „Brezina" hei Polna verübt wurde, erscheint trotz der umfassendsten und sorgfältigsten Erhebungen der Behörden nur wenig aufgeklärt.

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