Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 16 (21.4.1899)
- Article
- Londoner Brief
- Date
- 1899-04-21
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Die £ Welt<‘ Nr. 16 bärtig an Zahl, Projecte allei Art, der natürliche Ausfluss einer ernsthafteren Beurtheilung der Sachlage. Unternehmungen in grösster Mannigfaltigkeit werden der Trust- Gesellschaft angetragen. Jeder Brief ist ein voluminöses Dossier. Schriftstücke von 12 Seiten Länge, abwechselnd mit phantasiereichen Vorschlägen und ernsten Geschäftsplänen liegen zur künftigen Erledigung auf dem Directionstische. Von den weitgehendsten tabellarischen Aufstellungen für die landwirtschaftliche Renaissance des heiligen Landes, von wichtigen Projecten und Vorlagen über Handel und Industrie, Schiffahrt und Grubenarbeit, von diplomatischen Anträgen und vertraulichen Unterhandlungen bis zum Anbieten einer neuen Stiefelwichse, von Medicinalsachen und Quacksalbereien! Aber so lächerlich dies auch klingen mag, der Grundton beweist, dass die ernsten, sowie die heiteren Schreiber aller dieser Mittheilungen zu dem Resultate gekommen sein müssen, dass die grosse Bewegung „has come to stop", wie man hier zu sagen pflegt, „sie kam und bleibt!" Deswegen werden alle diese wunderlichen Schriftstücke nicht etwa dem Papierkorb übergeben, sondern lagern in täglich wachsenden Haufen bis zum wichtigen Zeitpunkt, wo die Spreu vom Korn gesondert wird. Der grösste Sieg jedoch, den die Woche zu verzeichnen hat, besteht darin, dass die Oppositionspresse sich jetzt endlich zu dem Zugeständnisse herablässt, „wir hatten Aussicht auf Erfolg". Sofort ruft sie zu den Waffen und regt in ihren Spalten die „gewichtigen Männer“ Englands an, energisch in Wort und Schrift gegen uns Front zu machen. Mögen sie nur kommen! Jetzt noch gegen uns, sehe ich sie mit prophetischem Blicke, wenn wir nur erst aus dem Stadium der Vorbereitung getreten sein werden, wenn wir ihnen den zum Ausdrucke gelangten Volkswillen in runder Summe vor Augen führen, diese Grössen unseres Landes an unserem Werke Antheil nehmen; ist ja, den Tausenden und Abertausenden von Actionären nach zu urtheilen, unser Werk keine gewöhnliche Aufforderung zu einer Subscription, sondern vielmehr ein Plebiscit. Im Uebrigen, wollen sie vorläufig noch mit uns Lanzen brechen, so haben wir als gewandte Kämpfer ihren Angriff schon anticipiert, denn in vollster Uebereinstimmung mit dem Wiener Hauptlager, dem „fons et origo" der ganzen Bewegung erscholl jetzt der Ruf der englischen Zionisten; ihr Manifeste wurde diese Woche veröffentlicht und ihre Mitglieder erwachen zur Pflicht. Wie bisher das Eastend seine Versammlungen gehalten hat, so kommt jetzt die Reihe an das Westend; was dort in Einzelzeichnungen geschah, soll hier in Massensubscriptionen folgen. Und nun kommen plötzlich, aber nicht unerwartet, unsere überseeischen Hilfstruppen herbei. Die amerikanischen Berichte laufen ein, Chicago eröffnet den Reigen mit seiner ersten Liste, gefolgt von Baltimore mit Galveston im Schlepptau. Und während wir in der „Alten Welt", dem Naturgesetze folgend, unsere müden Häupter hinlegen, erwachen und arbeiten unsere Brüder in der „Neuen Welt". W- Die Woche. Wien, 19. April 1899. Ueber die Ostertage 1899 konnte man noch vor wenigen Tagen sich hass verwundern. Als die Osterwoche um war, da durften jene vielcitierten „ältesten Leute", deren Hauptvorzug in einem fehlenden oder geschwächten Erinnerungsvermögen besteht, erstaunt ausrufen, dass sie sich „nicht erinnern" können, solche Ostern jemals erlebt zu haben. Nein, das waren gar keine Ostern! In den meisten Aeusserlichkeiten glichen ja auch die diesjährigen Ostertage allen vergangenen Ostertagen, aber der tiefer Blickende musste sich bei ehrlicher Prüfung der Sachlage sagen, dass uns heuer eine seltsame Entartung der Osternorm beschieden worden, ein krüppelhaftes, merkwürdig verstümmeltes Ostern-Exemplar. Wir trauten unseren Augen nicht: Was ist das für ein eurioser Torso des Osterfestes? Da fehlt ja der integrierendste Bestandtheil! Ja wo, um Himmelswillen, bleibt denn heuer der „Ritualmord", was ist's mit dem alljährlichen Blutmärchen? Abergläubische Leute waren geneigt, das diesjährige Ausbleiben des regelmässig wiederkehrenden Blutmärchen- Rumniels als böses Omen aufzufassen. Nirgends die Blutbeschuldigung, nirgends ein Osterkrawall! Wie wenn eines Morgens der Sonnenball ausbliebe oder ein dräuender Komet am Himmel beängstigend erschiene. Manchen astrologisch angehauchten Juden überkam die gruselige Vorahnung böser Zeiten. Die feurige Buth'e des Kometen prophezeit sicher ein Unglück. Stehen etwa Judenverfolgungen bevor oder sonst ein Unglück? Warum hat man heuer zu Ostern die Juden nirgends verfolgt? Keine Osterexcesse — mene, tekel, das bedeutet nahende Excesse. Und als dann kurz darauf thatsächlich die antisemitischen Arbeiter-Ausschreitungen in Nachod ausbrachen, da schien sich die Ahnung der Zeichendeuter bestätigt zu haben. Nun, das waren vage Gombinationen, aber ein typischer, correcter Osterkrawall, an dem sich der Zusammenhang zwischen Blutbeschuldigung und Judenverfolgung hätte klar erkennen lassen, wurde nicht gemeldet. An dem Rade der Zeit, das alljährlich zur Osterzeit mehr oder weniger unsanft über die Judenbeit hingeht und irgendwo einige Hautabschürfungen oder Knochenbrüche verursacht, schien etwas nicht in Ordnung. — Aufklärung? Wachsende Versittlichung der nichtjüdischenVolksmassen? Cultureller Fortschritt? Ist im Zeitalter der Aufklärung auch das Rad der Zeit zum sanften „Gummiradel“ geworden oder hat es gar einen ungefährlichen philosemitischen Pneumaticreifen angenommen? -i- * * Nein, keine Spur von einem Gummiradel oder ähnlichen schonungsvollen Schutzvorrichtungen. Die Passahnacht, die — wie es in der Hagada heisst — „ausgezeichnet ist vor allen übrigen Nächten", hat sich auch heuer durch judenfeindliche Ausschreitungen ausgezeichnet. Nur gelangten die Berichte etwas verspätet in die Oeffentlichkeit. Der österliche Bluttumult spielte sich in einem obscuren böhmischen Neste ab, inPolna bei Deutsch-Brod. Man sieht, Böhmen ist ein recht leistungsfähiges, fleissiges Ländchen. Vor kurzem erst hat es uns mit dem strammen Nachoder Judenkrawalle beschenkt, und nach wenigen Tagen schon erfahren wir von den ganz ansehnlichen judenfeindlichen Gewaltacten in Polna. Es ist eine beachtenswerte Accordarbeit, und jedes böhmische Landeskind wird stolz sein auf die unerschöpflichen Hilfsquellen der Heimat. Der Hergang des Polnaer Ereignisses ist simpel und leicht fasslich: Im Gehölze wird ein Mädchen ermordet aufgefunden. Der Thäter ist unbekannt, über die Frühlingslandschaft scheint die Ostersonne, und der Sachverhalt ist aufgeklärt. Ein lautes „Aha!“ geht durch die Reihen der Polnaer Bevölkerung, die Bürgerschaft stopft sich die Taschen mit Strassensteinen voll, und in geschlossenem Zuge lustwandelt die Rotte nach dem Judenviertel. Da es für den Spaziergänger äusserst unbequem ist, wenn er die Hosentaschen bis zum Platzen der Nähte mit kantigen Ziegelfragmenten angefüllt bat, so schmeissen die braven Bürger den lästigen Ballast in die Zimmer der Juden. So sind sie das Zeug los. Zwischen dem Nachtmahltische der Juden, auf dem sich’s die Ziegel bequem machen sollen, und