Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 16 (21.4.1899)
- Article
- Die Zukunft Palästinas
- Date
- 1899-04-21
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „bie A Welt“ Nr. 16 überaus hoffnungsvolle geblieben ist, sondern dass auch der Handel in verhältnismässigem Umfange sich erhalten hat. Die Hafenstädte Jaffa und Haiffa weisen einen sehr lebhaften Verkehr auf, obwohl für die Hafenanlagen wenig genug gethan ist, und dabei überwiegt der Export beiweitem die Einfuhr, woraus deutlich sich ergibt, dass bei aller Vernachlässigung die natürliche Ertragfähigkeit des Bodens noch immer in dem durch die realen Verhältnisse bedingten Masse ihre Schuldigkeit thut. Keine Essen und Schlote zeugen von rüstigem Gewerbefleisse, keine bequemen Communicationsmittel begünstigen den Handel, ein phlegmatisches, von moderner Gultur völlig unberührtes, spärliches Volkselement nimmt träge hin, was die Natur ihm gibt, ohne auch im geringsten nur an eigenes Hinzuthun zu denken. 'Wenn aber — man stelle sich die Wandlung vor — europäische Ingenieure und Techniker, wenn geschulte und emsige Handelsleute wenn opferbereite Gapitalien sich einfinden, wie rasch und erfolgreich könnte die Stagnation in lebendig pulsierendes, productives, Werte schaffendes und umsetzendes Gedeihen verwandelt werden! Palästina wieder ein blühendes Land, eine Stätte eigener Wohlfahrt und völkerverbindenden Verkehrs — wie vertrocknet müssen zumal jüdische Herzen sein, wenn sie bei solcher Vorstellung nicht höher schlagen, wie vernüchtert die Köpfe, in denen nicht die Erinnerungen einer ruhmgeheiligten Vergangenheit den Gedanken nationaler Erneuerung wecken! Ist es denn ein psychologisches Mysterium, wie innig in profanem Sinne die zionistische Bewegung mit dem merkwürdigen colonialen Schwünge zusammenhängt, der die ganze moderne Gulturwelt ergriffen hat? Und sind denn, auf ihre äusseren Merkmale geprüft, die europäischen Ausfahrten nach China, die Besiedlungen und Besitzergreifungen in Afrika so sehr verschieden von dem zionistischen Ziele? Ueberschüssige Kraft findet in Europa keine entsprechende Verwendung und sucht eine solche weit draussen, wo rückständige Länder und Völker ihrer zu cultureller Förderung bedürfen. Fruchtbare Kraft, die man in europäischen Ländern niederhält, will der Zionismus sammeln und nach Palästina verpflanzen, damit sie dort sich für sich selbst und für die gesammte Gultur, zugleich in wiederbelebtem Heimatsgefühle wie der auf die Erde zurückversetzte Antäus, sich bewähre. Die grosse Wandlung der Zeit ist auch im Zionismus lebendig und zu den Pionnieren der unwiderstehlichen modernen Gulturexpansion stellt auch er sein Contingent, um es dort, wohin alle Bedingungen der Zugehörigkeit es rufen, nutzbar zu machen. Nichts kann moderner sein als dieser zionistische Jude, der zugleich in dem weiten Geleise des allgemeinen Golonisationstriebes und in dem engeren der nationalen Selbstbesinnung mit allen übrigen vorwärtsdrängt und diesen modernen Juden schreit böswilliger Unverstand als reactionären Juden aus. Es ist derselbe böswillige Unverstand, der die culturelle Entwicklungsfähigkeit Palästinas bestreitet. Der Geist der Geschichte hat schon ganz andere Wunder bewirkt als die Entwaffnung solches Unverstandes. Nicht in der charakterlosen Selbstentäusserung, welche sich Assimilation nennt, liegt die Erfüllung eines geschichtlichen Berufes, sondern in der Verbindung des natürlichen Selbsterhaltungszweckes mit den allgemeinen Zwecken. Darin ist werbende Kraft, darin Gewähr der Zukunft. Der Zionismus weiss sich einig mit den grossen Trieben, welche den Nerv der Zeit in Schwingung versetzen. Der zionistische Jude ist der moderne Jude. W Die Jüdische Colonialbank. Die Situation. Bis zum 28. A p r i 1, also bis nächsten Freit a g, müssen sämmtliche Zeichenstellen ihre Subscriptionsergebnisse nach London an dieGentrale einsenden. Von dem Gesammtresultate wird es abhängen, ob zur Zutheilung der Shares an die Zeichner geschritten werden kann, ob die Jüdische Colonialbank im Sinne der bekannten Bestimmungen des Prospectes als begründet anzusehen ist. Heute unterliegt es kaum noch einem Zweifel, dass die Bank zustande kommt. Zwar ist das Gesammtergebnis jetzt noch gar nicht übersehbar, weil mit ungeheuren Entfernungen, langsamem Postlauf und mit dem Umstande zu rechnen ist, dass nicht nur an den grossen modernen Geschäftscentren, sondern auch und hauptsächlich in zahllosen entlegenen kleinen Ortschaften gezeichnet worden ist. Aber nach den uns zugegangenen Mittheilungen ist die Subscription als g e s i c h e r t anzusehen. Von der russisch-chinesischen Grenze bis nach Südafrika und Südamerika hat sich diese mit so vielen Schwierigkeiten kämpfende Subscription vollzogen. Besonders glänzende Resultate liegen bisher aus Brest-Lit, Grodno, Kiew, Odessa, Warschau und Wilna vor. Aus den überseeischen Ländern beginnen die brieflichen Einläufe erst jetzt, was man leicht verstehen wird, da ja der Postlauf der von London abgeschickten Prospecte von der bisherigen Subscriptionszeit abzurechnen ist. Aber die amerikanischen Nachrichten sind vortrefflich und lassen ein Gelingen auch in diesem Lande erwarten. Noch später werden unsere Freunde aus dem Transvaal eintreffen, wo bekanntlich der Zionismus eine sehr entschiedene, stattliche und capitalskräftige Anhängerschar besitzt. Ungeachtet der günstigen Erwartungen, die wir mit pflichtgemässer Vorsicht verzeichnen, glauben wir aber doch, alle unsere Genossen ermahnen zu sollen, dass sie ihren Eifer gerade jetzt in den Tagen der Entscheidung nicht erkalten lassen mögen. Es handelt sich um eine Lebensfrage des Zionismus! Das möge sich jeder, auf welchem Punkte er auch stehe, mit vollem Ernste vor Augen halten. — Sind wir Schwärmer, unklare Köpfe, Schwätzer, oder wollen wir uns als praktische, zielbewusste Streiter für eine sehr grosse Sache legitimieren? Wir werden in ganz kurzer Zeit die Antwort auf diese Frage haben. Die Antwort werden wir nicht nur uns selbst, sondern auch unseren Freunden ausserhalb des Judenthums und unseren Feinden innerhalb des Judenthums geben. Jeder wird verstehen, was von dieser Antwort abhängt. Unsere jüdischen Feinde — Gegnerschaft ist für ihr Verhalten nicht mehr das Wort, denn eine anständige Gegnerschaft verschmäht die vergifteten Kampfesmittel einer hassvollen Feindschaft —unsere jüdischen Feinde haben es vor und während der Subscription sehr arg getrieben. Es war ein förmlicher Feldzug der Verdächtigung und Verleumdung. Dennoch wollen wir ihnen nicht entgegnen, wie sie es verdienen, wenn unsere Erwartungen sich erfüllen und trotz all' ihrer abscheulichen Versuche das finanzielle Instrument der zionistischen Bewegung geschaffen ist. Sie selbst können darüber am frohesten sein, dass ihre Bemühungen misslingen, Henn der ganze Ingrimm unserer heute nicht mehr ohnmächtigen Partei würde sich gegen die Störer des Werkes gewendet haben. Es wären ihnen nicht nur die Sünden ins Gesicht geschleudert worden, die sie uns gegenüber begangen haben, sondern auch alle ihre übrigen Sünden. Der Zionismus kann und wird seine