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Die Welt · 1899-04-14 · 15 (14.4.1899) · p. 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
15 (14.4.1899)
Article
Die Goldschilds
Date
1899-04-14
Page
16 (sequence 2)
Language
German
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Seite 16 Hr. 15 „Die H Weit“ and tröstete ihn mit anscheinend heiterer Stimme: „Mein Liebling — ist es nun besser? Siehst Du — es war ja gar nicht so arg — das war eben die erste Krise — weisst Du! Nun zieht sich das Herz wieder zusammen! Und der Knabe lächelte ihm unter Thränen wehmüthig zu. Ein freudiger Schimmer flog über seine schönen Wge — er versuchte die noch immer zitternden Hände zu falten — und leise — kaum hörbar — flüsterten die bebenden Lippen ein Gebet. XI. Auf dem Kirchthurme von Siegling hatte die Uhr schon lange Mitternacht geschlagen, als Dr. David leise das Krankenzimmer verliess. Die Befürchtung, dass sich der Anfall wiederholen würde, hatte sich glücklicherweise nicht bewahrheitet. Der Kranke schlummerte nun und schien in friedlichen Träumen die herbe Bitterkeit seines jungen Lebens zu vergessen. Indess ein Diener in die Stallungen eilte, um die Pferde vor den Wagen des Arztes spannen zu lassen, trat dieser in den ebenerdigen Gartensaal. Trotz der vorgerückten Nachtstunde brannten hier noch die Lampen. In der Mitte des Zimmers stand, von einer Gruppe tropischer Gewächse umgeben, der kleine Altar, vor dem die Taufe Jonathans vollzogen worden war. In diesem prunkvollen, von Gold und rothem Damast strotzenden Gemache bot der Tisch Gottes mit seinen ausgelöschten Lichtein und einfachen, linnenen Tüchern ein fast ärmliches, nüchternes Bild, das eher an das Lebewohl der Kirche an einen Verstorbenen als an die Aufnahme eines neuen Gläubigen mahnte. Auch war die Luft trotz der grossen Raumverhältnisse des Saales und der vielen Stunden, die seit der Ertheilung des Sacraments verflossen waren, noch vomGeruche des verbrannten Wachses und Weihrauchs geschwängert. Dr. David trat daher in das anstossende, ebenfalls hellerleuchtete Speisezimmer ein. Aber auch hier fand er nicht die Ruhe, deren er so sehr bedurfte. Die reiche Holzverkleidung der Wände und der Decke, das glitzernde Silber- und Krystallgeschirr auf den Credenzen lasteten wie ein Alp auf ihm. Er meinte, den Besitzer dieser Schätze Wieder wie vor wenigen Stunden am Tische sitzen zu sehen, wie er mit der langfingerigen, aus dem schwarzen Pulswärmer hervorragenden Hand rastlos die Cigarette an den Mund führte, im harten, bitteren Lachen die spitzen Raubthierzähne zeigte und offen bekannte, dass nur die Bethätigung seiner Hamsternatur ihn befriedige* Dann wieder stellte sich die erregte Phantasie des alten Arztes den Vetter vor, wie er jetzt trotz seines unermesslichen Vermögens heimatlos in seinem luxuriösen Salonwagen durch die arglos schlummernden Länder rollte Und mit seiner erschreckenden Intelligenz darüber grübelte, wie er den fremden Wohlstand untergraben und an sich reissen könne. Und das alles einzig und allein aus Lust und Freude am Raube und am Zerstören! Unersättlich! Da weckte ein Pusten und Grunzen im Gartensaale Dr. David aus seinen wachen Träumen. Er trat in den Thürrahmen und erblickte die unförmliche Gestalt des dicken Baron Moritz, der sich, in einen hellfarbigen Morgenanzug gekleidet, von seinem Wärter herumführen liess. Das „gute Thier" litt in letzter Zeit häufig an Schlaflosigkeit und pflegte dann im grossen Raume, der zu diesem Zwecke die ganze Nacht erleuchtet blieb, Bewegung zu machen, um den widerspenstigen Körper zu ermüden. Von Ekel ergriffen, wandte sich Dr. David ab. In diesem Augenblicke begriff er, dass Isak den Anblick seines zum Thier gewordenen Erben nicht zu ertragen vermochte. Um nicht das sinnlose Lallen des Blödsinnigen anhören zu müssen, flüchtete er in den Wintergarten, in den man vom Speisezimmer aus durch eine breite Glasthüre gelangte. Eine warme, feuchte Luft schlug David entgegen und löste wie durch einen grossen Kuss die Spannung seiner Nerven. Anfangs vermochte sein durch das grelle Licht des Zimmers verwöhntes Auge kaum die zunächstliegenden Gegenstände zu unterscheiden. Aber allmählich gewannen die dunklen Conturen um ihn her an Deutlichkeit, und er erkannte die hochstieligen Palmen, breitblätterigen Kaktusse und träumenden Chrysanthemen, die die Wände schmückten. Lautlose, zauberhafte Ruhe herrschte ringsumher. Nur das Plätschern einer Fontaine war melodisch vernehmbar. Langsam schritt David vorwärts. Die langen, gewundenen Gänge schienen fast endlos. Allmählich wurden sie schmäler und machten plötzlich eine scharfe Wendung. Es war dies eine wohlberechnete Absicht des Architekten, der den Bau der byzantinischen Villa geleitet. Denn ganz unvermuthet bot sich dem Wanderer der märchenhafte Anblick des berühmten Palmenhauses, der Perle der grossartigen Anlage, dar. Wie ein gläserner Dom mit mächtiger, gewölbter, krystallener Kuppel stand es urplötzlich vor dem überraschten Beschauer. Den Fussboden bedeckte eine dichte Schichte weichen, grünen Mooses. In der Mitte dieses Feenpalastes erhob sich ein Hain schlanker, hochstämmiger Palmen, die ihre breiten Gipfel in der Höhe des zweiten Stockwerkes entfalteten. Hier schwebte zwischen den Baumkronen ein schmaler Balkon, zu dem eine gewundene, teppichbelegte Stiege aus vergoldeter Bronze emporführte. Ein Ausruf der Bewunderung entrang sich den Lippen Davids. Das Palmenhaus war ihm wohlbekannt. Sein Anblick allein hätte ihn also kaum in Erstaunen versetzt. Was seinen Fuss an wurzelte und sein Auge mit trunkenem Entzücken erfüllte, war die helle Klarheit der nordischen Winternacht, die von allen Seiten durch die Glaswände eindrang, während die grosse, gelbe Scheibe des Mondes in scheinbar fast greifbarer Nähe gerade über der Palmengruppe durch die Wölbung der Kuppel glänzte. Im Contraste zwischen der südlichen Vegetation und der weissen, hellen Schneedecke der Natur lag ein geisterhafter, mystischer Reiz. Dem gleissenden Golde Isaks war es gelungen, hier auf den sturmumwehten Höhen des Kahlenberges ein Stück hropenlandschaft zu schaffen; aber der allmächtige Gott spottete seines Könnens und zeigte durch das Krystall der Kuppel dem Doctor die unendlich grossartigere Pracht des Sternenhimmels, (Fortsetzung folgt.) Briefkasten der Redaction. Ein gutur Freund, Bystritz. Sie werden das seinerzeit aus Unseren Berichten ersehen. Anonymen Einsendern können wir doch nicht privatim solche Dinge beantworten. Dorsche Zion; Radäutz. Herzlichen Gruss -und Dank. Die Prager Gesinnungsgenossen werden ersucht; ihre Adressen in allerkürzester Zeit an Herrn I. U. G. K r a L Prag, Qemeindehofgasse 3, einzusenden. Herausgeber: P. Naschauer. Verantw, Red*: Dr, Siegm. Werner, Buchdrucke^ei „Industrie“ (S. Bergmann) VIII., Schlösselg. 11

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