Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 15 (14.4.1899)
- Article
- Das Theater und die Juden (II.)
- Date
- 1899-04-14
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 15 „Die A Welt“ Seite 15 Kritik an ganzen Epochen geübt. Man denke an den Rausch, der von Offenbach ausgegangen ist, an jenen Taumel der Selbstironie, der das zweite Kaiserreich unter dieser höhnischen Musik erfasste. Gegen die zeitliche Gerechtigkeit haben die Juden eine begreifliche Skepsis. Zu lange mussten sie sich geschmäht und preisgegeben sehen an Peiniger, denen sie sich ethisch und geistig überlege» fühlten. Deshalb ist ihr Respect schwer zu erregen, und man hat sie, wie sie sich mit ihrer Satire so oft als unbequeme Eespectsverweigerer erwiesen,, begeisterungsunfähig gescholten. Nichts kann falscher sein bei einem Volke, welches so sehr zu Excentricit-äten aufgelegt ist, wie die Juden, nichts ungerechter hei einer Nation, welche immer bereit war, sich für ihre Sache aufzuopfern. Aber der oigenthümliche Humor, mit welchem die Juden in lächerliche Feierlichkeiten einbrechen, ist aus dieser steten Ucbung in Gefahren entsprungen, und er waltet gelegentlich mit der suggestiven Macht, die nur ganz grossen Dingen zueigen ist. Mit diesem Humor haben es die Juden rasch verstanden, auf den Grund der Zeitströmungen zu tauchen und von dort, von unten herauf den Sinn einzelner Epochen zu hohen, den sie dann lachend hin warfen, wie .einen zappelnden Fisch auf den Sand. Sie sind Versteher aus Intuition. Gewundene und verborgene Gedankenlabyrinthe durchjagen sie blitzartig mit diesem Verständnis. Dass ich liier von allen Juden spreche, muss man nicht denken. Ich meine natürlich nur die Dichter unter ihnen. Wo sie sich nicht in einer gewaltsamen Bodenständigkeit gefallen, gleichsam in einer absichtlichen Maskierung ihrer Rasse, wo sie nicht mit einer eingedeutschten Manier künstlerische Falschmeldungen begehen, da kommt jene andere Bodenständigkeit hervor, jene, die ihnen gemäss ist. Es ist kein Wurzeln in einem festen Erdreich, aber es ist ein Emporwachsen aus den Schicksalen dieses misshandelten, leidenslähigen, elastischen Volkes. Es ist eine productiv gewordene Empfindlichkeit, eine ins Allgemeine gerückte, i! tätige Theilnahme an der grossen Welt, Regungen der Messias-Seele sind in diesen Dichtern erwacht, frische Spuren der alten Verheissung vom „Auserwähltsein“. Die atavistische Erinnerung an grosse Katastrophen, die unter ' der Schwelle des Bewusstseins in den jüdischen Dichtern schlummert, gibt ihnen das Vermögen der grossen Geberden, der heftigen Wirkungen. Ihre formale Geschicklichkeit lässt sie mit den schwierigsten Problemen der Technik fertig werden. Wohl üben sie sich darin zu sehr, mul ihre Menschenkenntnis, diese Wissenschaft aller zur Wachsamkeit Gezwungenen, hilft ihnen überall. Mit grossen Vhritten ist das Judentlmm in der dramatischen Literatur vorwärts gekommen. Nach flachen Anfängen haben wir verliehe, wirklich bedeutende und bewegende Werke von ihnen gesehen, von ungefälschter Wesenheit und von mitreissend er Macht. Was diesen Werken anhaftet, ist eine frische Schärfe, ine Ueberkraft des Intellectes, bei welcher die Temperatur licht die höchsten Grade zu erreichen vermag. Aber im .modernen Theater haben sie sich eine Stellung erobert, die dir den Anfang bedeutend genannt werden kann. Wie weit ie es noch bringen werden, lässt sich heute noch gar nicht "stimmen. Doch liegen weite Perspectiven frei, wenn man hi ran denkt, was für eine Stufe die Juden in der kurzen Tut ihrer Emanzipation erreicht haben. Die Leistungen, auf ■reiche sie jetzt zurückschauen, sind ein unleugbarer Beweis Dfür, wie durch und durch künstlerisch die Veranlagung iieser Rasse ist. Wie ein lange eingedämmter, durch verborgene Quellen geschwellter Strom, bricht ihre Productivität Mzt hervor und führt ungeheure Massen von Erlebnissen, on aufgewühlten Grundgedanken als Geschiebe mit. Welch ino Summe von künstlerischer Arbeit haben zwei Generationen nicht schon bewältigt, zwei Generationen, deren Täter von dem Vorhandensein einer Kunst noch sehr wenig ' wusst haben. Und diese Nachkommen sind vorerst noch ganz beladen mit fremden Eindrücken, sie haben sich bepackt mit Problemen aus anderer Leute Weisheit, mit Conf liefen und Katastrophen aus anderen Seelen. Wer kann die folgenden Geschlechter Voraussagen? Liessen sich die Kinder solcher Väter heute schon kennen, dann wüsste man, wohin die Entwicklung des jüdischen Dramas führt. Dieses aber ist ihr Weg: Die Enkel werden nicht mehr ohne Erbgut geboren, sie empfangen ihr künstlerisch Tlieil von den heute Lebenden, sie werden in Traditionen aufwachsen, die uns gefehlt haben. Und in ihnen worden dann die tragischen Elemente frei werden, welche uns heute noch im Blute liegen, wie schwere Träume. Die tragischen Elemente, an welchen die Geschichte des Judenthums so überreich ist. und die einen schwellenden Humus bilden für alle Künste. Wenn dann der grosse Mann erscheint, dessen wir gewärtig sein dürfen, wird er sein Volk finden. Daran arbeiten wir heute alle, bewusst oder unbewusst, willig oder gegen unseren Willen, doch nach den unentrinnbaren Gesetzen unserer Art, F. S. G Die Goldschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (4L Fortsetzung.) Vor allem und jedem hatte er darauf bedacht zu sein, seine Wissenschaft zur Linderung der Schmerzen des kleinen Jonathan zu verwenden. Jede Empfindlichkeit, jede Abneigung sollte in Zukunft seinem Berufe zum Opfer gebracht werden. Er durfte in der byzantinischen Villa nunmehr nur der Arzt des Körpers sein, da die Seele das ausschliessliche Reich des Pfarrers geworden. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, erschienen die vielen Concessionen, die er dem neuen Geiste einräumte, nicht als ein schmählicher Verrath seiner Uoberzeugungen, sondern als ein verdienstvolles Werk der Humanität. Eine derartige Unterordnung bedeutete jedoch bei der streitbaren, leidenschaftlichen Natur des Greises kein geringes Opfer, und nur allzubald sollte er sich seinem einmal gefassten Entschlüsse gemäss zu handeln gezwungen sehen. Denn urplötzlich stellte sich bei Jonathan eine arge Athemnoth ein, wie sie dasarme Kind noch nie erlitten hatte. Seine schmalen Hände krallten sich in die knisternde Seide der Decke, und jeder Athemzug musste durch einen entsetzlichen Kampf errungen werden. Die dunklen Augen irrten verzweifelt wie die eines Erstickenden im weiten. Gemache umher, die Lippen bewegten sich, ohne einen Laut hervorzubringen, und das blonde Haar fiel, vom Angstschweiss gebadet, in Strähnen in die weisse Stirne. Der Kammerdiener stand rathlos zu Füssen des Lagers. Der brave Mensch war tödlich erschrocken und vermochte nur die Worte zu stammeln : „Das ist ja entsetzlich — der arme junge Herr — das ist ja entsetz lieb — so leiden zu müssen!“ Jetzt bewährte sich das Wissen des Arztes. Mit jener kaltblütigen, anscheinend herzlosen Ueberlegung, die sich nur durch langjährigen Aufenthalt in Krankensälen erlernt und die für den Leidenden eine grössereWohlthat ist als das heissesteMitgefühl, stand er auf seinem Posten und versuchte dem Knaben beruhigende Tropfen trotz seines Widerstrebens einzuflössen. Dann —als sich der Krampf allmählich verlor, und der junge Körper zitternd und bebend in seinen Armen lag — trocknete er ihm mit einem Tuche die tkränennasson Angen