Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 15 (14.4.1899)
- Article
- Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu Christi [Rezension]
- Date
- 1899-04-14
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 „Die A Welt“ Nr. 15 Speciell im 8 28 „Das Leben unter dem Gesetz^ spricht nicht mehr der besonnene Gelehrte, sondern der tendenziöse Polemiker, der sich sogar manchmal ungenügend orientiert zeigt. ') Ich greife nur einige Beispiele heraus: S 465 ff. spricht Schürer von dem Glauben an die göttliche Vergeltung. Er führt,dort eine ganze Reihe von Stellen an, um zu zeigen, „dass die Hoffnung auf eine künftige Vergeltung die Haupttriebfeder alles gesetzlichen Eifers war", und fertigt den berühmten, gerade das Gegenthei! aussagenden Satz von Antigonus aus Socho (Abot 1, 3) mit der Bemerkung ab, „er sei keineswegs ein correcter Ausdruck der Grundstimmung des pharisäischen Judenthums". lieber diese Grundstimmung könnte sich Schürer jetzt bei Lazarus4) eines Besseren belehren. Er würde dort vor allem erfahren, dass es bei Beurtheilung dieser Frage überhaupt nicht aus einzelne Aussprüche ankommt. Will man aber schon aus solchen Aussprüchen sich ganz äußerlich ein System zimmern, so muss „man doch mindestens auch die zahlreichen gegentheiligen Aussprüche berücksichtigen. Viele diesbezügliche Stellen finden sich jetzt gesammelt bei S ch le ch te r („Jewish Quarterly Review”, ISOö, 378 IT.), L a z arus <8 1~2Ü), Schreiner („Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur", 1809, 58 ff.). Der zweite Abschnitt des 8 2S gibt ein sehr einseitiges Bild von der talmudistischen Gesetzgebung, indem fast nur solche Gesetze mitgetheilt werden, „welche durch das Uebermaß kleinlicher, theils komischer, theils sittlich bedenklicher Easuistik das moderne Bewusstsein besonders verletzen". Die unter Anführungszeichen mitgetheilten Worte finden sich nicht etwa an dieser Stelle bei Schürer, sie sind vielmehr einer Besprechung entnommen, die er dem bekannten Werke von Winter-Wünsche widmete. Dort wirft er nämlich den Verfassern vor, dass sie derartige Abschnitte in ihre Auswahl nicht ausgenommen hätten. Düse Taktik haben unsere Gegner von jeher sich zu eigen gemacht. Sie schenkten nur dem Kläger Gehör, ließen aber den Vertheidiger nicht zu Worte kommen. Schürer geht sogar soweit, die zarteste Blüte des jüdischen Geistes, das Gebet, wie es sich in der talmudischen Zeit entwickelte, als äußeren Werkdienst hinzustellen. Dem gegenüber möckste ich bloß die Frage stellen, ob je ein Volk andächtiger und inbrünstiger betete und auch Veranlassung hatte, andächtiger und inbrünstiger zu beten als Israel seit 2000 Jahren.") Noch absonderlicher ist es, wenn die beiden größten Kleinodien des jüdischen Lebens, die Heiligkeit der Ehe und die Ehrfurcht vor den Eltern auf Grund irgend einer weither geholten Stelle ihres Glanzes beraubt werden. Auch hier wären Dutzende von Gegenstellen anzuführen, aber hier gilt noch mehr wie irgend wo anders, dass es nicht aus einzelne Aussprüche und Gesetzesbestimmungen ankomme, hier kann nur die praktische Bethätigung als Beweis gelten. Selbst Herr Professor Schürer wird sich nicht einreden, dass die Juden von früher oder von heute einen Vergleich ihres Familienlebens mit dem ihrer Umgebung zu scheuen brauchen. Bei dieser Gelegenheit kann sich Schürer nicht versagen, wenn auch nur ganz vorsichtig, eine Parallele zwischen Rabbinismus und Jesuitismus zu ziehen, beeilt sich aber, gnädigst zuzugeben, „dass uns von den Gelehrten jener Zeit doch auch manch schönes Wort aufbervahrt ist, welches den Beweis liefert, dass unter dem Wüste der halachischen Diseussionen nicht alles sittliche Urtheil erstickt war". Aus Schürers Werk ergibt sich eine wichtige Lehre: Die Wissenschaft des zur dleige gehenden Jahrhunderts, die so viele geheime. Kräfte entdeckt hat, hat eine große Kraft noch immer nicht erkannt: Die sittliche und geistige Kraft des Judenthums, die es bis heute erhalten hat und immer erhalten wird. F. P. r) Das nachstehende Urtheil bezieht sich natürlich auf die zweite Auflage, da, wie schon oben bemerkt, die neue Ausgabe dieses Buches noch nicht erschienen ist. 2) „Geschichte des Volkes Israel" (Chicago 1898), 310 ff. ') lieber Schürers halachische Kenntnisse, vgl. Ehw elf o n „Monatsschrift f. d. Gesch. u. Wissensch. d. Judenth." 37, 537 ff. 4) „Die Ethik des Judenthums", 127 ff. spec. 13;». A „Theologische Literaturzeitung" 1890, 380. R) Vgl. Steinthals schönen Aussatz „Uebrr Andacht" („Aus Bibel- und Religionsphilosophie", I, 151 ff.). V Feuilleton Das Theater und die Juden. (II.) Bühnendichtung. Die Bühnendichtung ist an viel tiefer liegende Entstellungs-Bedingungen geknüpft, als die Schauspielerei. Das Komödiantenthum ist ein thictuiemides Element in der Theaterkunst. Es ist wurzelärmer und wird so von der- Augenblicksstimmung leichter aus dem Volkstemperamente gelöst; leicht wieder verflüchtigt es in den wechselnden Daunen der Generationen. Die dramatische Dichtung wächst langsam. Mit der Cultur eines Volkes verknüpft, stellt sie sich als ein in sich geschlossenes Ganzes dar, dessen Ausreifen an bestimmte, innerorganische Gesetze gebunden ist. Die Bühnendichtung entsteht aus den Gedanken und den Gefühlen eines Volkes, die Schauspielerei aus dem Gebilde. Zu einer guten Bühnendichtung gehört etwas, das nicht erworben werden kann : Bodenständigkeit. Das Volk einer bestimmten Erde findet in seinen Dichtern die Erlebnisse dieser Scholle gesammelt, Schauspieler können ihre Sprache wechseln, Dichter nicht. Ohne Schaden sehen wir Schauspieler von einer Nationalität zur anderen übergehen und überall das ganze Gepäck ihrer Kunst mitnehmen. Als die Künste auch für die Juden freigegeben wurden, da hatten die Juden nicht mehr, als sie auch heute haben: Sesshaftigkeit, aber sie waren nicht bodenständig, an gesiedelt auf irgend einer Erde, aber nicht in ihr wurzelnd. In die darstellende Kunst sind sie mühelos eingedrungen. Hier haben ihnen weder in der Gegenwart noch nach rückwärts Anknüpfungen gemangelt. Zur dramatischen Dichtung standen sie in einem anderen Verhältnisse. Ohne Entwicklung sahen sie sich an ein Resultat gestellt, dessen Ursachenkette sie erst wieder aufrollen und durch ihre Hände gleiten lassen mussten, um es zu verstehen. Freilich fehlte die Fülle der Erlebnisse, aus welcher die Schaubühne herausgewachsen war. Sie traten in die Kunst ohne den erziehlichen Reichthum lebendiger und künstlerischer Vergangenheit, ohne Erinnerung an Geschehenes, uud jener Untergrund fehlte ihnen, der aus mitgeschautem und mitempfundenfcm Kunstschaffen sich bildet. Sie mussten theoretisch nachholen und in sich verdauen die ganze grosse Praxis von den Mysterien und Staatsactionen an, dem Gelächter des Hanswurst, das nie bis ins Ghetto gedrungen war, von den Puppenspielen, den Dichtern der Zopfzeit durch den grossen Shakespear’schen Aufstand hindurch bis zur Herrlichkeit der classischen Epoche. In diesem Processe sehen wir das Judenthum heute noch begriffen, und dass er noch nicht vollendet ist, mag vielleicht mit ein Grund sein, warum die Juden bis heute kein classisches Bühnenwerk vollbracht haben. Andere Gründe dafür sind das werbende Bemühen um fremde Volkstümlichkeiten, dieses sonderbare »Streben nach allerhand Bodenständigkeiten, das noch nicht völlig erwachte Bewusstsein der eigenen Art. Als lebhafte und bewegliche Beobachter des Welttreibens haben die Juden statt des Bodenständigen die Locaifarbe für einstweilen beherrschen gelernt. Sie malen mit eindringlichem, äusserst drastischem Colorit, und zeichnen gleich das Bewusstsein von anderen Himmelsstrichen in die dargestellte Landschaft hinein. Sie sind zwischen den Nationen, wenn sie nicht mit und in ihnen sein können, und das macht ihre Schilderungen in ungemeiner Weise charakteristisch. Ihr Schaffen ist auf das Leben des Tages gerichtet, und so waren die Juden von Anfang an eifrige Förderer des Gegenwartsdramas Ihre Vergangenheit und ihre Stellung machen sie ebensosehr wie ihre natürliche Anlage zu Gesellschaftskritikern. Sie haben sich mit beziehungsreichen Motiven als rücksichtslose Enthiiller gezeigt. Dieses Volk, welches selbst so schwer unter harten Vorurtheilen und einengenden Schranken gelitten, ist überall der Gegner vorurtheiisvoller Beschränktheit, und es hat von jenen Zeiten hei*, in welchen es hinter Barrieren, abgeschlossen von der übrigen Menschheit, leben musste, eine unüberwindliche Lust behalten, Schranken und Beschränktheiten niederzureissen. Eine ungeheuer wirksame Form der Gesellschaftskritik, die Persifilage haben die Juden aus angeborenem Talente geübt. Sie haben in den wenigen Jahren ihrer geistigen Befreiung eine inasslos fröhliche