Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 15 (14.4.1899)
- Article
- Wien [Nachricht]
- Date
- 1899-04-14
- Page
- 13 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315796-3315812--11988-3386489- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ar. 15 „Die s£x Weit“ Seite 13 Wien. Sonntag den IG. d. M. findet im Mädchenverein „H a d a s s aÄ ein Vortrag: . Zwei jüdische Satiriker des Mittelalterä“ von Herrn Dr. Max Steif statt. Gäste willkommen* Anfang 4 Uhr. San Antonia (Texas). Im hiesigen Vereine „Mwasereth Zion“ wurden die Herren Med. Dr. Sch. Burg zum Präses, L o u r i e zum Vicepräsidenten. S. Evans zum Secretär, Revereud M. Sardorsky zum Cassier und A. J. S1 a - borsky zum Verwalter gewählt. Der Verein ist ungemein rührig und hat der zionistischen Bewegung in ganz Texas eine grosse Zahl von Anhängern gewonnen. Zeitschriftenrundschau. In ihrem fünften Hefte enthält die Jargon-Halbrnonatsschrift „Der Jude“ (“7p einen Leitartikel über die Jüdische Colonialbank von Dr* L. Kahn, Beiträge von M e n d e 1 e Mocher Sforim, Ben Ami, J. J. Weissberg, der sich in einem scharfen Artikel gegen die bezahlten Magidim wendet, von S. L. C i t r o n, von S. F r u g und J. L. L ewinski, ausserdem eine Reihe von Notizen und eine Besprechung des nach Mordowzew erzählten historischen Romanes „Die Helden Jerusalems“. Eine allen Lesern gewiss hochwillkommene Gabe ist das Gedicht des bei uns leider noch so wenig gekannten und gewürdigten Jargondichters Morris Rosenfeld „Ein Gruss an Zion“. Das stimmungsvolle, tiefempfundene Gedicht ist Prof. Richard Gottheil gewidmet. * * * „Ein Narr fragt mehr, als zehn Weise beantworten können.“ Wenn aber der Narr ein ganz bescheiden kleiner ist und der Weise weise genug, den Narren scheinbar ernst zu nehmen, so wird die Geltung des Sprichwortes aufgehoben. Für solch kurzweilige Zwecke ist kein Humor geeigneter, als der trockene, englische, der seine Wirkungen aus einer grotesken Spielerei mit der Narretei des gefoppten Partners holt. Nichts ist possierlicher, als wenn der Clown, während er über die Narrenkappe des anderen hinweg seinen Purzelbaum schlägt, dem Publicum durch eine leise, feine Grimasse andeutet, dass er den Clown nur posiere. Mit solch einer feinen, leisen Grimasse fertigtim Jewish World unser trefflicher GesinnungsgenosseMr.JosephC o w e n einen Mr. Davis ab, der es in einem Schreiben an den „Jewish Chronicle“ unternommen hatte, die Zionisten mit 16 wohlerwogenen Fragen ausser Fassung zu bringen. Aber nein, es sind 16 dürftige Narrenfragen, ein wahrer Embarras de pauvrete, der antizionistische Ollendorf sozusagen. Auf alle 16 Fragen antwortet Mr. Cowen hübsch der Reihe nach. Es gibt einen netten Katechismus, und am Ende erweist sich der Katechet als der eigentlich Geprüfte und Durchgefallene. Wir können es uns nicht versagen, die köstliche Abtrumpfung hier wiederzugeben: 1. Werden die zionistischen Führer ihr Hab und Gut verkaufen, ihre jetzige Nationalität abstossen, sich unter das türkische Joch beugen und in Palästina niederlassen? — „Das hängt von der persönlichen Haltung der Führer ab. Ich kenne einige, die es thun werden.“ 2. Wer wird die geeigneten jüdischen Botschafter an den europäischen Höfen designieren? — „Ich denke, man wird Mr. Davis den vielbegehrten Pariser Posten antragen. Von Mi*. Davis Gehalt wird später die Rede sein.“ 3. Welche Classe von Juden fühlt sich vom heiligen Lande angezogen? — „Offenbar die ärmere. Ich ziehe diese der reichen Classe vor, die das Kartenspiel vorzieht. 4. Wird man diese Leute nicht dauernd unterstützen müssen? — „Ich sehe den Grund nicht ein, weshalb eine mehr als e i n malige Unterstützungnothwendig werden sollte.“ 5. Wovon werden die Leute leben? — „Vom Landbau und von den verschiedenen zu gründenden Industrien.“ 6. Können Juden voneinander leben? Vide den Eastend von London* wo thatsächlich ein Jude den anderen aufisst. — „So? Ich möchte eine Probe dieser letzteren Thätigkeit sehen!“ 7* Wird der Gewinn aus der Landwirtschaft gross genug sein, um in grossem Massstabe colonisieren zu können? — „Man wird sich bemühen, ihn genügend gross zu machen.“ 8. Wenn Ihr Zionisten auch Erfolg habt — welche Garantie gibt es gegen ungerechte Besteuerung? — „Mr. Davis nehme gefälligst an, dass wir keine Dummköpfe sind und uns über diesen Punkt vergewissern werden. Uebrigens sollen auch in England Klagen über zu hohe Begräbnistaxen Vorkommen.“ 9. Angenommen* Ihr erhaltet eine Garantie, — wie kann ihre Einhaltung erzwungen werden?— „Nur auf Grundlage einer gerechten Taxierung werden überhaupt Steuern gezahlt. Die Furcht vor Einstellung der Steuerentrichtung ist die beste Garantie.“ — 10. Können Juden von Juden regiert werden? — „Gewiss.“ 11. Welches sind die Erfahrungen der hervorragenden Zionistenführer Englands im öffentlichen Leben? — „Die Massen der Juden sind für uns, die Lehnsessel-Juden nur für die eigene Bequemlichkeit.“ 12. Lehrt uns nicht die jüdische Geschichte, dass die Juden von jeher ein steifnackiges Volk gewesen? — „Andere Rassen erfreuen sich des gleichen Vorzuges und bilden doch tüchtige Nationen.“ 13. Haben nicht einige von eben diesen Zionistenführern für ihr mühevolles öffentliches Wirken Undank erfahren? — „Ich glaube* nein. Und wenn doch, — so sind sie nicht die ersten und werden nicht die letzten im öffentlichen Leben Wirkenden sein, die solche Erfahrungen machen.“ 14. Sollte man nicht, bevor man in den armen Juden der ganzen Welt Hoffnungen erregt, zuerst die Lage der palästinensischen Bevölkerung bessern? — „Mr. Davis trifft hier mit einem alten Programmpunkt unserer Partei zusammen.“ 15. Schreckt die Zionisten nicht der üble Ausgang der Baron Hirsch’schen Rettungsaction in Argentinien ab? — „Nein! Das war ein Werk der Wohlthätigkeit, unser Werk ist eine Methode, die Juden selbständig zu machen.“ 16. Wie lange würde sich ein jüdischer Staat gegen die den Juden eigenthümlichen inneren Streitigkeiten und Eifersüchteleien halten? — „Genau so lange als andere Staaten, z. B. England, in denen es auch Parteien mit verschiedenen Meinungen und infolgedessen Streitigkeiten gibt.“ Hoffentlich ist Mr. Davis nunmehr beruhigt. Oder denkt er über weitere Fragen nach? Wer weiss, in einer glücklichen Stunde findet er eine Frage, die nicht einmal der gewiss fixe Mr. Cowen beantworten kann. Bücherwelt. Schürer Emil, „Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu Christi." 3. Aufl., 2. u. 5. Band. Leipzig (I. C. Hinrichs) 1898. In Schürer rereinigen sich die meisten Eigenschaften, die zu einem Historiker gehören: umfassende Gelehrsamkeit und kritischer Blick, Akribie der Arbeit und Klarheit der Darstellung. Sein Werk ist schon in der vorigen Auflage ein unentbehrliches Hilfsmittel für die Erforschung der jüdischen Geschichte im Zeitalter Jesu gewesen und gibt jetzt in der neuen Bearbeitung ein beredtes Bild vom augenblicklichen Stande der Wissenschaft. Bis jetzt liegen nur der zweite und dritte Band vor, die die „Inneren Zustände" und „Das Judenthum in der Zerstreuung und die jüdische Lite- . ratur" zum Gegenstände haben. Der erste Band, der die politische Geschichte behandelt, ist noch nicht in neuer Ausgabe erschienen. Der wertvollste Theil des Werkes ist unbestreitbar der dritte Band* Nirgends sonst findet man eine bei aller Knappheit so gründliche Darstellung der ausgedehnten jüdischen Literatur dieses Zeitraumes. Wer sich rasch und zuverlässig Auskunft über die Apokryphen und Pseudepigraphen, über die griechischen Bibelübersetzungen, über die historische und poetische, philosophische und apologetische Literatur zu verschaffen sucht, wird hier immer die erwünschte Belehrung und für weiteres Eindringen wirklich erschöpfende bibliographische Nachweise finden. Die Geschichte im engeren Sinne behandelt der erstes und der Anfang des dritten Bandes. Mit ruhig abwägendenr Blicke sucht hier Schürer den Gang der Ereignisse von der Erhebung der Makkabäer bis zum Bar Kochba-Aufstande nach den Quellen zu zeichnen. Wir haben überall den Eindruck, aufs Zuverlässigste über alles Wichtige belehrt zu werden, und doch muthet uns die Darstellung nicht selten fremdartig an und lässt uns unbefriedigt. Schürer schreibt nicht mit der Begeisterung, die dem Geschichtsschreiber die Liebe zum Gegenstände einflößt. Kalt und theilnahmslos steht er der Glaubenstreue und dem Heroismus unserer Vorfahren gegenüber. Wir können von einem christlichen Theologen nicht verlangen, dass er die jüdische Geschichte dieses Zeitraumes wie ein Grätz mit seinem Herzblute schreibe, aber man lese z. B. bloß, wie EornilN) die Tragödie des jüdischen Volkes beurtheilr und vergleiche damit den betreffenden Abschnitt bei Schürer und man wird sehen, dass ein Forscher bei aller Objeetivität dem damaligen Judenthum ganz anders gerecht werden kann, als Schürer. Kein gelehrtes Rüstzeug verleiht eben die Fähigkeit, in die Tiefen einer Volksseele einzudringen, und, um ein Volk mit allen seinen Wünschen, Hoffnungen und Idealen richtig zu verstehen, muss man ihm, wenn nicht Liebe, so doch mindestens Achtung und Sympathie entgegenbringen. Am stärksten macht sich die Befangenheit Schürers im zweiten Bande fühlbar, wo er von den inneren Zuständen spricht.