Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 15 (14.4.1899)
- Article
- London / J. de H.
- Date
- 1899-04-14
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3315796-3315812--11972-3386487- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 15 „Die Welt“ Seite 11 gestellte, vor dem Anmeldebogen sitzend, unseren Gruss erwidern, zur Rechten ist ein Saal für die Schreiber, in einem weiteren lagern mit hebräischen Prospecten gefüllte Pakete; endlich das Bureau des Secrefcärs, zu dem |alle Besucher Eintritt verlangen. Es herrscht eine musterhafte Ordnung. Die Leute, die kommen, um Geldzahlungen zu leisten, drängen nicht und hasten nicht. Auf meinem Wege, hierher sah ich viele, die mitten im Strassengedränge ein Stück Papier in der Hand hielten und dann, an einen steilen Polizisten her an tretend, mich der „Jüdischen Bank*' fragten. Briefe und Telegramme sind in unglaublicher Menge eingelaufen. Ein rührender Moment war es, als wir Montag nachts das erste Telegramm öffneten und eine Shares- Anmeldung von Juden aus Jaffa lasen. Seither kommt von ü b e r al 1 h e r Bitte auf Bitte um Prospecte. Der E astend wird ehrlich beitragen, was auf sein Th eil kommt. Man glaube nicht, dass die Leute, weil sie die Bank so nahe bei der Hand haben, sich Zeit lassen. Die Bank und wieder die Bank, ist das Strassengespräch im Eastend. Immer neuen Stoff bieten die Bankplacate an den Mauern, die zu tausenden in den Strassen vertheilten Zettel. Ich bin versichert, wenn die Subscriptionszeit uni ist, wird jeder Bewohner des Londoner Ghetto sein Möglichstes für die Bank gethan haben. Die Ihnen bereits gemeldete Riesenversammlung von Montag Nacht bedeutete einen ganzen Erfolg. Weitere Meetings werden vorbereitet. Der ablehnenden Haltung der officieilen Gemeindevertretung zum Trotze, hört man überall nur Worte des Lobes und der Hoffnung. Sehr energisch wird auch in den Proviuzcentren für die Banksache gearbeitet, in allen Theilen des Landes finden Meetings statt, werden Subscriptiouen gesammelt. Die englische Presse, die finanzielle sowohl als die allgemeine, spricht sich günstig über die Bank aus, die als ein hauptsächlich die Judenschaft betreffendes Unternehmen betrachtet wird. Eine einzige Ausnahme von dem allgemeinen Verhalten der Presse bemerke ich. Sie geht — ich berichte das mit Schmerz — von einem Finanzblatte aus, dessen Eigent Inimer Jude ist. Sein Judenthum reicht nicht weiter als seine Hoffnung, bei einer eventuellen Kandidatur von der Hastender Wählerschaft unterstützt zu werden. Ausdrücklich sei bemerkt, dass diese Person nicht identisch ist mit Sir S. Mont agu. Auch unsere Kanzeln sind, soweit ich das im Momente überblicke, zu keinen Angriffen auf die Bank missbraucht worden. J. de H. London, 7. April, in der vergangenen Woche haben in L ondo n, M a n c h e s t e r L i verpool, Blae k b u r n und Grimsby Versammlungen stattgefunden, die die Anmeldung zahlreicher Shares zur Folge hatten. Ebenso laufen aus allen Städten Irlands mit jüdischer Bevölkerung Subscriptionen ein. Die Propaganda wird durch die English Zionist Federation unterstützt, die in einem wannen Manifest das Bankunternehmen befürwortete. Die niedrigen, persönlichen Angriffe im „Jewisli Chronicle“ haben eine Reihe von Resolutionen hervorgerufen, durch welche diese Zeitung aus den zionistischen Familien verbannt wird. Nachdem das edle Blatt mit seiner Kritik des Prospectes zunächst zurückgehalten, eröffnet es nun einen wütlienden Angriff auf die Bank und fordert die reichen Banijuiers auf. sich ebenfalls auf die Angreiferseite zu stellen. Dieser Appell wird aber schwerlich seinen Zweck erfüllen. Bei aller bisher bewiesenen Bereitwilligkeit, der Bewegung entgegenzuwirken, lialten es die angerufenen Kreise seit dem Erscheinen des Prospectes für dienlicher, mit der öffentlichen Opposition zurückzuhalten. Inzwischen herrscht in den Bureaux der Bank volle Geschäftigkeit. Das Bcamtenpersonal musste vergrößert werden, so riesig wuchs die Arbeit an. Von Tag zu Tag mehren sich die Anmeldungen. Rechobo t h ist die vierte Colonie in Palästina, die Shares zeichnet. Diese einfache Thatsache zeigt, wieviel bereits die Theorie der Chaluka-Existenz an Boden verloren hat. Zahlreiche Briefe von Christen laufen ein, die die volle Zahlung für die verlangte Anzahl von Shares leisten und warme Worte für das Gedeihen der Bewegung finden. Als einen Beweis für den Eifer der Zionisten erwähne ich die Thatsache, dass ein Verein, um 200 Shares im Namen des Vereines zeichnen zu können, eine Anleihe aufnahm, welche die Mitglieder, für ihre Person bereits Shares-Inhaber, in kleinen Raten zu tilgen sich verpflichteten! Russland. Petersburg. Nach neuerlichen Meldungen sollen die bisher den jüdischen Kauf leiden erster Gilde gewählten Rechte erheblich geschmälert werden. Bis jetzt belassen solche Juden, die zehn Jahre lang die Steuern erster Gilde bezahlt hatten, das Recht, auch mich dem Aufhören ihrer Zugehörigkeit zur Gilde mit ihren Kindern, Brüdern und Neffen ausserhalb des Ansiedlungsgebietes zu wohnen. Fortan soll nun der jüdische Kaufmann nur solange in Moskau wohnen dürfen, als er die Steuern zur ersten Gilde zahlt, und auch dann nur mit m i n d e r j ä h r i g e n Söhnen und unvevhei r a t e t e n Töchtern. Ismail (Südrussland ). Ich finde kaum genug Worte, um Ihnen den Eindruck wiederzugebon, den ich bei meiner jüngsten Reise durch Südrussland hinsichtlich der Verbreitung unserer erhabenen Idee gewonnen habe. Ich will Ihnen daher meine Wahrnehmungen in wenigen Worten schildern und Ihnen sagen, dass liier valnhafiig eine individuelle wie generelle Wiederbelebung unseres Volkes beobachtet werden kann. Sobald sich ein Einzelwesen oder eine ganze Gemeinde unserer unterdrückten und verfolgten Brüder durch irgendein Ausnahmsgesetz in seinen Rechten beschränkt und hiedurch in seinem Ehrgefühle gekränkt sieht, so brauchen sie nicht mehr lange nach einem schützenden Helfer nach einer Zull ucbtsslätte zu suchen: dieselben sind für sie bereits geschaffen : wie überall, nimmt nun auch hier der Jude in jeder bedrängten Lage seine Zuflucht zu seinem erhabenen Ideal, zum Z i o n i s m u s. Dank dem unermüdlichen und eifrigen Bestreben unseres hochverehrten Herrn Di*. B e r n s t o i n - I( oli a n ist das Wach s thum des Zionismus in Bossnrabien in ununterbrochenem Zunehinen begriffen. Ich war oftmals erstaunt, zu sehen, wie von vielen die Xionsversanimlung einem dringenden Geschäftsgänge vorgezogen wird, wie viele grosso Industrielle ihre Geschäftsreisen verschieben, um eine bestimmte zionistische Sitzung nicht zu versäumen; ja, so manche sind bereit, ihren Beruf, ihre Existenz ihrem Ideale, dem Zionismus, zu opfern. Unsere Gesinnungsgenossen lassen es aber hierzulande nicht bloss heim Gründen der Vereine etc. bewenden, sondern sind unaufhörlich bestrebt, dem Zionismus auch in späteren Jahren, in der Zukunft, eine Existenz, eine Basis zu sichern : Die Jugend mit unserer nationalen Idee vertraut zu machen und sie im Sinne des Zionismus hcranzubiblen; in erster Reihe aber sie vor der Assimilation zu schützen. Manche Eltern, die der Strömung fernestamlen, folgten dem Beispiele der begeisterten Jugend und — wurden gleichfalls Zionisten. Mein gegenwärtigerAufenthaltsort I s m a i 1. der von mehreren hundert jüdischen Familien bewohnt wird, erfreut sich zweier Zionsvereine; der eine unter Leitung der Herren: L i b i d i n s k y, B o t h m a n, I s r a e 1 s o h n und F i n k e 1ste i n. der andere unter der Leitung der Herren S i l b e rb e rg. K a t z, R o b i n s o h n mul P1 o t k i n : letzterer. „.Jung- XioiD, zeichnet sich durch seine ununterbrochene Rührigkeit besonders aus. Ferner existiert daselbst seit ungefähr einem Jahre eine unter Leitung des Pädagogen Herrn Rabbiners YV i s e n stehende Ta I m u d - Tho r a, die von ca. 100 Kindern Reissig besucht wird. Der gründliche, systematische Unterricht der Lehrer, sowie der an den Tag gelegte Fieiss der Schüler erwecken uns die beste Hoffnung, auf dem so eingeschlagenen Wege in nicht unabsehbarer Zeit zum ersehnten Ziele zu gelangen . . . B. Katz. W